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JAM15: PHC „große Chance für uns Junge“

Eine hochemotionale Podiumsdiskussion zur Primärversorgung prägte den 1. Kongress der Jungen Allgemeinmediziner – kurz JAM15 – in Salzburg. Sukkus: Ohne die Jungen wird nichts passieren …

Ließen beim JAM15 Meinungen zur Primärversorgung aneinanderprallen (v.l.n.r.): Dr. Anna Klicpera (Moderation), Dr. Ernest Pichlbauer, Dr. Reinhold Glehr, Dr. Florian Stigler und Mag. Georg Ziniel.

Ließen beim JAM15 Meinungen zur Primärversorgung aneinanderprallen (v.l.n.r.): Dr. Anna Klicpera (Moderation), Dr. Ernest Pichlbauer, Dr. Reinhold Glehr, Dr. Florian Stigler und Mag. Georg Ziniel.

Den 35 jungen Kollegen, die aus ganz Österreich zum JAM15 kamen, wurde bei der Podiumsdiskussion „Primary Health Care (PHC) – Internationale Perspektiven und Österreichische Realität“ ein gesundheitspolitisches Lehrstück geboten. Die vier Diskutanten waren Dr. Ernest Pichlbauer, Gesundheitsökonom, Dr. Reinhold Glehr, ÖGAM-Vizepräsident und Allgemeinmediziner im steirischen Hartberg, Dr. Florian Stigler, Arzt in Ausbildung für Allgemeinmedizin und Doktorand in Public Health, und Mag. Georg Ziniel, Geschäftsführer des nationalen Forschungs- und Planungsinstituts Gesundheit Österreich GmbH (GÖG).

Sie skizzierten zunächst ihre persönlichen Zugänge zu PHC, deuteten aber rasch die späteren Konfliktpunkte an. Glehr, selbst im regionalen Ärzteverbund styriamed.net tätig, möchte in die PHC-Diskussion den Aspekt der „Vielfalt“ einbringen: Es gehe nicht nur um „Zentren“, sondern um flexible Organisationsmodelle: Gruppenpraxen, Praxisgemeinschaften, vernetzte Einzelpraxen und eben auch neue multiprofessionelle Strukturen, „dort, wo sie sinnvoll sind, aber nicht flächendeckend“. Wichtig sei auch eine Anstellung von Ärzten bei Ärzten.

Ziniel versuchte eine „Annäherung“ über den konzeptionellen Ansatz. PHC sei keine „Krankenbehandlung“, sondern viel weiter gefasst und beziehe auch soziale und gesellschaftliche Problemlagen mit ein. Ihm sei daher nicht so sehr die (Rechts-)Form ein Anliegen, sondern was in der Literatur (v.a. von Barbara Starfield, s.a. S. 7, WONCA-Bericht) herausgearbeitet wurde. Oder anders formuliert: „Wenn irgendwo Primärversorgung draufsteht, ist dann auch Primärversorgung drinnen?“

Pichlbauer sezierte genüsslich sein Leibthema, das Kompetenzwirrwar in der österreichischen Gesundheitsversorgung: „Jeder ist für etwas anderes zuständig.“ Wenn aber eine kontinuierliche Betreuung stattfinden soll, dann müssten alle Teile der Primärversorgung aus den einzelnen Sektoren – Prävention, Kuration, Rehabilitation, Pflege und Palliativversorgung – strukturiert angeboten werden. Die Frage, die sich für ihn stellt: „Ist es realistisch, dass die Schnittstellen tatsächlich über den Verhandlungsweg überwunden werden können?“

Der Jüngste der Runde, Turnusarzt Stigler, überraschte mit einem pragmatischen Zugang: Wie auch immer die politischen Diskussionen und Lösungen ausschauen mögen und wie realistisch sie auch seien, „ohne Ärzte, die das wirklich umsetzen wollen, wird es nicht funktionieren“. Er habe PHC-Modelle in London und in der Steiermark kennengelernt. In England arbeiten in einem „General Practice Office“ mehrere Allgemeinmediziner eng mit Krankenschwestern zusammen. Letztere seien „super kompetent“ und dürfen z.B. auch Einstellungen bei Diabetespatienten machen. In der Steiermark gefällt ihm das Beispiel SMZ Liebenau in Graz, wo PHC seit 30 Jahren Realität sei: Im Team sind etwa Sozialarbeiter, die Public-Health-Projekte für Gemeinden mit entwickeln.

Geht’s auf einen Kaffee!

