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Spitalskosten: Der Kampf ums beste Personal

ÄrztinDen Krankenhäusern steht in den kommenden Monaten ein verschärfter Konkurrenzkampf ums medizinische Personal bevor. Ärzte hingegen können sich freuen: sie sind heiß begehrt. Allerdings wird auch der Kostendruck steigen.

Mehr als 60 Prozent der Kosten in Spitälern entfallen auf den Personalbereich. Der wachsende Spardruck aufgrund der leeren Kassen in den Bundesländern sorgt deshalb vor allem im Personalbereich seit Monaten für Wirbel: Die Arbeit nimmt zu, die Produktivität muss aus Sicht der Krankenhausverantwortlichen steigen, und die Beschäftigten stöhnen unter Mehrarbeit und weniger Zeit für Patienten.
An den Kostenrädern drehen wie in vielen anderen Wirtschaftsbereichen zunehmend Spitalsmanager, die an Wirtschaftsuniversitäten ausgebildet wurden und längst nicht mehr im Medizinbetrieb groß geworden sind. Für die einen ein Segen, weil das System aus ihrer Sicht professionalisiert wird, für andere – meist Mediziner – ein Fluch. Sie fürchten um die Entscheidungsmöglichkeiten und kritisieren die wachsenden Belastungen: Die anhaltende Überlastung der Spitalsärzte, Bürokratielawinen und Administrationsschikanen führten zu Entmotivierung und Resignation der Ärzte, klagte zuletzt Ärztekammer-Vizepräsident Dr. Harald Mayer: „Junge Mediziner suchen ihr berufliches Heil im Ausland, was dazu führt, dass immer mehr Arztstellen in Österreich nicht mehr besetzt werden können.“ In den Spitälern werden Prozesse gestrafft und Bereiche zusammengelegt. Für ganz Kärnten gibt es etwa nur noch eine Augenambulanz am neuen Klinikum in Klagenfurt, in Wien sollen die städtischen Spitäler zu sieben Standorten zusammengeführt werden. Die Versorgung soll so besser werden, sagen die Verantwortlichen. Die Ärztekammer sieht das anders: Insbesondere ältere Ärzte hätten zunehmend mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die Burnout- Rate der Spitalsärzteschaft liege bei rund 50 Prozent, kritisiert Mayer. Und das hat auch Folgen für die Versorgung der Patienten, die im Akkord behandelt werden sollen: Im Durchschnitt unterbricht ein Arzt seinen Patienten bereits nach 18 Sekunden das erste Mal. Eine ärztliche Visite im Krankenhaus dauert im Schnitt drei bis vier Minuten.

Verkürzung der Ärztearbeitszeit

Jetzt deutet sich Entlastung an durch die von der EU-Kommission geforderte Senkung der Arbeitszeit bei Spitalsärzten von aktuell bis zu 72 Stunden auf maximal 48 Wochen stunden. Ohne zusätzliches Personal ist diese Reduktion aber nicht zu schaffen. Eine CliniCum-Umfrage in den heimischen Spitalsgesellschaften der Länder ergab einen Mindestbedarf von bis zu 2.000 zusätzlichen Spitalsärzten. Problem dabei: Kosten von bis zu 200 Millionen Euro pro Jahr. Und weil im System nicht mehr Geld zur Verfügung steht, muss woanders gespart werden. Wie das aussehen kann, zeigt sich in Salzburg: Das Land muss wie berichtet nach einem verlorenen Prozess beim Arbeits- und Sozialgericht Tausenden Mitarbeitern der Salzburger Landeskliniken (SALK) insgesamt rund 24 Millionen Euro nachzahlen, weil bisher deren Vordienstzeiten nicht zu 100 Prozent angerechnet worden sind. Der neue Geschäftsführer Paul Sungler strebt Einsparungen von drei bis fünf Millionen Euro pro Jahr bei wichtigen Investitionen an.
Mit der Gesundheitsreform kann man die Kosten dämpfen, nicht aber senken, sagt der Vorstand der Vorarlberger Landeskrankenanstalten Betriebsgesellschaft (KHBG), Dr. Gerald Fleisch. Ohne Umstrukturierungen in den Gesellschaften selbst werde es nicht gehen. „Man muss permanent schauen, wo welcher Bedarf ist, und dann entsprechend darauf reagieren. So hat es sich etwa bewährt, am LKH Hohenems die Gynäkologie, Chirurgie und Unfallchirurgie zu schließen sowie am LKH Bludenz die pädiatrische Station aufzulassen und stattdessen eine pädiatrische Doppelambulanz einzurichten.“ Auch wenn der Aufschrei zu Beginn groß war, zeige es sich, dass „dies völlig ausreicht und wir hier etliches an Kosten einsparen konnten“. Ebenso zeige die Triage-Einrichtung für das LKH Bregenz erste Erfolge: Man konnte damit die Spitalsambulanz entlasten, die weit teurer für das Gesundheitssystem ist, als der Besuch eines Hausarztes. „Außerdem haben die Spitalsärzte so mehr Zeit, sich um ihre dringenden Fälle zu kümmern – ein doppelter Gewinn also: höhere Qualität und weniger Kosten.“ Generell beurteilt Fleisch aber die EU-Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten skeptisch: Zum einen gebe es gar nicht so viele Ärzte in Österreich, zum anderen wüsste er nicht, mit welchem Geld diese bezahlt werden könnten.“

