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Mödlhammer: Gemeinden brauchen Hausärzte

INTERVIEW – Die Gemeinden müssen für den Gesundheitsbereich zahlen, mitreden dürfen sie aber nicht. Helmut Mödlhammer, Präsident der Österreichischen Gemeindebundes, würde daher die Gesundheit gerne abgeben.

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MT: Die aktuelle Umfrage des Gemeindebundes unter den Bürgermeistern zeigt, dass 74 Prozent mit mehr Kosten im Gesundheitsbereich rechnen. Wie gehen Sie als Gemeindebundpräsident damit um?

Mödlhammer: Die Gemeinden haben das Problem, dass sie im Gesundheitsbereich nichts zu reden haben. Beschlossen wird in diesem Bereich alles von Bund und Ländern, die Gemeinden sind hier nur Mitzahler. Das macht sie in gewisser Weise handlungsunfähig. Der Gesundheitsbereich sollte bei der von uns geforderten Aufgabenreform von den Gemeinden weggenommen werden. Das sollen Bund und/oder Länder machen. Dafür sollte es einen Abtausch mit anderen Kompetenzen geben.

Sie würden also gerne den Gesundheitsbereich abgeben?

Mödlhammer: Ja, weil wir hier nichts beeinflussen können. Dazu kommt: Die Gemeinden zahlen heute unterschiedlich viel für die Gesundheit. Das ist von Gemeinde zu Gemeinde und von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich. In Salzburg leisten die Gemeinden z.B. ein Drittel für den Abgang der Spitäler, das ist hier zum Glück gedeckelt. In der Steiermark zahlen die Gemeinden gar nichts für die Spitäler, in Niederösterreich und Oberösterreich zahlen sie hingegen viel mehr als in Salzburg. Darum ist unsere Forderung: Alles in eine Hand – von der Organisation über Finanzierung bis zur Ausführung.

Und wer soll das machen: Bund oder Länder?

Mödlhammer: Das sollen sich Bund und Länder ausmachen … aber die Gemeinden sind damit sicher überfordert.

Der Erhalt der eigenen Gemeinde als Spitalsstandort ist aber vielen Bürgermeistern schon sehr wichtig?

Mödlhammer: Ich glaube, dass man hier eine differenzierte Haltung einnehmen muss. Nicht jedes Spital braucht den ganzen Bauchladen an Leistungen, hier gehört unbedingt eine gewisse Spezialisierung her. Auch die Bürgermeister wissen, dass man heute nicht mehr mit der Postkutsche unterwegs ist, sondern dass es andere Möglichkeiten gibt.

Sie sprachen sich wiederholt gegen eine Akademisierung der Pflege aus, wieso das?

Mödlhammer: Wenn ich die Pflege akademisiere, muss ich sie auch entsprechend bezahlen. Das ist der eine Punkt. Andererseits ist die gute, bewährte Krankenschwester – die man jetzt abschaffen will – bei den Patienten sehr gut verankert. Diese sagen, es ist schon gut, wenn die Pflege akademisch ausgebildet ist, uns ist aber die menschliche und herzliche und verständnisvolle Krankenschwester lieber. Da muss man aufpassen.

Die Tendenz ist nun aber, dass die Pflege vermehrt Aufgaben übernimmt?

Mödlhammer: Im Gesundheitswesen habe ich andere Finanzierungsformen als in der Pflege. Bei der Pflege ist man als Gemeinde zu einem wesentlich höheren Teil verantwortlich. Wenn jetzt die Pflege mehr übernehmen soll, dann ist das ein Verschieben der finanziellen Lasten auf die Gemeinden. Dagegen wehren wir uns. In unseren Pflegheimen liegen heute vermehrt Menschen, die früher in den Spitälern lagen. Unsere Pflegeheime sind nicht mehr die klassischen Altersheime, sondern geriatrische Abteilungen. Wenn man uns hier noch vorschreibt, das Personal zu verstärken, wird es für die Gemeinden schon problematisch.

