Menü Logo medONLINE.at

Programmierte Missverständnisse

ZUM THEMA – Die Kommunikation mit Patienten mit Migrationshintergrund stellt für Ärzte oft eine besondere Herausforderung dar. Sprachwissenschafter, Ethiker und Dolmetscher können helfen.

information.400

Übersetzen Familienmitglieder, geht oft viel Information verloren.

Missverständnisse sind in Gesprächssituationen nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Denn was wir sagen und was wir verstehen (wollen), ist ganz wesentlich von unterschiedlichen Erwartungen und Wahrnehmungen geprägt. „Das gilt natürlich ganz besonders auch für Arzt-Patienten-Gespräche“, betonte Univ.-Prof. Dr. Florian Menz vom Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. „Und noch zu größeren Missverständnissen kann es kommen, wenn Deutsch nicht die Muttersprache des Patienten ist.“ Die positive Nachricht dabei: Viele Missverständnisse sind nicht weiter schlimm, oftmals werden sie gar nicht bemerkt. Die schlechte: Einige können – gerade in der Medizin – fatale Folgen nach sich ziehen.

Laien lassen den Patienten nicht zu Wort kommen

Im Rahmen des Forschungsprojekts „Schmerz und Krankheitsdarstellung II“ an der Kopfschmerzambulanz am AKH Wien konnte anhand von 75 videodokumentierten Gesprächen mit Patienten mit Migrationshintergrund aufgezeigt werden: Von Laien gedolmetschte und nicht gedolmetschte Gespräche unterschieden sich von der Länge her überraschenderweise kaum. Die Ärzte sprachen in beiden Fällen etwa gleich lang. Der Redeanteil der Patienten bei gedolmetschten Gesprächen reduzierte sich hingegen drastisch. „Es zeigte sich, dass die Laien- Dolmetscher – oftmals waren es Familienmitglieder – vielfach statt der Patienten sprechen, also nicht vermitteln“, so Menz. „Teilweise wird gekürzt, manches falsch übersetzt. Auch eigene Anliegen bringen Laien-Dolmetscher oft mit ein – es fehlt ihnen die nötige kritische Distanz zur Sache.“

Ist das Gesagte tatsächlich angekommen?

Auch die – an sich bemühten – Ärzte trugen unbewusst zu Missverständnissen bei: Sie passten sich im Gespräch stark an die Sprachkompetenz ihres Gegenübers an, stellten dadurch z.B. deutlich weniger Eröffnungsfragen als bei den deutsch sprechenden Patienten und unterbrachen früher den Redefluss mit redestrukturierenden Äußerungen. „Damit wollen Ärzte das Gespräch auf den Punkt bringen und Zeit einsparen“, gab Menz zu bedenken. „Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Wir wissen: Je öfter Patienten im Redefluss unterbrochen werden, desto länger und komplexer werden die Gespräche.“

menz.123

Univ.-Prof. Dr. Florian Menz
Universität Wien

Abhilfe schaffen würde ein Ausbau des professionellen Dolmetsch-Systems, resümierte der Sprachwissenschaftler, wie es das Projekt Videodolmetsch ermöglicht. Ebenso wären Schulungen für Ärzte sinnvoll, um sie für die spezifischen Herausforderungen der Gesprächsführung unter Beteiligung von Laien-Dolmetschern besser zu rüsten. Jedenfalls sollten Ärzte sich der „Verständnissicherung“ als Kommunikationstool bedienen, also regelmäßig nachfragen: Ist das Gesagte beim Patienten „angekommen“? Bzw. umgekehrt: Weiß ich wirklich, was der Patient sagen wollte?

