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Zwei Frauen über Frauenkarrieren

ABB.: WORDLE

ZUM THEMA – Frauen brauchen Vorbilder und Netzwerke, um in der universitären Medizin Karriere zu machen. Das ist das Fazit eines langen MT-Gesprächs mit zwei spannenden Frauen an der MedUni Wien.

Zwei Frauen, die sich sichtlich sympathisch sind, die aber wahrscheinlich auch schon den einen oder anderen Konflikt miteinander ausgefochten haben, sitzen sich an diesem Nachmittag Ende Februar im Rektorat der Medizinischen Universität Wien gegenüber. Ich habe mich mit Univ.- Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos und Sarah Schober verabredet, um über Frauenkarrieren speziell an der MedUni Wien zu sprechen. Karin Gutiérrez- Lobos ist seit nunmehr acht Jahren Vizerektorin für Lehre, Gender & Diversity,

Sarah Schober seit zwei Jahren Vorsitzende der ÖH. Beide stehen kurz vor einer Zäsur. Die Funktionsperiode des Rektorats geht im September zu Ende, über ihre Pläne will Gutiérrez-Lobos an diesem Tag aber noch nichts verraten. Schon im Mai sind ÖH-Wahlen, Schober wird für ihre Fraktion UFMUW wieder antreten. Geht alles nach Plan, wird Schober im Herbst mit dem Klinisch-Praktischen Jahr (KPJ) anfangen. Eigentlich wäre das schon früher möglich. Schober könnte bereits Anfang August mit der Ausbildung im Krankenhaus anfangen, aber eine durchgehende Kinderbetreuung ist im August für die zweifache Mutter nicht zu organisieren (bzw. zu finanzieren).

Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos  Vizerektorin für Lehre, Gender & Diversity MedUni Wien

Univ.-Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos
Vizerektorin für Lehre, Gender & Diversity MedUni Wien

Studium und Familie vereint Schober bereits seit dem Beginn ihres Studiums. Ihre Kinder sind acht und dreieinhalb Jahre alt, ihr Partner ebenfalls Medizinstudent. Der ÖH-Vorsitz kam dann vor zwei Jahren auch noch dazu. „Ich habe für das Studium länger gebraucht als vorgesehen“, erklärt Schober, aber das „ist auch gut so.“ Sie sei während ihres ganzen Studiums kaum auf Hindernisse gestoßen, wenn es darum ging, die Kinder zu Lehrveranstaltungen mitzunehmen bzw. den Studiumsverlauf an Schwangerschaft und Stillzeiten anzupassen, erzählt sie.

„Wenn es Probleme gab, dann lag es an Einzelpersonen, die generell schwierig sind.“ Es wäre heutzutage fast ein Wunder, würden die weiterreichenden Zukunftspläne Schober und ihre Familie nicht ins Ausland führen. Beide wollen den zweiten Teil des KPJ in Finnland absolvieren. Erstens haben die beiden familiäre Verbindungen nach Finnland, zweitens hätten Famulaturen im hohen Norden gezeigt, wie gut vereinbar das Arbeiten und Forschen in Finnland für Ärzte mit Familie ist.

„Hier kann eine alleinerziehende Frau mit drei Kindern Oberärztin auf der plastischen Chirurgie sein, wissenschaftlich arbeiten und trotzdem maximal 48 Stunden arbeiten.“ Die derzeit mühsam angegangene Umsetzung des neuen Arbeitszeitgesetzes in Österreich käme für sie „einfach zu spät“. Können sich Eltern und Kinder während des KPJ in Finnland eingewöhnen, wollen sie die Facharztausbildungen auch in Skandinavien machen und erst danach zurückkehren.

