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Demenzstrategie für (über)morgen

Die von Experten und Betroffenen gemeinsam erarbeitete Demenzstrategie „Gut leben mit Demenz“ wurde Ende 2015 präsentiert. Die Umsetzung soll sofort beginnen.

Passenderweise umrahmte die Trommelgruppe „LeRhy – TamTam“ aus Wels musikalisch die Präsentation der Demenzstrategie. Dabei konnten auch etliche Silver-Agers zeigen, was sie drauf haben.

Passenderweise umrahmte die Trommelgruppe „LeRhy – TamTam“ aus Wels musikalisch die Präsentation der Demenzstrategie. Dabei konnten auch etliche Silver-Agers zeigen, was sie drauf haben.

„Demenz ist eine große Herausforderung nicht nur für Betroffene, sondern auch für Familien und sogar für Profis“, erklärte Gesundheitsministerin Dr. Sabine Oberhauser bei der Präsentation der Strategie im Dezember. Die Demenzstrategie biete allen Stakeholdern einen „gemeinsamen Orientierungsrahmen“, um optimal im Sinne der Betroffenen zusammenzuarbeiten. Ihr Regierungskollege, Sozialminister Rudolf Hundstorfer, drückte es so aus: „Wir wissen über diese Krankheit noch sehr wenig, aber wir wissen, was wir jetzt brauchen, um mit dieser Krankheit zu leben.“ Erarbeitet wurde das 53-seitige Papier in einem mehrstufigen Verfahren unter Einbeziehung von Experten und Betroffenen. Mehr dazu siehe rechts unten.

Niederschwellige Anlaufstellen

Gebraucht werden in Österreich vor allem „flächendeckende und wohnortnahe niederschwellige Anlaufstellen“ – sowohl zur Information und Beratung über Demenz als auch zur Früh­erkennung, Diagnose und Begleitung. Bei diesen Anlaufstellen sollen multi­professionelle Teams gemeinsam mit den Betroffenen und deren Angehörigen individuelle Maßnahmen planen und notwendige Leistungen koordinieren. Empfohlen werden niederschwellige Informationsangebote wie etwa Informationsabende in „leichter“ Sprache, „aufsuchende Informationsarbeit“ wie etwa der „Gedächtnisbus“ oder Demenzveranstaltungen wie z.B. das MiniMed-Studium.

Solche Schulungs- und Ausbildungsangebote für Angehörige oder Ehrenamtliche würden demenzspezifische Kompetenz vermitteln mit dem Ziel, individuelle Belastungen und Herausforderungen zu erkennen, zu reduzieren und mehr Betreuungsqualität im informellen Sektor zu erreichen. Als „Ebenen der Umsetzung“ nennt die Demenzstrategie gleich nach den Gemeinden explizit die Hausärzte, noch vor Fachärzten, Primärversorgungseinrichtungen und ihren Partnern (z.B. Apotheken) sowie Interessensvertretungen und Pädagogen. Auch bei der Wissens- und Kompetenzstärkung der Betroffenen und ihres Umfelds sind Mediziner gefragt. Haus- und Fachärzte seien dazu „kompetente Ansprechpartner“.

Schnittstellen überwinden, Qualität sichern

Das Strategiepapier pocht auf die Überwindung der hinderlichen Schnittstellen im heimischen System.  Dazu sei eine  abgestimmte integrierte Versorgung für Menschen mit Demenz und eine sektorenübergreifenden Struktur zu schaffen. Die Versorgung im niedergelassenen Bereich durch Haus- und Fachärzte sei zu optimieren sowie die Abläufe an den Schnittstellen zwischen Gesundheits- und Sozialbereich zu koordinieren. Namentlich gefordert sind da die Bundes- und Landes-Zielsteuerungspartner, allerdings mit dem klaren Auftrag, den Sozialbereich einzubeziehen. In der Strategie geht es auch darum, einheitliche Rahmenbedingungen in ganz Österreich zu gestalten. Prioritär empfiehlt die Demenzstrategie hier, u.a. Qualitätsstandards für Diagnostik, Behandlung, Pflege und Betreuung zu entwickeln.