Zum niedergelassenen Bereich: Die Ärztekammern warnen fast wöchentlich vor einem Mangel an Ärzten v.a. am Land. Wie erleben Sie diese Situation?

Mödlhammer: Zum Teil dramatisch, weil es nicht nur im entlegenen Raum zu einem Mangel kommt, sondern mittlerweile auch in Ballungszentren. Da muss man sich sicherlich was einfallen lassen. Für mich sind hier zwei große Bereiche relevant: Erstens gehört die Ausbildung der Ärzte mehr auf den Beruf des Praktikers abgestimmt. Da gibt es etwa das Modell, dass zumindest ein Jahr des Turnusdienstes in der Praxis verbracht wird. Das haben wir in Salzburg bereits erfolgreich gestartet. Zweitens gehört an der Organisation angesetzt. Es ist heute unzumutbar, dass ein Arzt in der Woche 90 Stunden Tag und Nacht für die Patienten da ist. Die Gruppenpraxis muss endlich wirklich ermöglicht werden. Und dann müssen auch wir als Gemeinden schauen, dass wir Ärzten gute Bedingungen anbieten.

Wie kann die Unterstützung durch die Gemeinden ausschauen?

Mödlhammer: Gemeinden können den Ärzten partnerschaftlich begegnen und etwa Hilfe bei der Schaffung von Ordinationsräumlichkeiten und Infrastruktur anbieten. Jetzt aber zu sagen, das ist eine Aufgabe der Gemeinden, ist jedoch zu viel verlangt.

Fühlen sich die Bürgermeister von irgendwem unterstützt, wenn sie händeringend einen Arzt für ihre Gemeinde suchen?

Mödlhammer: Das ist primär Sache von Ärztekammer und Sozialversicherung. Wobei manche Länder schon gewisse Rahmenbedingungen verbessert haben. Aber im Grunde genommen ist der Bürgermeister alleine. Und ich sage ganz offen: Das ist für viele Bürgermeister das größte Problem. Der Hausarzt in seiner klassischen Form ist für die Lebensqualität in einer Gemeinde ganz wichtig.

Jetzt sieht ja das neue Primärversorgungskonzept vor, dass Ärzte im ländlichen Raum vernetzt arbeiten sollen, auch mit der Pflege und anderen Diensten. Wie steht der Gemeindebund dazu?

Mödlhammer: Das soll einmal starten, und dann schauen wir uns das an. Ich bin immer gegen zentrale Lösungen. Im Grunde genommen ist der gute „alte“ Hausarzt unersetzlich.

Der Hausarzt wird aber in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr so wie bisher arbeiten wollen?

Mödlhammer: Daher müssen wir neue moderne Modelle erfinden. Der Arztberuf wird ja auch zum Teil weiblich. Und Ärztinnen wollen nicht mehr jedes Wochenende arbeiten und legen mehr Wert auf Lebensqualität. Sie wollen auch ein kulturelles Angebot, und auch für die Partner muss es Jobmöglichkeiten geben. Das ist sicherlich eine Frage für die gesamte Entwicklung des ländlichen Raums.

Ein ewig brennendes Thema sind die Hausapotheken …

Mödlhammer: Hier gibt es zwei Lager und keine einheitliche Linie. Die Gemeinden mit einer Apotheke sind glücklich, und die mit einem Hausarzt mit Hausapotheke sind auch glücklich. Das Problem kann nur zwischen den Apothekern und Ärzten gelöst werden. Hier können die Gemeinden nur zwischen die politischen Mühlen geraten.

Zur Person: Prof. Helmut Mödlhammer ist seit 1999 Präsident des Österreichischen Gemeindebundes. Seiner Heimatgemeinde Hallwang stand er von 1986 bis zum Frühjahr 2014 als Bürgermeister vor. In Salzburg ist Mödlhammer nach wie vor stellvertretender Parteichef der ÖVP.

Interview: Mag. Silvia Jirsa