Familien & Frauenkarrieren

Gutiérrez-Lobos ist „schon etwas stolz darauf“, in den vergangenen Jahren eine universitäre Personal- und Karriereentwicklung an der MedUni etabliert zu haben. „Dabei haben wir einen starken Fokus auf Maßnahmen zur Herstellung einer Geschlechtergerechtigkeit gesetzt. Es gelingt uns, immer mehr Frauen zu ermutigen, Karriere zu machen und sie in ihren Karriereschritten zu unterstützen.“
Mit verschiedensten Angeboten – wie dem Frauennetzwerk Medizin, dem K3-Programm (Kinder Karriere Klinik) sowie einem Mentoringprogramm – will die MedUni junge Frauen beim Start in ihrer wissenschaftlichen Karriere begleiten. „Es geht letztlich darum, die jungen Menschen in der Motivation zu stärken, ihre Lebenspläne zu verwirklichen.“ Netzwerke seien dabei essenziell. „Es ist ein Irrglaube, dass eine Karriere in der Wissenschaft alleine geht“, warnt die Vizerektorin.

Die Generation Y

Das Pendel schlägt aber auch zurück. Mitunter als verstörend erleben Vizerektorin und ÖH-Vorsitzende gleichermaßen den „zunehmenden Konservatismus in der Generation Y“. Beide berichten über Strömungen unter den Studierenden, die von der Frauenbewegung Erreichtes bestenfalls als selbstverständlich erachten oder gar infrage stellen. Studentinnen, die zuvor noch für ein Fach gebrannt hätten, schmeißen ihre Karrierepläne mit dem ersten Kind über Bord. Die Angst, als „Rabenmutter“ zu gelten, halte noch immer viele talentierte Medizinerinnen von Facharztkarrieren ab.

Sarah Schober ÖH-Vorsitzende der MedUni Wien

Sarah Schober ÖH-Vorsitzende der MedUni Wien

Viele junge Frauen würden sich erst für Gleichbehandlung zu interessieren beginnen, wenn sie sich selbst um einen Job bewerben und auf Barrieren stoßen. Verblüffend ist für Schober auch, dass es bis heute unter den Studierenden noch klare „Männer- und Frauenfächer“ gebe. Trockener Kommentar der Vizerektorin: „Und auch in den Frauenfächern sind noch immer v.a. Männer die Chefs.“ Auch das Ziel, später wissenschaftlich zu arbeiten, sei unter den jungen Männern viel stärker präsent als unter ihren Kolleginnen, berichtet Schober. „Junge Frauen brauchen Frauen in Führungspositionen als Vorbilder“, ist sich Gutiérrez-Lobos sicher.

Unabdingbare Aufgabe der Universität sei es daher, qualifizierte Frauen in diese Positionen zu bringen. Da ist allerdings noch einiges zu tun, wie der Frauenbericht der MedUni aus dem Jahr 2013 zeigt. Nur 14 Prozent aller Organisationseinheiten der MedUni wurden 2013 von Frauen geleitet, immerhin 32 Prozent hatten eine weibliche Stellvertretung. 88 Universitätsprofessoren standen 21 Universitätsprofessorinnen gegenüber. Die Berufungskommission war wie gesetzlich vorgeschrieben zu gleichen Teilen mit Männern und Frauen besetzt, unter den Gutachtern waren aber nur zehn Prozent Frauen, unter den Bewerbern 14 Prozent und unter den tatsächlich Berufenen ebenso 14 Prozent.

Diskriminierung & Sexismus

Offene Diskriminierung oder Sexismus sei mittlerweile selten, berichten beide. Es gäbe „No-Goes“ der Kommunikation im Universitätsbetrieb. „Das heißt nicht, dass es dann im Denken und Handeln nicht anders ist“, zeigt sich Gutiérrez-Lobos realistisch. Zu Realismus ruft sie auch angesichts der vielfach prognostizierten Feminisierung der Medizin auf. „Nur bei der Allgemeinmedizin und vielleicht in der Psychiatrie stehen wir heute bei 50:50. Überall anders wird es noch Jahre dauern, bis Gleichstand besteht.“

Autor: Mag. Silvia Jirsa