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Helfer außerhalb des Gesundheitssystems

Österreichweit helfen Ärzte und Organisationen niederschwellig Menschen, die durch herkömmliche Gesundheitseinrichtungen nicht erreicht werden. Bei einem Vernetzungstreffen in Wien boten sie Einblicke in ihre Arbeit.

Im Ferry-Dusika-Stadium in Wien schreiben Flüchtlinge an ihre Helfer.

Im Ferry-Dusika-Stadium in Wien schreiben Flüchtlinge an ihre Helfer.

Wenn es draußen kalt wird, sind Hilfs­einrichtungen, die Menschen ohne Krankenversicherung eine niederschwellige medizinische Erst- und Grundversorgung anbieten können, besonders wichtig. Manche der Ini­tiativen richten sich auch an Menschen, die zwar versichert sind, aber die Schwelle in das öffentliche Gesundheitssystem nicht überwinden können, z.B. wegen Sprachbarrieren, Armut oder Suchtproblemen. Ende November dieses Jahres lud AmberMed, eine Kooperation von Diakonie Flüchtlingsdienst und Österreichischem Roten Kreuz, zu einem Vernetzungstreffen österreichweit tätiger Organisationen, um einen Austausch über Themen wie Armuts­medizin und die aktuelle Flüchtlingssituation zu ermöglichen. Vertreter von acht Initiativen aus fünf Bundesländern nahmen daran teil.

Die Marienambulanz der Caritas in Graz versorgt über 1700 Patienten.

Die Marienambulanz der Caritas in Graz versorgt über 1700 Patienten.

AmberMed selbst bietet in Wien-­Oberlaa Hilfe für unversicherte Menschen, wobei gute 40 Prozent der über 2000 Patienten jährlich Asylsuchende und weitere gute 40 Prozent EU-Bürger bzw. Migranten mit Aufenthaltsstatus sind, fünf Prozent Österreicher und der Rest Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus. „Neben der allgemeinmedizinischen Ordination können wir diverse fachärztliche Leistungen anbieten“, erklärte AmberMed-Leiterin Carina Spak, DSA, bei einer kurzen Führung durchs Haus. „Beinahe 50 Ärzte arbeiten ehrenamtlich für uns, zusätzlich zirka 30 Therapeuten, Dolmetscher und weitere Helfer. Unverzichtbar sind auch unsere gut 80 externen Kooperationspartner, an die wir Patienten überweisen können.“

Um der aktuellen Flüchtlingssituation gerecht zu werden, baut AmberMed derzeit ein temporäres Angebot auf, das sich AmberMobil nennt. Betreut werden Asylsuchende, die zwar bereits ab der Antragstellung krankenversichert wären, aber bis zur Ausstellung des Nachweises, der E-Card, einige Tage nicht in der Grundversorgung sind. „AmberMobil fährt mit ehrenamtlichen Ärzten und Dolmetschern zurzeit das Erstaufnahmezentrum in der Lindengasse und diverse Notquartiere an“, schilderte Spak. Zusätzlich sei gemeinsam mit der ÖH der MedUni Wien ein Buddy-System am Entstehen: Asylsuchende, die vermehrte medizinische Betreuung benötigen, werden zu den diversen Untersuchungen dolmetsch­unterstützt begleitet.

Flüchtlingsbetreuung in Wien und Traiskirchen

Bei der Initiative „Medical Aid For Refugees“, ins Leben gerufen im August 2015 vom ärztlichen Leiter der Caritas Wien, Dr. Thomas Wochela-Thoma, waren die Diakonie und Ärzte ohne Grenzen Mitbegründer. Die Initiative sieht sich als Bindeglied, um ehrenamtliches medizinisches Personal mit den Hilfsorganisationen zu vernetzen, und war zunächst in Traiskirchen, später an der österreichisch-ungarischen Grenze bzw. den Bahnhöfen und zuletzt in den Transitquartieren tätig. „Ein Problem ist, dass im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen das Feldspital des Roten Kreuzes wieder abgebaut wurde, da der Belagsstand unter 2000 ist“, informierte Wochela-Toma über aktuelle Herausforderungen.

„Um diesen Belagsstand halten zu können, werden jedoch Flüchtlinge abgewiesen, die in der Folge obdachlos sind und sich selbstständig Notquartiere in Wien und Niederösterreich suchen müssen.“ So gebe es mittlerweile eine Vermischung in den Quartieren von Transitflüchtlingen und noch unversicherten bzw. bereits versicherten Asylwerbern, wobei Letztere oft nicht wissen, dass sie versichert sind. Wochela-Thoma: „Wir wollen mehr Effizienz erreichen. Wien ist willig, aber der Bund nicht.“

Medizinische Basis­versorgung für Bedürftige

Das Neunerhaus in Wien-Margareten ist per Definition eine Sozialorganisation, die obdachlosen Menschen ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben ermöglichen möchte. Sie verfügt über eine Arzt- und eine Zahnarztpraxis, in die jeder kommen kann, ungeachtet von Herkunft und Versicherungsstatus. Zusätzlich betreuen Neunerhaus-Ärzte Ordinationen in 17 Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe. Im Vorjahr haben rund 3000 Menschen die Angebote im medizinischen Bereich in Anspruch genommen. „Da sich viele unserer Ärzte bereits seit Wochen ebenso in der medizinischen Erstversorgung von Flüchtlingen in Traiskirchen und auf den Wiener Bahnhöfen engagieren und von dort erkrankte Flüchtlinge auch direkt in die Neunerhaus Praxis geschickt werden, ist der Andrang so groß wie nie, und die Ressourcen werden knapp“, gab Mag. Sandra Stuiber-Poirson, Leiterin der medizinischen Versorgung, zu bedenken.

