Menü Logo medONLINE.at

OÖ: Pilot-Kindergruppenpraxis läuft prima

GESUNDHEITSREFORM – Die mit dem LKH Kirchdorf verschränkte Kindergruppenpraxis ist eines der oberösterreichischen Pilotprojekte der Primärversorgung. Medical Tribune begleitete eine Delegation aus dem Gesundheitsministerium und der Standesvertretung zum Lokalaugenschein.  

delegation.400

v.l.: Dr. Felix Wallner, Prim. Oswald Schuberth, Dr. Silvester Hutgrabner, Dr. Alfred Mühlebner, Dr. Wolfgang Ziegler, Mag. Nina Pfeffer, Dr. Harald Mayer, Prim. Gerhard Pöppl, Dr. Clemens Martin Auer, Dr. Thomas Fiedler

Primärversorgungs-Projekte könnten „sehr gut dezentral und jeweils auf die Bedürfnisse einer Region abgestimmt funktionieren“. Das wollte die Ärztekammer am Beispiel der in eine Kinderpraxis ausgelagerten Kinderambulanz des LKH Kirchdorf demonstrieren und lud u.a. den für die Gesundheitsreform zuständigen Sektionschef Dr. Clemens Martin Auer aus dem Gesundheitsministerium in die rund 4100-Einwohner-Bezirkshauptstadt ein.

Auer folgte der Einladung und kam im November gemeinsam mit Mag. Nina Pfeffer vom Büro der Gesundheitsministerin nach Oberösterreich. Beide waren sichtlich beeindruckt, als Prim. Dr. Gerhard Pöppl mit seinem Kollegen Dr. Alfred Mühlberger durch die Räumlichkeiten der Kinderordination führte. Danach wechselte der Besuch ins 600 Meter entfernte LKH Kirchdorf, wo gerade Dr. Sophie Schütte-Weixlbaumer, auch im Rahmen der Gruppenpraxis, Dienst auf der Kinderabteilung versah.

Pädiater im Spital und in der Praxis

Seit 2011 sind in Kirchdorf alle Pädiater sowohl Spitalsärzte auf der Kinderstation als auch verpflichtend Gesellschafter der Kassengruppenpraxis. Diese ist in einem schönen alten Haus in der ehemaligen Ordination des Vorgängerprimars Dr. Friedrich Häckel untergebracht. Die in Österreich bisher einmalige Verschränkung von intra- und extramuralem Bereich entstand auf Initiative von Pöppl. Er kontaktierte 2010 die Standesvertretung und die Gespag mit einem ausgearbeiteten Erstkonzept. Damit gelang es ihm, die im Zuge der oberösterreichischen Spitalsreform geplante Schließung der Kinderabteilung im LKH Kirchdorf abzuwenden.

Inzwischen ist die Kindergruppenpraxis für Land und OÖGKK eines der Pilotprojekte für die Primärversorgung. Mitunter war der Weg dahin mühselig, hielt Pöppl auch nicht mit Schwierigkeiten hinter dem Berg. So herrschte anfangs „Misstrauen zwischen allen Beteiligten, übervorteilt zu werden“. Folgende Vereinbarungen wurden mit der OÖGKK ausverhandelt:

  • Die Ordination hat ganzjährig 27 Stunden pro Woche offen, davon zwei Stunden samstags.
  • Der Gesamtumsatz ist auf den Durchschnittswert der oberösterreichischen Kinderfachärzte gedeckelt (bisher ging es sich knapp ohne Deckelung aus).
  • Nach zwei Jahren solle es eine Evaluierung geben.