Ferner gelte es, evidenzbasierte medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsleitlinien (unter Berücksichtigung der bereits vorhandenen Leitlinien) zu entwickeln, zu adaptieren, zu aktualisieren und zu implementieren. Dazu wird empfohlen eine „Plattform Demenzstrategie“ einzurichten. In dieser sollen Verantwortungsträger, Umsetzer, Forscher und Betroffene vertreten sein. Auch in Forschung müsse investiert werden. So sei es notwendig, einen bundesweiten Datenpool zur Epidemiologie und zu den Versorgungsangeboten aufzubauen, inklusive einer Evidenzbasierung des Versorgungsangebotes und einer Evaluierung.

Handlungsbedarf bei allen Beteiligten

Um notwendige demenzgerechte Versorgungsangebote sicherzustellen besteht laut Strategie Handlungsbedarf in allen Teilen der Versorgungskette, v.a. was das abgestimmte Vorgehen angeht: Das betrifft den Niedergelassenen-Bereich genauso wie die Akutversorgung im Spital, die mobilen Dienste, die  teilstationäre und stationäre Langzeitpflege, aber auch die psychosozialen und therapeutischen Angebote. Auf Basis von regionalen Bedarfs- und Entwicklungsplänen müssten dazu folgende Strukturen geschaffen werden:

  • (mobile) interdisziplinäre, multi­professionelle gerontopsychiatrische Fachteams mit klaren Zuständigkeiten vom Erstscreening bis zur Versorgung zu Hause bei fortgeschrittener Demenz,
  • stundenweise Entlastungsangebote und Betreuungsmöglichkeiten, z.B. fallweise, abends, am Wochenende,
  • ein mobiles Deeskalationsmanagement, v.a. zur Gewaltprävention durch qualifiziertes Personal,
  • eine qualifizierte Versorgung demenziell Erkrankter im Palliativ- und Hospizbereich.

Bei der Umsetzung sind auch hier  Länder und Sozialversicherung gefragt, unter Einbindung aller „relevanten Anbieter“ – Professionisten, aber auch Selbsthilfegruppen. Die Umsetzung erster Maßnahmen soll bereits 2016 beginnen, versicherten die zuständigen Ministerien. Nachdem eine der Kernaussagen des Berichts die „derzeit bestehende mangelnde Information auf sämtlichen Ebenen“ sei, kündigte Hundstorfer eine Informationsoffensive zu „Leben mit Demenz“ für 2016 an. Als „gutes Vorbild“ dafür werde das Sozialressort Informations- und Beratungsgespräche zu Demenz zuerst für die Mitarbeiter des Sozialministeriums anbieten.

Die sieben Wirkungsziele der Demenzstrategie

Die Demenzstrategie haben Betroffene, Entscheidungsträger, Leistungsanbieter und Experten, darunter renommierte Geriater, auf Basis des Demenzberichtes 2014 gemeinsam entwickelt: Nach einer öffentlichen Konsultationsphase im Juli und August 2015 formulierten sechs Arbeitsgruppen – mit jeweils 14 bis 18 Mitgliedern – insgesamt sieben Wirkungsziele und 21 Handlungsempfehlungen. 18 Workshops hat es dafür gebraucht, bis der Abschlussbericht am 14. Dezember in Wien präsentiert werden konnte. Dieser enthält folgende sieben Wirkungsziele:

  1. Teilhabe und Selbstbestimmung der Betroffenen sicherstellen
  2. Information breit und zielgruppen­spezifisch ausbauen
  3. Wissen und Kompetenz stärken
  4. Rahmenbedingungen einheitlich gestalten
  5. Demenzgerechte Versorgungsangebote sicherstellen und gestalten
  6. Betroffenenzentrierte Koordination und Kooperation ausbauen
  7. Qualitätssicherung und -verbesserung durch Forschung

Demenzstrategie „Gut leben mit ­Demenz“ unter http://bmg.gv.at/home/Demenzstrategie

Von Mag. Anita Groß