Viele Ärzte leisten ehrenamtlich Dienst für Menschen in Not.

Viele Ärzte leisten ehrenamtlich Dienst für Menschen in Not.

Auch das Ambulatorium Caritas Marienambulanz in Graz hat eine sehr breite Zielgruppe. Gut die Hälfte der mehr als 1770 Patienten sind versichert. Der Anteil der Unversicherten steigt allerdings. „Zu einem großen Teil handelt es sich bei den Hilfesuchenden um Armutsmigranten aus Osteuropa und Asylwerber aus Somalia und dem Nahen und Mittleren Osten. 2015 sind auch bei uns Syrer angekommen“, erklärte Dr. Eva Czermak, organisatorische Leiterin der niederschwelligen Einrichtung. Geboten werde abgesehen von der Allgemeinambulanz eine Frauen-, eine Diabetes- und eine psychiatrische Sprechstunde. Und es wird auch „nachgehende Arbeit“ geleistet, in einer „rollenden Ambulanz“, bei Notschlafplätzen und auf öffentlichen Plätzen.

Medcar(e) stellt in Innsbruck eine soziale und medizinische Basisversorgung auf der Straße sicher, einerseits in einer ärztlichen Gemeinschaftspraxis in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, andererseits mobil mit einem Bus. Es handelt sich dabei um ein Projekt von Caritas und Rotem Kreuz. „Flüchtlinge sind bei uns weniger ein Thema, da sie gut abgesichert sind“, sagte die Caritas-Projektverantwortliche Veronika Schneider. Die Armutmedizin stehe im Vordergrund: Von den 350 Patienten, die pro Jahr betreut werden, sind drei Viertel unversichert.

Das Help-Mobil der Caritas fährt vier Standorte in Linz an.

Das Help-Mobil der Caritas fährt vier Standorte in Linz an.

Schwester Tarcisia Valtingoier managt in Linz seit vielen Jahren das Vinzenzstüberl für Wohnungslose und Bedürftige der Barmherzigen Schwestern. Ausgelegt sei die Einrichtung auf 60 bis 70 Personen täglich, derzeit seien jedoch 120 normal, gab sie zu bedenken. „Der Winter wird spannend, da könnten es 200 werden!“ Der Anstieg sei einerseits bedingt durch Flüchtlinge, die im Personalhaus untergebracht sind. Andererseits kommen aufgrund des Bettelverbots in Salzburg mehr Armutsmigranten nach Linz. Und da­rüber hinaus sei der Anstieg der Drogensüchtigen ein Problem, insbesondere die Verbreitung von Crystal Meth. Medizinisch werden den Bedürftigen u.a. Arztsprechstunden, eine Erstversorgung sowie die Nachbetreuung vorhandener Wunden und Gebrechen angeboten. Akutfälle können in die Spitalsambulanz begleitet werden.

(Mobile) Tankstellen menschlicher Wärme

Das Help-Mobil, das in Linz vier Standorte anfährt, ist ein Kooperationsprojekt von Caritas, Arbeitersamariterbund, Barmherzigen Schwestern, Lazarus-Orden und Rotem Kreuz. Betreut werden 200 bis 250 Klienten im Jahr, großteils Armutsmigranten. Wobei wegen „Ärztemangel“ derzeit nur an jedem zweiten Einsatztag eine medizinische Versorgung möglich ist. Unter den „mobilen Hilfen“ ist der Louise-Bus der Caritas Wien am längsten im Dienst. Er bietet an fünf Tagen pro Woche an unterschiedlichen Plätzen in der Bundeshauptstadt unversicherten Menschen medizinische Hilfe an. Medical Tribune durfte ihn diesen Sommer einen Vormittag lang bei der niederschwelligen Arbeit begleiten (MT 30–34, S. 10). Er war Vorbild auch für den Virgilbus, der seit Dezember 2014 „medical streetwork“ in Salzburg leistet.

Das Rote Kreuz organisiert die medizinische Basisversorgung, die Caritas kümmert sich um Termine und Einsatzorte in Abstimmung mit den vom Arbeitskreis Vorsorgemedizin Salzburg (AVOS) betreuten Institutionen. „In den ersten sechs Monaten wurde der Bus von 236 Patienten aus 17 Nationen aufgesucht, wobei der überwiegende Teil aus Osteuropa stammte. Aber auch Österreicher nahmen das Angebot in Anspruch“, zog Projektleiter Dr. Sebastian Huber eine erste Bilanz.  „Erfreulich viele Ärzte erklärten sich bereit, im Virgilbus ehrenamtlich Dienst zu machen. Das soll auch zu mehr Sensibilität gegenüber obdachlosen Menschen in der Stadt Salzburg beitragen.“ In Zukunft wollen die Hilfsorganisationen verstärkt gemeinsam ein Sprachrohr für Bedürftige sein, die nicht für sich selbst sprechen können.

Info:
Ärztliche Mitarbeiter und Spenden werden von allen Institutionen dringend gebraucht:

Autorin: Mag. Karin Martin