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Über das Sterben reden können

WIEN – Die erste öffentliche Sitzung der parlamentarischen Enquete-Kommission zum Thema „Würde am Ende des Lebens“ berührte mit vielen persönlichen Statements. Trotz unterschiedlicher Zugänge kristallisierten sich auch schon Konsenspunkte heraus.

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Schwerkranke haben sehr individuelle Wünsche, wie sie sterben wollen.

Als Vorbereitung zur Enquete hatte das Parlamentspräsidium die Öffentlichkeit zur schriftlichen Stellungnahme eingeladen. Die Anzahl der eingelangten Kommentare sprengte alle Erwartungen. Bis zur ersten öffentlichen Sitzung am 7. November waren es 628, viele davon sind auf www.parlament.gv.at abrufbar. Zehn kamen von öffentlichen Institutionen, 49 von NGOs bzw. Interessensvertretungen und 569 von Privatpersonen, darunter zahlreiche Ärzte.

Die Bandbreite reicht dabei von flammenden Plädoyers für aktive Sterbehilfe (z.B. Nr. 560, DDr. Christian Fiala) bis hin zur eindringlichen Warnung vor einer bewussten Tötung als „Tabubruch mit schrecklichen Konsequenzen“ (z.B. Nr. 494, Dr. Elisabeth Pittermann). Insgesamt zeige sich ein hohes Interesse am Thema und es seien „ganz viele persönliche Beispiele“ dabei, informierte Mag. Gottfried Michalitsch seitens der Parlamentsdirektion. Das war auch bei den Rednern im Parlament so, darunter Ärzte, Ethiker, Juristen und Politiker. Fast jeder wusste von den letzten Stunden geliebter Angehöriger oder ihm anvertrauter Personen zu berichten.

Caritas-Präsident DDr. Michael Landau erinnerte sich – wie wenn es gestern gewesen wäre –, als vor zehn Jahren seine Mutter im Sterben lag und der damalige Arzt, Univ.- Prof. Dr. Herbert Watzke, ihm zusicherte, dass sie keine Schmerzen haben werde, „das war mir als Sohn wichtig“. Nationalratspräsidentin Doris Bures stellte fest, wie schwer Abschied und Loslassen seien, „ich habe es selbst erlebt bei meinen Eltern“. VP-Behindertensprecher Dr. Franz-Joseph Huainigg, der seit 2006 ein „gut durchlüftetes Leben“ am Beatmungsschlauch führt, schildert, wie er um ein Haar seine letzten Stunden erlebt hätte:
Abgemagert, Arme und Beine gelähmt, an Luftnot leidend, fragten die Ärzte seine Frau: „Will der überhaupt noch leben?“ Ja, wollte er. Er hatte in einer Patientenverfügung festgelegt, dass er mit den Möglichkeiten der Medizin weiterleben möchte. Das Leben am Schlauch sei seine freie Entscheidung gewesen, betont er heute, und „es ist ein gutes Leben“.

Wunsch nach Intensivstation

Dass es jetzt schon gute Instrumente für eine hohe Autonomie gäbe, unterstreicht auch Dr. Maria Kletečka-Pulker, Geschäftsführerin am Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Uni Wien. Sie hat selbst eine Vorsorgevollmacht hinterlegt, damit nicht ein Sachwalter für sie entscheidet, wenn sie es nicht mehr selber kann. Anders als ein Sachwalter könne nämlich ein Vorsorgebevollmächtigter auch „unvernünftige“ Entscheidungen treffen und eine Therapie ablehnen – so wie jeder Patient das „Recht auf Unvernunft“ habe.

Und was viele nicht wissen, so die Juristin: Man könne seine Meinung auch ändern, sodass der Arzt verpflichtet ist, eine begonnene Therapie abzubrechen, selbst wenn er dabei „aktiv“ eine Maschine abschalten muss. Auch ihre Eltern, erzählt die Juristin, hätten nun eine Patientenverfügung gemacht. Dabei erlebte sie eine große Überraschung: Ihr Vater wolle „auf der Intensivstation“ sterben, mit „grellem Licht und vielen Computern“. Denn die Intensivmedizin hätte ihm schon so oft geholfen. Ganz anders ihre Mutter, sie möchte „ja keine künstliche Ernährung“ …