Unterschiede jenseits der sprachlichen Ebene

Nicht nur mit Kommunikationsproblemen müssen sich niedergelassene Ärzte im Zuge der Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund stellen – hob Univ.-Prof. Dr. Manfred Maier, Abteilung Allgemeinmedizin am Zentrum für Public Health der MedUni Wien, hervor. Auch kulturspezifische Unterschiede im Umgang mit Gesundheit und Krankheit, mit körperlichen Untersuchungen oder mit Schmerzen (siehe „Eine Frage“) sollten im Praxisalltag immer mitbedacht werden. „All diese interkulturellen Faktoren gilt es in der Anamnese-Erhebung und Kommunikation möglichst mit zu berücksichtigen!“, so Maier. So können beispielsweise das Missachten religiöser Ernährungsvorschriften (wie Fastenzeiten) oder das unsensible Ansprechen von Tabuthemen (z.B. Inkontinenz, Fruchtbarkeit, Sexualverhalten) zu Compliance-Problemen und Vertrauensverlusten führen.

Weiter merkte Maier zu den Studienergebnissen an: „Bei Frauen der ersten Generation der Migranten zeigte sich z.B. eine doppelt so hohe Prävalenz von Depressionen und Angststörungen.“ Was freilich bei psychisch-mentalen Problematiken als „normal“ und „abnormal“ gelte, sei ebenso kulturabhängig, wie etwa auch der Placeboeffekt, weil dieser bekanntlich von den Erwartungen der Patienten mit beeinflusst wird.

Nur Profis gewährleisten Rechtssicherheit

Aus ethischer Sicht ist im Zusammenhang mit Interkulturalität, abgesehen vom Recht auf Gesundheit und auf einen freien Zugang zur Gesundheitsversorgung, das Recht auf Selbstbestimmung wichtig zu beachten. „Da es des Akts der Zustimmung zu Heilbehandlungen, also ‚informed consent‘, braucht, sind kultursensible Übersetzungen bei nicht-deutschsprachigen Patienten eigentlich unerlässlich“, erklärte Dr. Lukas Kaelin vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin der Uni Wien. Nur bei professionellen Dolmetschern seien Schweigepflicht und Rechtssicherheit gewährleistet, gab er zu bedenken.

Dafür gelte es ein Bewusstsein zu entwickeln, auch wenn die Umsetzung in der Realität nur mit Abstrichen möglich sein wird. Der Respekt vor der Selbstbestimmung beinhaltet auch den Respekt für kulturelle Differenzen. „Es braucht viel Sensibilität, wenn es darum geht einzuschätzen, was der Patient wirklich über seine Erkrankung wissen will bzw. was nur eine Belastung für ihn ist“, so Kaelin. Auch der familiäre Kontext spiele dabei eine wichtige Rolle: In vielen Kulturen trägt die Familie die Entscheidungen mit. Das sollte nicht als Einmischung oder Entmündigung des Patienten gesehen, sondern als kulturell anderes Selbstbestimmungskonzept akzeptiert werden.

„Chancengleichheit – Migration – Gesundheit“, Abschlusstagung zum Pilotprojekt „Videodolmetschen im Gesundheitswesen“; Wien, Dezember 2014
Nähere Informationen zum Regelbetrieb der SAVD Videodolmetschen GmbH: www.videodolmetschen.com

– EINE FRAGE
Schmerzwahrnehmung und -toleranz sind kulturbedingt sehr unterschiedlich. Warum?

maier.123

Univ.-Prof. Dr. Manfred Maier
Medizinische Universität Wien

Prof. Maier: Weil z.B. die Erklärungsmodelle für das Entstehen oder die Lokalisation von Schmerzen kulturbedingt sehr unterschiedlich sind und die emotionale Ausdrucksweise davon ebenfalls beeinflusst ist. Auch die Reaktion der Gesellschaft auf das Verhalten des Betroffenen bei Schmerzen spielt eine Rolle. Wenn etwa Schmerzen als Bestrafung für „schlechtes Benehmen“ gesehen werden, wird sie der Betroffene eher nicht öffentlich ausdrücken und sie unterdrücken. Wer sich Aufmerksamkeit erwartet, wird seine Hilfsbedürftigkeit vielleicht besonders deutlich äußern, um von seinem Umkreis umsorgt zu werden. Als Ärzte sind wir einerseits auf die Angaben unserer Patienten zu ihren Schmerzempfindungen angewiesen. Andererseits sollten wir uns auch der gesellschaftlichen und soziokulturellen Aspekte bewusst sein.
Autor: Mag. Karin Martin