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Brustkrebs-Information am Busbahnhof

Wie sich eine „interkulturelle Öffnung“ des Gesundheitssystems erreichen lässt, war Thema eines Symposiums, zu dem das Competence Center Integrierte Versorgung (CCIV) der österreichischen Sozialversicherung in Wien lud.

Migrantinnen finden sich im Gesundheitswesen oft schwer zurecht.

Migrantinnen finden sich im Gesundheitswesen oft schwer zurecht.

Welche schwerwiegenden Folgen eine nicht gelungene Integration haben kann, führen die jüngsten terroristischen Anschläge von Islamisten, die in Europa aufgewachsen sind, der westlichen Welt vor Augen. Auch die integrierte Versorgung im Gesundheitssystem steht im Spannungsfeld von Migration, Diversität und Inklusion. Dabei ist Migration per se nicht zwangsläufig mit gesundheitlichen Problemen verbunden. Doch durch kulturelle Unterschiede, Sprachschwierigkeiten, mangelndes Wissen über Gesundheit und das Gesundheitssystem oder sozioökonomische Belastungen profitieren Migranten oft zu wenig von den Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung, und gesundheitliche Probleme verstärken sich.

„Hierbei sind präventive und gesundheitsfördernde Angebote eminent wichtig, denn sie signalisieren den Migranten die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft und darauf, dass an den Nöten und am Wohlergehen der zugewanderten Mitmenschen Interesse besteht“, betonte Dipl. Sozial­wissenschafter Ramazan Salman, Leiter des Ethno-Medizinischen Zentrums in Hannover. „Diese gefühlte emotionale Zuwendung ist eine wichtige Triebfeder der individuellen ­Integration.“ Einerseits bedürfe es verstärkter Anstrengungen, um sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen zu verringern, führte der Experte weiter aus. Andererseits sollte die Auseinandersetzung mit Migrationszusammenhängen unter dem Stichwort „Interkulturelle Öffnung“ so weit wie möglich Bestandteil der Regelversorgung sein. „Spezialisierte Dolmetscherdienste oder muttersprachliche Präventionsangebote dienen dann dazu, Ungleichheiten von Gesundheitschancen auszugleichen.“

Ethnomarketing beim Brustkrebsscreening

Ein Themenschwerpunkt des CCIV ist seit mehreren Jahren das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm, bei dem die Verantwortlichen von Anfang an auf Migrantinnen als eine eigene Zielgruppe setzen wollten. Denn Migrantinnen nehmen Studien zufolge Früherkennungsuntersuchungen seltener in Anspruch und suchen auch seltener Gynäkologen auf. Informationen zum Programm und zu Brustkrebs wurden daher auf Deutsch, Englisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (BKS) und Türkisch erstellt. Auch die Serviceline erteilt Auskünfte in diesen Sprachen. „Da wir die Erfahrung machten, dass die Bewerbung des Programms im herkömmlichen Sinn von der Zielgruppe der Migrantinnen selbst in ihrer Muttersprache großteils nicht wahrgenommen wird, haben wir uns Unterstützung bei der Agentur Brainworker geholt, die auf Ethnomarketing spezialisiert ist“, schilderte Kerstin Schütze, Leiterin des Brustkrebs-Früherkennungsprogramms im Wiener CCIV-Regionalbüro.

Die Empfehlung der Experten sei z.B. gewesen, Promotorinnen mit Muttersprache BKS zu schulen und vor den Wochenenden zum Wiener Busbahnhof zu schicken, da sich dort viele Frauen auf den Weg in ihre alte Heimat aufmachen. Die Promotorinnen verteilen Broschüren und beantworten Fragen zum Thema. Ein weiterer Vorschlag war, einen Stummfilm, der über Brustkrebsfrüherkennung informiert, während türkischer Hochzeitsfeiern laufen zu lassen. „Die Stimmung bei diesen ist recht ungezwungen, und es ist üblich, dass auf diversen Bildschirmen Werbung z.B. für Kredite oder Waschmaschinen laufen“, so Schütze über den ungewöhnlichen Zugang. „Gelernt haben wir: Man muss die Frauen dort einladen, Gesundheitsangebote zu nutzen, wo sie sich von Haus aus aufhalten. Sie müssen sich angenommen und gut aufgehoben fühlen.“

Migrationsverantwortliche in allen SV-Trägern

Mag. Bernhard Wurzer, Generaldirektor-Stv. im Hauptverband, hob im Rahmen einer Podiumsdiskussion hervor, dass es mittlerweile in allen Sozialversicherungsträgern Migrationsverantwortliche und viele Einzelinitiativen zum Thema Integration gebe, die allerdings in einem nächsten Schritt zusammengeführt werden müssten.

Der Soziologe Kenan Güngör, Leiter des Beratungs- und Entwicklungsbüros „think-difference“, gab zu bedenken, dass Begriffe wie „Integration“ und „transkulturell“ nicht inflationär verwendet werden sollten. Das führe erst recht zu Stereotypenbildung und Skepsis in der Bevölkerung: „Jetzt sollen wir noch was für die tun …“ Sogenannte interkulturelle Konflikte im Gesundheitssystem hätten oft weniger mit Kultur, denn mit sozialen Verhältnissen und mit Kommunikation und Beziehungsfähigkeit zu tun, argumentierte er.

„Die Sprache der Ärzte erreicht nicht immer die Bevölkerung mit Gesundheitsproblemen. Das auf Migrationspopulationen zu reduzieren, wäre daneben“, stimmte Dr. Clemens Auer, Leiter der Sektion I des Bundesministeriums für Gesundheit, mit seinem Vorredner überein. Abgesehen von Sprachfähigkeiten sei Health Literacy ein wichtiges Thema: „Wir müssen die Health Literacy in allen soziokulturellen Gruppen stärken.“ Darüber hinaus gelte es, die in unseren westlichen Demokratien tief verankerte Menschenrechtstradition zu bewahren.

Eigene Überzeugungen verteidigen

Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-­Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, hob hervor, dass es gerade bei Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund sehr wohl Unterschiede gebe, die nicht nur mit sozialer Benachteiligung, sondern ganz offensichtlich mit Isolation aus kulturellen und religiösen Gründen zu tun haben. „In der neuen Mittelschule setzen wir seit vielen Jahren auf eine Veranstaltung für Burschen und Mädchen zum Thema Sexualität“, brachte sie ein Beispiel.

„Da die Jugendlichen in den Klassen heute so unterschied­liche kulturelle Backgrounds haben, überlegten wir zwischendurch, ob wir das Standardprogramm weiterfahren können. Wir entschieden uns schließlich, nicht auf Tabus anderer Kulturen Rücksicht zu nehmen, sondern der eigenen Überzeugung zu folgen, zumal wir nur objektives Wissen vermitteln. Die Veranstaltung wurde und wird sehr gut angenommen.“ Es gelte die Wertevorstellung „Gleichheit der Menschen“ zu verteidigen und kulturelle Vielfalt im Gesundheitssystem zur Normalität werden zu lassen. Erfolgreich wäre das, wenn es keine messbaren Unterschiede mehr im Gesundheitszustand von Menschen mit unterschiedlichen soziokulturellen Backgrounds gäbe. Davon ist man derzeit noch weit entfernt: „Derzeit haben Migrantinnen z.B. ein 3,4-fach höheres Risiko, an Diabetes zu leiden.“

Info:
Competence Center Integrierte Versorgung: www.cciv.at

Autorin: Mag. Karin Martin