Von den Wünschen der Sterbenden kann Dr. Harald Retschitzegger, Präsident der Österreichischen Palliativgesesellschaft (OPG), ebenfalls einiges berichten. Als ehemaliger Leiter der Palliativstation im KH Ried hatte er mit zirka 2500 Menschen am Lebensende zu tun. „Ich erinnere mich bei vielen Einzelnen an die Blicke ihrer Augen.“ Augen, die für die Offenheit des Arztes dankbar waren, wenn die Befunde schlechter wurden – und dankbar für die Zusicherung, Schmerzen zu lindern und keiner ungewollten Therapie oder gar „ökonomisch motivierten Übertherapie“ anheimzufallen. Denn Sorgen dieser Art stecken seiner Erfahrung nach hinter der Bitte: „Herr Doktor, geben Sie mir die Spritze!“

„Sterbe ich früh genug?“

Betroffenes Schweigen herrschte im Parlament, als Waltraud Klasnic, Präsidentin von Hospiz Österreich, dem Dachverband für rund 290 Hospiz- und Palliativeinrichtungen, drei Briefe vorlas. Der erste war ein Dankesschreiben aus einem Hospiz. Der zweite kam von zwei Studentinnen, deren schwerkranke Mutter keine Aufnahme in einem Hospiz fand, weil sie sich 170 Euro/ Tag nicht leisten konnten. Der dritte Brief handelte von einer Krebskranken, die nur eine gewisse Summe für die Hospizbetreuung zur Verfügung hatte und jeden Tag bei der Visite fragte, ob sich „das mit dem Geld wohl ausgeht“.

Für Klasnic, die sich eine „kreative finanzielle Lösung“ wünsche, ist auch der Begriff „Sterbehilfe“ ein „Unwort“. Und sie erinnert an Menschen, die ihr Lebtag selbstbestimmt sterben wollten und am Lebensende dann doch nicht, so wie der Philologe und Vorkämpfer für aktive Sterbehilfe, Walter Jens, der als schwerdementer Mensch ausrief: „Bitte nicht totmachen!“ Bei allen Rednern, auch der sechs Parlamentsparteien, kam klar heraus: Es muss eine flächendeckende Hospiz- und Palliativbetreuung inklusive klarer Finanzierung her.

Einige fordern auch einen einklagbaren Rechtsanspruch darauf. „Kein Mensch käme auf die Idee, für einen Beinbruch Spenden zu sammeln“, bringt es DDr. Landau auf den Punkt. Ein weiterer Konsens zeichnete sich ab, die Selbstbestimmungsinstrumente wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht bekannter zu machen.

Bleibt nur der einsame Suizid?

Umstritten ist die verfassungsrechtliche Verankerung des Verbots der Sterbehilfe und des Grundrechts auf würdevolles Sterben. Viele halten das einfachgesetzliche Verbot der Tötung auf Verlangen und das Verbot des assistierten Suizids (§§ 77 und 78 Strafgesetzbuch) für ausreichend. Bemerkenswerterweise kommt just von kirchlicher Seite, vom evangelischen Pfarrer und Diakonie-Direktor Mag. Michael Chalupka, die Anregung für einen „größeren Spielraum für Gewissensentscheidungen für Beihilfe zum Suizid“.

Damit meint er, „seltene, extreme Fälle“ strafrechtlich nicht zu verfolgen. Denn hier gehe es um die Fragen: „Bleibt mir nur der einsame Suizid? Oder darf ich darüber sprechen, damit jemand dabei sein kann?“ Dass die derzeitige Regelung in Österreich in Übereinstimmung mit der Europäischen Menschenrechtskommission sei, hob DDr. Elisabeth Steiner vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hervor. Sie warf aber auch Fragen rund um das „individuelle Sterben“ auf und brachte ein kleines Büchlein von Antoine de Saint- Exupéry mit.

„Wirklich gut werden wir nur mit dem Herzen sehen“, zitiert die hohe Richterin den kleinen Prinzen im Parlament. Abschließend kündigte Enquete- Vorsitzende Mag. Gertrude Aubauer die nächste öffentliche Sitzung für den 25. November an und versicherte: „Wir Parlamentarier sind für jeden einzelnen Menschen da“, sie wolle klare Ergebnisse. Für das Frühjahr 2015 ist ein Endbericht an den Nationalrat mit konkreten Empfehlungen geplant.

Stellungnahmen sind bis 31. Jänner 2015 unter wuerdevoll.leben@parlament.gv.at möglich.

Autor: Mag. Anita Groß