Die Agreements mit der Gespag lauteten:

  • Das ärztliche Personal wird um ein Fünftel (auf drei FA-Stellen und einen Assistenzarzt) reduziert. Ursprünglich wollte die Gespag noch 40.000 Euro für den Zukauf von Ambulanzleistungen beisteuern. Doch auf Wunsch der Abteilung bewilligte der KH-Träger stattdessen eine zusätzliche 20-Stunden-FA-Stelle plus 20 Stunden Freistellung für die Ambulanztätigkeit (was in etwa den 40.000 Euro entspricht).
  • Im Nachtdienst wurde auf ein Rufbereitschaftssystem umgestellt.
  • Die reguläre Ambulanz wird in die Ordination ausgelagert, auf der Station ist nur mehr eine Notfallambulanz situiert.
  • Die den Ärzten anteilig bezahlten Ambulanzgebühren werden eingefroren.
  • Ziele sind die Reduktion der stationären Aufnahmen um zehn bis 15 Prozent (im Vergleich zu 2009) und die Reduktion der ambulanten Frequenzen um über 60 Prozent.

Aufnahmen gingen um knapp ein Fünftel zurück

Tatsächlich sind die stationären Aufnahmen seither von zirka 1300 bis 1600 Patienten pro Jahr um 19,1 Prozent zurückgegangen, berichtete Pöppl nicht ohne Stolz. Auch die ambulante Frequenz von 3000 bis 3400 Fällen pro Jahr hätten sich um 57,8 Prozent verringert. Allerdings benötigten die Patienten ein halbes bis dreiviertel Jahr, bis sie bei Beschwerden grundsätzlich die Ordi und nicht das Spital aufsuchten. Als „beeindruckend“ und auch „ökonomisch interessant“ kommentierte Sektionschef Auer die präsentierten Zahlen, „die Patienten sind wieder dort, wo sie hingehören“.

Besonders gefalle ihm, dass es nicht um einen „Spitalsstandort“, sondern um einen „Versorgungsstandort“ gehe – für ihn eine „Kulturfrage“. Das Einzugsgebiet der kinderärztlichen Versorgung in Kirchdorf beträgt etwa 40.000 Einwohner, neben der Abteilung und Kindergruppenpraxis gibt es noch einen niedergelassenen Wahlarzt. Die Versorgung am Land könne auf Abteilungsniveau gehalten werden, zählte Pöppl einen Vorteil des Modells auf. Zudem gebe es fachliche und finanzielle Anreize für „versierte Kollegen“, in der Peripherie zu bleiben bzw. dorthin zu gehen. Nachwuchsprobleme habe die Pädiatrie Kirchdorf nicht. Seit voriger Woche teilen sich vier Spitalsärzte die Arbeit in der Kindergruppenpraxis – Dr. Kordula Glas ist die neue Gesellschafterin.

„Speisekarte von Instrumentarien“

Von einer „Win-win-Situation“ sprach OÖÄK-Vize und Niedergelassenen-Kurienobmann MR Dr. Thomas Fiedler während der Visite in Kirchdorf. Kammeramtsdirektor Hon.-Prof. Dr. Felix Wallner betrachtete das Projekt als kostbaren Beitrag für eine „Speisekarte von Instrumentarien“, die jeweils vor Ort angewendet werden können. Auch der Ärztliche Direktor des KH Kirchdorf, Prim. Dr. Oswald Schuberth, ist vollauf zufrieden: „Das Modell lebt vom Enthusiasmus der Beteiligten!“ Wie es weitergeht, hängt von der Evaluierung ab. Diese lässt auf sich warten, obwohl die Kirchdorfer ihre Zahlen längst abgeliefert haben.

Info: www.kinderarzt-kirchdorf.at

EINE FRAGE
Wie sieht die OÖGKK das Pilotprojekt in Kirchdorf? OÖGKK-Pressestelle: „Zum Projekt ,Kindergruppenpraxis Kirchdorf’ liegt noch keine abgeschlossene Evaluation vor. Allerdings: Aus konkreten Rückmeldungen hört man nur Positives, die Versorgung der Kinder in der Region funktioniert sehr gut, Beschwerden oder Kritik sind nicht bekannt. Aus OÖGKK-Sicht sind solche ,Verschränkungsmodelle’ die Zukunft. Sie verbessern die Patientenversorgung, nützen Synergien und verhindern damit Ressourcen verschlingende Doppelgleisigkeiten.“
Autor: Mag. Anita Gross