Stigler erzählte auch davon, dass er sich bei der Sozialversicherung in Oberösterreich, in Salzburg, in der Steiermark und im Hauptverband nach Mitarbeit in PHC-Projekten erkundigt habe. Alle hätten ihn mit offenen Händen empfangen. Daher sein Appell an die jungen Kollegen: „Engagiert’s euch, das ist die große Chance. Geht´s mal mit jemanden von der Ärztekammer und von der Sozialversicherung auf einen Kaffee und redet über die Möglichkeiten“, empfahl der Turnusarzt, der seinen Master in Public Health an der University of Manchester mit der Abschlussarbeit „The Future of Primary Care in Austria“ erlangt hat.

Aus dem Publikum wehrte sich Dr. Susanne Rabady, Allgemeinmedizinerin in Windigsteig, NÖ, und ÖGAM-Vizepräsidentin, gegen den Vorwurf, dass die „Alten“ nichts Neues ausprobieren wollen. „Das stimmt nicht. Aber die meisten wollen tatsächlich nicht in ein Zentrum.“ Das würden aber auch die Kollegen in England oder Finnland nicht wollen. Die Finnen könnten ihre Zentren z.T. nicht mehr besetzen. Sie verstehe die Bedürfnisse der jungen Generation, nur: „Die älteren Kollegen merken, dass ihnen etwas zu fehlen anfängt, nämlich die Kontinuität – sie kriegen ihre Belohnung aus ihrem Beruf nicht mehr.“

Ziniel stellte dazu klar: „Niemals kann PHC Allgemeinmedizin ersetzen.“ Es gebe schon „ein paar radikale Ansätze von Menschen im Hauptverband, die sagen, nur ein Modell und weg mit den Einzelkämpfern. Das ist völlig verrückt. Lasst euch von dem nicht verblenden.“ Seine zweite Bemerkung: Die Ärztekammer spreche immer von anonymen Zentren. Das Organisationsmodell bei PHC sei aber nicht vorgegeben. „Im ländlichen Bereich empfiehlt sich eher die Vernetzung, nicht die räumliche Konzentration“, betonte Ziniel, er komme vom Land und wisse, wovon er rede.

Ein hitziger Schlagabtausch entzündete sich schließlich an der Aussage von Glehr, dass die Patientenversorgung in Österreich heute gar nicht so schlecht sei, auch die klassischen Einzelpraxen seien keine Auslaufmodelle. In den USA z.B. hätten die Einzelpraxen „unglaublichen Zulauf, das hat viel mit Beziehungsmedizin zu tun“. Pichlbauer bezeichnete hingegen das Einzelkämpfertum als „wirklich obsolet“ und die (medikamentöse) Versorgung von chronisch Kranken in Österreich als „atemberaubend schlecht“. Er zitierte dazu den neuesten OECD-Bericht. Glehr konterte: „Man kann doch aus einer Medikamentenstatistik nicht auf die Qualität der Versorgung schließen!“

Der ÖGAM-Vize musste schließlich auch noch unfreiwillig in die Bresche für die Ärztekammer springen. Eine junge Kollegin berichtete von aktuellen Ärztekammer-Mails „Das ist ein richtiges Bashing gegen PHC“, das verstehe sie nicht. Glehr klärte auf: Es gehe um die gesetzlichen Rahmenbedingungen, „wir brauchen jemand, der auch Ihre Zukunft finanziell verhandelt und Ihre Rechte sichert. Ohne die vielgeschimpfte Ärztekammer täte es um uns noch viel schlechter ausschauen.“

Nach etlichen weiteren Wortgefechten fühlte sich Stigler bestätigt: „Wenn wir uns nicht engagieren und etwas machen, wird wieder nichts passieren. Das ist meineVermutung als Junger, der sich die Diskussion anschaut!“ Er selbst würde übrigens gerne in einem PHC in der Steiermark arbeiten.

 

JAM15

Der 1. Kongress der Jungen Allgemeinmedizin Österreich (JAMÖ), kurz „JAM15“, fand von 7.–8. November in Salzburg statt und verband allgemeinmedizinische Fortbildung (mehr dazu demnächst) mit spannenden politischen Diskussionen. Industriesponsoring gab es keines, Unterstützung (organisatorisch und finanziell) kam von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) und der Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM). Für das Pilotprojekt habe man die Teilnehmerzahl bewusst auf 35 begrenzt, so JAMÖ-Obfrau Dr. Maria Wendler. Doch Fortsetzung folgt: „Wir suchen ein Team für den JAM16!“
www.jamoe.at
Kongress: www.jungeallgemeinmedizin.at

Autorin: Mag. Anita Groß