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Ärzte-Mehrheit für Impfpflicht

UMFRAGE – Fast 58 Prozent der Ärzte sprechen sich für eine Impfpflicht aus. Das ist das überraschende Ergebnis einer Online-Umfrage der Medizin Medien Austria unter 732 Ärzten.

Ein Ergebnis der MMA-Umfrage: 93 Prozent der befragten Ärzte haben ihre eigenen Kinder geimpft bzw. würden dies tun, wenn sie welche hätten.

Ein Ergebnis der MMA-Umfrage: 93 Prozent der befragten Ärzte haben ihre eigenen Kinder geimpft bzw. würden dies tun, wenn sie welche hätten.

Im Umfragezeitraum von nur dreieinhalb Tagen war die Resonanz beachtlich. 732 Allgemeinmediziner, Internisten und Pädiater beantworteten zwischen 26. Februar am Abend und 2. März in der Früh drei Fragen zur Impfpflicht. Die Blitzumfrage über das digitale Ärztepanel Mind- Maker der Medizin Medien Austria GmbH (MMA), unter deren Dach auch die Medical Tribune firmiert, ist für Allgemeinärzte sogar repräsentativ. Anlass für den Fachverlag, den Medizinern auf den Zahn zu fühlen, ist die hitzige Debatt rund um die Masernepidemie in Deutschland, bei der bereits 650 Personen erkrankten und ein Kind starb.

In Folge forderten deutsche Politiker als auch Bundesärztekammer eine Impfpflicht. In Österreicch wurden heuer bereits fast 50 Masernfälle gezählt. Die Österreichische Ärztekammer ist gegen eine Impfpflicht. Doch unter ihrer Klientel zeichnet sich ein anderes Bild ab: 57,7 Prozent der 732 befragten Ärzte sind der Meinung, dass Österreich eine Impfpflicht brauche, 42,3 Prozent dagegen. Hier die Ergebnisse im Detail:

  • 25 Prozent aller Befragten ist für die harte Tour, nämlich eine Impfpflicht für alle impfpräventablen Erkrankungen. 29 Prozent befürworten eine Impfpflicht, allerdings nur für Infektionskrankheiten mit WHO-Eradikationszielen. Vier Prozent sagen ja, jedoch nur im Epidemiefall wie jetzt bei Masern.
  • 21 Prozent sind gegen eine Impfpflicht, sprechen sich aber für mehr Aufklärung aus. Knapp 14 Prozent sind dagegen, weil sie die Pflicht zur Impfung für verfassungswidrig halten. Die restlichen Befragten im niedrigen einstelligen Prozentbereich sind für eine bessere Honorierung für Impfungen bzw. eher für Impfungen in Kindergärten und Schulen statt einer Impfpflicht.

Kliniker und Internisten noch deutlicher für Impfpflicht

Bemerkenswert sind auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ärztegruppen. Sieben von zehn im Spital tätigen Pädiatern treten für eine Impfpflicht ein, bei den niedergelassenen Ärzten (Allgemeinärzte und Internisten) sind es knapp 55 Prozent. Nach Fächern geordnet fordern fast 72 Prozent der Internisten eine Impfpflicht, gefolgt von Kinderärzten (59 Prozent) und Allgemeinmedizinern (ebenfalls fast 55 Prozent).

Meinung zur Masernimpfung

Die zweite Frage der Umfrage eruierte, wie die Ärzte konkret zur Masern- Impfung stehen (Mehrfachantworten möglich). Als Skeptiker outeten sich hier nur wenige. Lediglich drei Prozent gaben an, Kinder dürfen zur Stärkung ihres Immunsystems ruhig Masern durchmachen, die Impfstoffe hätten potenziell mehr Nebenwirkungen als Nutzen, oder Masern seien doch harmlos, wozu die Aufregung. Knapp 12 Prozent klickten an, von Fall zu Fall abzuwägen und den Eltern die Vor- und Nachteile der MMR-Impfung zu erklären. 93 Prozent haben ihre eigenen Kinder geimpft bzw. täten es, wenn sie welche hätten. Auch hier stimmen Kinderärzte und Internisten noch deutlicher zu als Allgemeinärzte (rund 99 und 98 vs. 90 Prozent). 22 Prozent der niedergelassenen Ärzte lässt außerdem nur Mitarbeiter in der Ordi arbeiten, die gegen Masern geimpft sind.

Was den Ärzten auf dem Herzen liegt

Mit der Frage „Liegt Ihnen dazu noch etwas auf dem Herzen?“ gab die Umfrage den Teilnehmern die Möglichkeit, Kommentare abzugeben. Rund 300 Ärzte nutzten die Gelegenheit: Die Antworten fielen teils sehr emotional aus. So berichtet ein Kollege, vor vielen Jahren einen Buben an Masernenzephalitis versterben gesehen zu haben, „das möchte ich nicht noch einmal erleben, und das erzähle ich auch meinen Patienteneltern“. Ähnlich eine Ärztin, 1953 geboren: Zehn bis 15 Verwandte in der Generation ihrer Großeltern seien als Kinder gestorben, z.B. an Diphtherie. Noch in ihrer Generation sei Polio ein „dramatisches“ Thema gewesen. „Das sollte eigentlich alles sagen.“ Ein anderer „geniert“ sich immer öfter für seine Kollegen. Laien sei ob ihrer Unwissenheit eine ablehnende Haltung gegen Impfungen verziehen, Mediziner mit einer solchen sollten mit Berufsverbot belegt werden.

Ins selbe Horn stößt ein persönlich betroffener Kollege, dessen Neffe vor einem Jahr an der Masernspätfolge SSPE verstorben ist. Eine Pflicht zur Impfung hält erfür „wahrscheinlich nicht sinnvoll“. Es sollte aber rechtlich und standesrechtlich vehement gegen Ärzte vorgegangen werden, die gegen Impfungen mit eindeutiger Evidenz mobilisieren. Umgekehrt wehrt sich ein Kollege dagegen, warum eine bestimmte Sicht der Welt als die einzig richtige bewertet und allen anderen „übergestülpt“ werde, „das Leid geht weiter, das Sterben geht weiter, wenn vielleicht auch aus anderer Ursache. Das Leben ist lebensgefährlich, oder?“

Mehr Aufklärung ist notwendig

Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt das Wording für die Impfgegner: Von „Impfschmarotzern“ und „Kindesmisshandlung“ ist die Rede und davon, den Verweigerern das Kindergeld radikal zu streichen. Die Gemäßigteren führen gegen eine Impfpflicht ins Treffen, dass dies die Kluft zu den Impfgegnern noch vergrößern könnte, und plädieren für mehr Aufklärung, allenfalls noch dafür, Kindergarten- und Schulbesuch an die laut Impfplan vorgesehenen Impfungen zu koppeln.

Autor: Mag. Anita Groß