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Einzelordination am Ende?

Foto: Bilderbox

KONGRESS – Der traditionelle Hausarzt ist ein „Auslaufmodell“ – nicht für die Patienten, aber für immer mehr Ärzte. Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion über ambulante Medizin auf der ÖGW-Tagung1.

Ist die Einzelordination ein Auslaufmodell? „Die Antwort auf diese Frage ist für uns im ländlichen Raum in der Schweiz ein klares Ja“, sagte Dr. Joachim Koppenberg auf dem Österreichischen Gesundheitswirtschaftskongress (ÖGW). Er ist im Unterengadin Spitalsdirektor eines Gesundheitszentrums, welches unter anderem ein Krankenhaus sowie ambulante und stationäre Pflege unter einem Dach vereint. Demnächst müsse man als Spitalsbetreiber eine Ordination übernehmen, so Koppenberg, denn in der Peripherie gelingt es nicht mehr, die Hausarztstellen nachzubesetzen.

Die Idee: Der Hausarzt soll die Infrastruktur des Spitals nützen und vor der Notfallstation die Patienten filtern. Ziel der Zusammenlegung der Gesundheitsdienste war zunächst die Ressourcen-Optimierung, wie Koppenberg zugibt. Mittlerweile habe man jedoch festgestellt, dass man einen großen Schritt in der Patientenversorgung gemacht habe. Am Beispiel der Pflege: Dank der gemeinsamen Finanzierung ist es gelungen, 30 Prozent der stationären Pflegebetten abzubauen und die ambulante Pflege sowie die Prävention auszubauen – das Personal blieb dabei erhalten.

„System an und für sich ist längst schon schlecht“

Der Reformdruck gehe, abgesehen von ökonomischen Zwängen, nicht zuletzt auch von einer neuen Generation von Ärzten aus, sagte die frühere Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky. Die neue Generation wünsche sich zum einen den Austausch im Team und zum anderen eine gesunde Work-Life-Balance. „Das System an und für sich ist längst schon schlecht“, fand Kdolsky harte Worte. „Aufrechterhalten wird es nur noch von den vielen Idealisten, die weit über das hinaus arbeiten, was sie sollten.“ Wenn eine neue Generation dazu nicht mehr bereit sei, „wird das System crashen“, zeigte sich Kdolsky überzeugt. Auf den grundlegenden Wandel in der ambulanten ärztlichen Versorgung Deutschlands verwies der Journalist Dr. Robert Paquet. In Deutschland arbeitet inzwischen nur noch etwa die Hälfte der niedergelassenen Ärzte in Einzelordinationen, die andere Hälfte in anderen Organisationsformen.

Die Gruppe, die am meisten wächst, sind die angestellten Ärzte. In den letzten elf Jahren, seit es rechtlich möglich wurde, sei ihre Zahl auf 17.000 gestiegen, erklärte Paquet: „Mehr als zehn Prozent der 150.000 Ärzte, die an der ambulanten Versorgung teilnehmen, sind in Deutschland angestellte Ärzte – ein Strukturwandel sondergleichen.“ Eine Kernfrage der Zukunft werde es sein, „in der ambulanten Versorgung eine Einheit zu schaffen, die ein attraktiver Arbeitgeber ist“, sagte Torsten Schudde, Dipl. Gesundheitsökonom. Ein solcher ist seiner Überzeugung nach das „MVZ medicum Hamburg”, dessen kaufmännischer Leiter er bis vor Kurzem war. Dieses medizinische Versorgungszentrum, das inzwischen mit 120 Mitarbeitern an drei Standorten in Hamburg tätig ist, entstand aus einer kleinen Diabetologischen Gemeinschaftspraxis.

Mit dem Ziel, sich an den Bedürfnissen des Patienten zu orientieren, wurden rund um das Thema Diabetes sämtliche erforderlichen Fachrichtungen eingerichtet, etwa eine kardiologische und eine augenärztliche Fachabteilung. Dem Patienten werde es durch diese große moderne Einheit erleichtert, alle empfohlenen Arztbesuche auch wirklich wahrzunehmen, erklärte Schudde: „Und wenn sich der Patient leitliniengerecht verhält, steigt zwangsläufig auch die medizinische Qualität.“ Als „wirklicher Fan der Gruppenpraxis“ bezeichnete sich Dr. Friedrich Anton Weiser, MSc, Fachgruppenobmann für Chirurgie der Ärztekammer Wien. Er ist Gründer und Teilhaber der chirurgischen Gruppenpraxis „Medico Chirurgicum“ mit Schwerpunkt Endoskopie. Vorteile der Gruppenpraxis aus seiner Sicht: zum einen die Möglichkeit, sich die hohen Investitionskosten zu teilen, zum anderen der regelmäßige fachliche Austausch.

Der Nutzen für das System: die flexibleren Öffnungszeiten. Weisers Gruppenpraxis hat an sieben Tagen in der Woche offen. Über ein flächendeckendes Angebot mit ausgedehnten Öffnungszeiten verfügen auch die Apotheken, wie Mag. pharm. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Apothekerkammer Oberösterreich betonte. „Ich glaube gar nicht, dass der Patient mit großer Vorliebe in die überfüllten Ambulanzen fährt. Wenn extramural entsprechende Angebote vorhanden wären, würde er diese sehr dankbar wahrnehmen“, sagte sie.

„Einzelkämpfer kann nicht durcharbeiten“

Das Thema Öffnungszeiten niedergelassener Ärzte griff Dr. Herwig Lindner, Präsident der Ärztekammer Steiermark und Finanzreferent der Österreichischen Ärztekammer, auf. „Ein Einzelkämpfer kann natürlich nicht die ganze Woche durcharbeiten. Wir brauchen Strukturen, die es ermöglichen, die Öffnungszeiten in die Tagesrandzeiten und auch ins Wochenende auszuweiten“, zeigte er sich offen gegenüber neuen Organisationsformen wie Gruppenpraxen oder Ärztezentren, bekannte sich aber grundsätzlich zum bestehenden System.

Allerdings müsse der extramurale Bereich dringend ausgebaut werden, so Lindner: „Der niedergelassene Bereich kann das, was aus dem Spitalsbereich ausgelagert werden soll, zum jetzigen Zeitpunkt mit den jetzigen Strukturen nicht übernehmen.“ Der Ball liegt somit bei den Krankenkassen. Dass diese einen gedeckelten, nicht kostendeckenden Beitrag an die Spitäler zahlen, sei eine „perverse Situation“, so Weiser: „Das heißt, für die Krankenkassen ist jeder Patient, der ins Spital geht, ein Gewinn – volkswirtschaftlich ein Irrsinn.“ 1

7. Österreichischer Gesundheitswir tschaftskongress; Wien, März 2015

Autor: Mag. Petra Vock