Inhaltliche Reformen einfordern

Die Bundesländer als Spitalsträger reagieren jedenfalls auf die Entwicklungen sehr unterschiedlich: Steiermark, Salzburg und Kärnten melden bereits einen Zusatzbedarf von Ärzten an. Niederösterreich will vorerst ohne weitere Mediziner auskommen. Die Kärntner Landeskrankenanstalten Betriebsgesellschaft (Kabeg ) müsste nach eigenen Angaben etwa 75 Ärzte mehr einstellen, um die kürzere Arbeitszeit auszugleichen. Die zuständige Landesrätin Dr. Beate Prettner hat allerdings schon angekündigt, hier Mittel freimachen zu wollen. Woher das insgesamt krisengebeutelte Bundesland – Stichwort Hypo-Bank – das Geld nehmen will, ist aber noch unklar.
Wien wiederum fordert zuerst inhaltliche Reformen ein, sagt Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely (SPÖ). Bund, Länder und Ärztekammer müssten einen gemeinsamen inhaltlichen Anspruch verfolgen. Bei den Ärztearbeitszeiten gehe es nicht nur um Höchstgrenzen, sondern auch darum, wie man innerhalb der Arbeitszeiten ein möglichst produktives Arbeiten ermöglicht und Leerläufe vermeidet. Die Arbeitszeitmodelle der Zukunft müssten flexibel sein und die aktuelle Entwicklung der Medizin widerspiegeln, wie z.B. den Ausbau von Tageskliniken. Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) gibt sich zuversichtlich, durch die Attraktivität der eigenen Ausbildung den Bedarf decken zu können: Die KAV-Spitäler seien bei jungen Medizinern als Ausbildungsstätte sehr gefragt. Pro Jahr werden in den KAV-Spitälern rund 1.000 Jungmediziner ausgebildet.

Pflegepersonal gesucht

Bedarf besteht aber nicht nur im medizinischen Bereich, auch in der Pflege wird Personal gesucht. Einige Bundesländer, etwa Salzburg, stellen zusätzliche Geldmittel für die Forcierung der Ausbildung zur Verfügung. Mit den sich ändernden Bedingungen wie der Zunahme von medizinischen Interventions-, Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten gehe im Pflegebereich auch ein Strukturwandel einher, heißt es aus der Spitalsholding SALK. Daher würden Pflegepersonen benötigt, die in immer komplexer und vielfältiger werdenden Pflegesettings souverän vermitteln und handeln können. Die SALK hat deshalb ein Karrieremodell zur systematischen Personalentwicklung erarbeitet, basierend auf den drei Säulen Fachentwicklung, Management und Lehre in der Pflege. Abgebildet wird eine stufenweise und organisationsbezogene Entwicklungsoption von der Pflegehilfe bis zum Doktor der Pflegewissenschaft.

Wachsender Frauenanteil

Die Oberösterreichische Spitalsgesellschaft Gespag wiederum rückt hier noch die Tatsache ins Zentrum , dass der Großteil der Pflegekräfte weiblich ist und diese Mitarbeiterinnen auch in der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf spezielle Bedürfnisse haben. In der Gespag sind 83 Prozent der knapp 4.900 Pflegefach- und Pflegehilfskräfte weiblich. Aber auch in der Medizin und den medizinischtechnischen Berufen sei bereits rund die Hälfte der Beschäftigten Frauen. „Ein wesentlicher Aspekt hinsichtlich dieses hohen Frauenanteils ist dabei die Orientierung an den altersbedingten Lebensbereichen der Mitarbeiterinnen“, ist Dr. Ingrid Federl, Personalvorständin der Gespag , sicher. „Unsere Teilzeitquote liegt bei 45 Prozent, und wir bieten über 150 verschiedene Arbeitszeitmodelle an. In einem Unternehmen, das von so vielen engagierten Frauen und auch Männern getragen wird, ist aber auch Gleichheit von Löhnen und Gehältern in derselben Position eine Selbstverständlichkeit.“ Federl spricht damit einen Bereich an, den viele Experten als die Herausforderung der nächsten Jahre im Spitalsbereich sehen: die Angleichung von Gehältern, um dem wachsenden Anteil an Frauen in allen Berufen Rechnung tragen zu können.

Autoren: Martin Rümmele und Ina Schriebl