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Wahlärzte als Rettungsnetz?

PRAXIS – 9800 Ärzte führen in Österreich eine Wahlarztpraxis, ihre Versorgungswirksamkeit wird nicht mehr angezweifelt. An der Frage, ob sie das System derzeit ergänzen oder auffangen, scheiden sich die Geister.

Ärzte und damit auch Patienten drängen zunehmend in die Wahlarztpraxis. Manche sehen das als Armutszeugnis für die Sozialversicherung.

Ärzte und damit auch Patienten drängen zunehmend in die Wahlarztpraxis. Manche sehen das als Armutszeugnis für die Sozialversicherung.

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht eine kleinere oder größere Wahlarztpraxis in Österreich eröffnet. Immer mehr Ärzte flüchten vom Krankenhaus wenn nicht ins Ausland, dann in die Wahlarztpraxis. Die Ärztekammer gibt für Juni 2014 9083 Wahlärzte an. 4700 Wahlärzte waren ausschließlich als solche tätig, die andere Hälfte betrieb die Praxis nebenberuflich. Von 2004 auf 2014 ist laut Ärztekammer die Zahl der Wahlärzte insgesamt um 38 Prozent gestiegen. Betrachtet man nur die Fachärzte, so beträgt die Steigerung gar 46 Prozent – was vor allem auf den starken Zuwachs bei ausschließlich in der Ordination tätigen Wahlärzten zurückgeht. Die Zahl der Allgemeinmediziner ist immerhin um knapp ein Fünftel gestiegen (+ 19 Prozent).

HV: Kein Symptom einer Mehrklassenmedizin

Für Mag. Bernhard Wurzer, Stv. Generaldirektor des Hauptverbands, sind Wahlärzte heute ein Teil des Systems, der seinen Part erfüllt und damit versorgungswirksam ist. Wahlärzte würden Angebote bereitstellen, die die solidarisch finanzierte Krankenversicherung nicht leisten könne – etwa in der Alternativmedizin. Als Symptom einer Mehrklassenmedizin will Wurzer den Zug der Patienten zum Wahlarzt aber keinesfalls verstehen. „Jeder hat in Österreich die Möglichkeit, Kassenleistungen zeitnah und qualitativ hochwertig zu erhalten. Dafür stellt die Sozialversicherung die Struktur zur Verfügung.“ Auch lange Wartezeiten in den Kassenordis sieht Wurzer nicht als primäres Problem der Sozialversicherung. Hier seien die Ärzte gefragt, sich ein besseres Ordinationsmanagement zu überlegen. Immerhin räumt er ein, die 20-Stunden- Mindestöffnungszeit sei wohl heute „nicht mehr zeitgemäß“.

ÖÄK: Wahlärzte fangen das System auf

Dr. Momen Radi, Wahlärztereferent der Österreichischen Ärztekammer und Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer, sieht die Rolle der Wahlärzte komplett anders. Diese würden das System derzeit schlichtweg auffangen. Die laufende Umstrukturierung des stationären Bereichs könnte vom Vertragsarztsystem derzeit nicht kompensiert werden. Wie sich das System in Zukunft entwickeln werde, sei derzeit noch nicht absehbar und auch von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Tendenziell sieht er aber mehr Ärzte in Wahlarztpraxen und weniger Ärzte in den Kliniken. Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger findet es zwar grundsätzlich gut, dass es neben den Vertragsärzten ein zweites System im Gesundheitswesen gibt, denn das erzeuge eine gewisse Konkurrenz und die fördere wiederum die Qualität.

Den stetigen Ausbau des Wahlärztewesens sieht er aber als „Armutszeugnis des öffentlichen Gesundheitswesens, das legitime Bedürfnisse der Patienten nicht erfüllt“. Die Versicherten seien aber offensichtlich bereit, zusätzliches Geld auszugeben – damit gehe der Trend in Richtung Zweiklassenmedizin, denn nur die Bessersituierten wären dazu überhaupt in der Lage. Insgesamt bereite ihm das „große Sorge“. Die Versorgungswirksamkeit der Wahlärzte sei für ihn nicht beantwortbar. Sie würden aber sicher eine „gewisse Entlastung“ bringen, sonst wäre der Druck der Patienten auf die Sozialversicherung viel größer.

Junge Ärzte tun sich Kassenstelle nicht mehr an

Bachinger erweist sich als Fürsprecher sowohl der Patienten als auch der Ärzte. Es brauche verbesserte Rahmenbedingungen v.a. für junge Ärzte, da sich diese eine Kassenstelle „nicht mehr antun“ würden. Die derzeitige Kassenstruktur sei mit all ihren Bürokratiehindernissen nicht mehr besetzbar. Das Ziel müssten arzt- und patientengeeignete Strukturen sein. Wahlarztreferent Radi bekräftigte das gegenüber MT: „Die Alternative Kassenvertrag ist unattraktiv.“ Wahlärzte hätten mehr Zeit für ihre Patienten und müssten sich mit weniger Bürokratie herumschlagen als Vertragsärzte. Das schaffe Zeit für Qualität – was Radi nicht abwertend für Kassenärzte verstehen will und er illustriert das mit einem Bild: Ob ein Maler einen Raum oder zehn Räume in derselben Zeit ausmalen muss, mache eben im Ergebnis einen Unterschied. Das Handwerk bleibe das gleiche, nur die Ausführung unterscheide sich.

Wahlärztin als Wunschberuf

Gerade Frauen entscheiden sich heute lieber dafür, eine Wahlarztpraxis aufzumachen als eine Kassenpraxis zu gründen oder im Spital zu bleiben. Frauen stellen heute 31 Prozent der Vertragsärzte aber bereits 47 Prozent der reinen Wahlärzte und 39 Prozent bei den nebenberuflichen Wahlärzten. Radi sieht hier ökonomische Überlegungen der Kolleginnen, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, wann und wie sie arbeiten. Und Gruppenpraxenverträge seien derzeit unattraktiv und wenig gestaltbar.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird sowohl in der Ärztekammer als auch in der Sozialversicherung zunehmend zum Thema. Innerhalb der Sozialversicherungsträger sei man inzwischen „sehr kreativ“, um Kassenstellen für Allgemeinmedizinerinnen und Fachärztinnen interessanter zu machen, so Wurzer. Interessant sind die vom Hauptverband der MT zur Verfügung gestellten Zahlen zur Kostenerstattung für Wahlärzte: Für vier von fünf Wahlärzten wurden 2011 unter 10.000 Euro an Kosten erstattet, nur 0,7 Prozent über 100.000 Euro.

Autor: Mag. Silvia Jirsa