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Dr. Stelzl: Sind wir noch zu retten?

stelzl.180Ich schaue am Abend vor dem Schlafengehen noch gerne kurz auf Facebook vorbei. Manchmal finde ich eine Nachricht von irgendeinem lange nicht mehr gesehenen Freund, manchmal ein paar schöne Urlaubsfotos und fast immer irgendwelche süßen Katzenvideos. Damit ich zufrieden lächelnd ins Bett gehen kann. Heute finde ich einen Schock. Und in weiterer Folge eine Einschlafstörung.

Zur Erklärung muss ich vorausschicken, dass ich nicht eine von denen bin, die 4589 Facebook-Freunde hat. Befreundet bin ich nur mit Menschen, die ich im wirklichen Leben auch schätze und mag. Deshalb hielt ich es zuerst für einen schlechten Witz: Geliked und geteilt starrte mich ein Posting einer nationalistischen Aktivistengruppe an: „Mir san mir“, die Grenzen gehören endlich dicht gemacht, die Zäune bis in den Himmel gebaut usw. Gerade dass nicht explizit dringestanden ist: Je mehr Flüchtlinge verrecken, desto besser.

S wie Solidarität

Zu verdanken hatte ich diesen geistigen Sondermüll einer Frau, die ich mag und bewundere. Gutaussehend, sympathisch, tüchtige Geschäftsfrau und wundervolle Mutter zweier entzückender Kinder. Und engagiert im Tierschutz. Vier bis fünf Mal im Jahr postet sie ihre Urlaubsfotos. Sie verbringt traumhafte Tage mit ihren Kindern in märchenhaften Resorts überall auf der Welt. Resorts, von denen ich auch ohne Kinder nur träumen könnte. No way, nicht einmal zur absoluten „Tote-Hose-Zeit“ im November. Dort verbringt sie locker mal zwei Wochen mit den Kids in der Hauptsaison. Aber das ist jetzt nicht das Thema. Es geht hier nicht um Neid, zumindest nicht um meinen. Ich verstehe deshalb auch nicht, warum in ihren nächsten Postings die Rede davon ist, dass wir Österreicher/innen ja alle so arm sind und unsere Haut und unseren Besitz verteidigen müssen. Dafür wäre es jetzt auch schon höchste Eisenbahn. Die Regierung müsse endlich den Staatsnotstand ausrufen, wird ein Politiker zitiert.

Irgendwie fühle ich mich wie betäubt. So viel Feindseligkeit und Ignoranz auf einmal kann ich nicht so leicht  wegstecken. Ich bin ja nicht völlig naiv und weiß, was da in unserem Land  an politischen Strömungen so unterwegs ist. Ich weiß, was behauptet, gepostet und geschrien wird. Aber dass ich Leute näher kenne, die das alles auch glauben und weiterverbreiten und dahinterstehen! Das wäre mir nie in den Sinn gekommen. Dazu war ich zu naiv. Ich habe die Postings ausgeblendet und die Seiten blockiert, aber es hat nicht wirklich genutzt. Der Inhalt hat sich in mein Hirn gebrannt. Wenn ich jetzt so daliege und auf den Schlaf warte, der nicht kommen will, kommt mir eine Idee. Vielleicht sollten wir doch den Staatsnotstand ausrufen. Nein, nicht nur vielleicht. Wir müssen den Staatsnotstand ausrufen!

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Denn wenn acht Millionen Menschen in einem der reichsten Länder der Erde nicht bereit und fähig sind, ein paar tausend Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren, dann haben wir ein gewaltiges Problem. Wenn wir es hier nicht zusammenbringen, Menschen, die in Lebensgefahr schweben, Schutz zu bieten, dann sollten wir dringend etwas ändern. Wenn wir es nicht hinkriegen, denen, die erfrieren, unsere alten Jacken, ein paar Decken und ein provisorisches Dach über dem Kopf zu geben, dann ist gewaltig was faul im Staate Österreich. Wenn wir nicht ein bisschen von unserer Freizeit, von unseren Sprachkenntnissen oder unserem medizinischen Wissen gratis zur Verfügung stellen können, dann frage ich mich, was mit uns los ist.

Und wenn wir in diesem unserem wunderschönen Land keine Möglichkeit finden, fremde und fremdartige Menschen sinnvoll in unsere Gesellschaft zu integrieren und auch das zu nutzen, was sie beitragen können, dann ist wirklich Zeit, den Notstand auszurufen. Den Notstand an Menschlichkeit, an Verständnis, an Liebe, an allem, was gut ist. Was wichtig ist. Was uns glücklich macht und unsere Heimat so einzigartig und wunderschön. Glücklicherweise ist die Feindseligkeit nicht flächendeckend. Es ist unglaublich, was ganz normale Bürger/innen gerade auf die Beine stellen. Menschen öffnen ihre Herzen, Geldbörseln und Kleiderschränke. Freizeit, Arbeitskraft und Kohle werden mobilisiert. Wildfremde Menschen reden und arbeiten miteinander. Christen, Muslime und Atheisten ziehen am selben Strang. In meiner Umgebung heben immer mehr Leute ihren Hintern von der nach einer langen Arbeitswoche wohlverdienten Couch. Jeder trägt bei, was er oder sie kann.

Man muss ja nicht gleich Mutter Teresa werden wollen. Aber jeder von uns hat oder kann doch irgendwas, das er oder sie teilen oder hergeben kann. Und das ist ein cooles Gefühl. Solidarität fühlt sich gut an. Helfen bereichert auch den Helfer. Der Blick auf Leid und Elend berührt und schockiert. Er kann aber andererseits auch sehr dankbar machen. Dankbar, ein Zuhause und eine Heimat zu haben. Dankbar, dass unsere Lieben alle am Leben sind. Dankbar für Fließwasser, Heizung und volle Kleider- und Kühlschränke. Für den Job, auch wenn er manchmal nervt, für das Dach überm Kopf, und wenn man genauer nachdenkt, werden es immer mehr Dinge. Flüchtlingen zu helfen ist keine Einbahnstraße. Denn die haben auch etwas in uns gerettet. Nämlich den Menschen tief drin.

Kolumne: Dr. Ulrike Stelzl, Kassenärztin für Allgemeinmedizin in Graz