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Das „Wiener Modell“ für Hausärzte

Bei einem Gipfelgespräch einigten sich Stadt Wien, WGKK und Ärztekammer vergangene Woche darauf, bis Ende März ein neues Hausarzt-Modell auszuarbeiten, die Fachärzte sollen bis Ende Juni 2016 folgen.

Neue Perspektive: Innovative Formen der hausärztlichen Zusammenarbeit sollen die wohnortnahe Versorgung in den „Grätzeln“ sichern.

Neue Perspektive: Innovative Formen der hausärztlichen Zusammenarbeit sollen die wohnortnahe Versorgung in den „Grätzeln“ sichern.

Zu einer gemeinsamen Aussendung nach dem Gipfelgespräch am 8. März 2016 konnten sich die drei Stakeholder zwar nicht aufraffen. Allerdings sind die von Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely, WGKK-Obfrau Mag. Ingrid Reischl und Niedergelassenen-Kurienobmann Dr. Johannes Steinhart festgelegten Eckpunkte für das sogenannte „Wiener Modell“ der Primärversorgung, das der MT vorliegt, erstaunlich konkret: In drei Schritten wird die allgemeinmedizinische und fachärztliche Versorgung im niedergelassen Bereich neu organisiert.

Der erste Schritt ist ein „Gesamtkonzept“ für das allgemeinmedizinische Angebot. Dieses soll die Demographie inklusive Ein- und Auspendler sowie die ärztlichen Ressourcen berücksichtigen (Planungshorizont: 2030). Die neuen Strukturen sollen zu einer „wirksameren“ hausärztlichen Versorgung führen, auch mit besserer zeitlicher Erreichbarkeit. Bis Ende März sind das Konzept sowie „erste Umsetzungsschritte“ vorzulegen. Dazu vereinbarten Wehsely, Reischl und Steinhart u.a. folgende Prämissen:

  • Die Organisationsformen sollen erstens bestehende Hausärzte in Ordinationen oder Gruppenpraxen, zweitens neue Kooperationsformen von Hausärzten („Grätzelversorgung“) und drittens neue Primary-Health-Care (PHC)-Zentren umfassen.
  • Dabei sind immer die Kriterien des von der Bundeszielsteuerungskommission beschlossenen Konzepts „Das Team rund um den Hausarzt“ zu erfüllen.
  • Ein gemeinsam neu zu definierender Versorgungsauftrag soll verbindlich erbracht werden.
  • Die Honorierungssystematik für die neue Primärversorgung (PV) soll „an die neuen Überlegungen angepasst“ werden.
  • Die Lehrpraxen und das Klinisch-Praktische Jahr sind mitzudenken.
  • Ebenfalls mitzudenken sind „Spezialversorgungsstrukturen in der Allgemeinmedizin“, wie z.B. Wundmanagement.
  • An den Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht erfolgt die Akutversorgung über den Ärztefunkdienst.

Aufwertung von Gruppen­praxen, aber auch Einzelordis

Der zweite vereinbarte Schritt: Sobald die entsprechende Planung vorliegt, also Ende März, will man bestehenden Vertragsgruppenpraxen mit zwei Gesellschaftern das Angebot einer „Gruppenpraxiserweiterung“ machen. Hat sich ein Dritter gefunden, soll die Gruppenpraxis „nach Neuinvertragnahme“ und einer kurzen Etablierungszeit in ein PV-Zentrum aufgewertet werden. Bestehende Gruppenpraxen mit bereits drei Gesellschaftern können „durch Abschluss eines Einzelvertrags mit besonderem Inhalt“ in das PHC-Modell wechseln. Außerdem soll ein „Pilotprojekt für ein Einzelordinationsnetzwerk“ konzipiert werden.

Der dritte Schritt ist ein Gesamtkonzept für das fachärztliche Angebot – unter Einbeziehung und in Abstimmung mit dem ambulanten und stationären Bereich. Auch will man „ein höheres Versorgungspotenzial durch die Stärkung der PV“ berücksichtigen. Hier geben sich die drei Zeit bis Ende Juni. Die Prämissen sind ähnlich wie bei den Allgemeinmedizinern, mit Ausnahme der kinderärztlichen Akutversorgung an den Wochenenden und Feiertagen. Diese soll neben dem Ärztefunkdienst „durch größere Gruppenpraxen im niedergelassenen Bereich“ erfolgen. Wer das Wiener Modell finanziert, ist allerdings noch offen. Jedoch steht in der Einigung, dass von den Stakeholdern „gemeinsame Finanzierungsmodelle“ erarbeitet werden. Die Stadt wird also wohl Geld in die Hand nehmen wollen/müssen.

Kammer pocht weiterhin auf plus 300 Kassenplanstellen

Die Ärztekammer führt in ihrer Aussendung den Erfolg des Gipfelgesprächs auf ihren dringenden Ärzteappell „300 Kassenplanstellen für Wien“ zurück. Diese seien noch „keineswegs ausgemacht“, heißt es dazu aus dem Büro von Wehsely auf MT-Anfrage. Steinhart bleibt aber dran: „Die 300 Kassenplanstellen stehen natürlich auf unserer Agenda und werden weiter eingefordert, die Bedarfsanalysedaten werden uns hierfür noch mehr Argumente liefern.“ Die Ärztekammer begrüße den gemeinsamen Fahrplan, „wird aber das Steuer nicht aus der Hand geben“, versichert Steinhart gegenüber MT (siehe auch „Eine Frage“).

 

Eine Frage an Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident und Kurienobmann der Niedergelassenen in der Ärztekammer Wien und Österreich

Dr. Johannes Steinhart  Vizepräsident und Kurienobmann der Niedergelassenen in der Ärztekammer Wien und Österreich

Dr. Johannes Steinhart
Vizepräsident und Kurienobmann der Niedergelassenen in der Ärztekammer Wien und Österreich

Worauf werden Sie beim Erarbeiten des Wiener Modells besonders schauen?

Dr. Johannes Steinhart: Wir brauchen endlich flexiblere Angebote im niedergelassenen Bereich, die Patient und Praktiker helfen! Im Zentrum steht für uns der Hausarzt: Wir wollen die bestehende Struktur der Haus­ärzte stärken und attraktiver gestalten. Der Leistungskatalog muss endlich angepasst und ihre Leistung fair bezahlt werden, denn unsere Haus- und Vertrauensärzte sind heute schon der „Best Point of Service“. Um das auch in Zukunft sein zu können, braucht es attraktive Arbeitsbedingungen, auch für den dringend benötigten Nachwuchs, die auch eine Work-Life-Balance ermöglichen.

Für uns ist das Stichwort „Vernetzung“ – von Gruppenpraxen oder PHCs und Einzelordinationen, um diese gleichermaßen zu stärken. Dafür braucht es, wie man nun in der Bundeshauptstadt eindeutig sehen kann, auch kein PHC-Gesetz, deshalb werden wir uns weiter gegen die drohende Aushebelung des Gesamtvertrags einsetzen und hier sicher nicht einlenken. In Wien zeigen wir, wie es anders geht.

 

Von Mag. Anita Groß