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Pflegende Angehörige: Stärkste Säule des Systems

WIEN – Sie wirken im Verborgenen und hatten bisher keine starke Stimme und doch sind es Hunderttausende: Die „Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger“ machte im Rahmen ihrer 4. Jahreskonferenz auf die Probleme des „größten informellen Pflegedienstes“ in Österreich aufmerksam und formulierte Forderungen an Politik und Öffentlichkeit.

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Die IG pflegender Angehöriger will heuer vermehrt über die Pflegekarenz informieren.

Von den rund 450.000 Pflegegeldbeziehern in Österreich leben mehr als 80 Prozent zu Hause. Jeder zweite von ihnen wird ausschließlich von seinen Angehörigen gepflegt. „Wenn man annimmt, dass täglich zwei Stunden für die Betreuung aufgewendet werden, kommt man auf rund 280 Millionen Stunden pro Jahr, die pflegende Angehörige leisten“, sagte Mag. Dr. Werner Kerschbaum, Generalsekretär des Österreichischen Rotes Kreuzes und Finanzreferent der IG pflegender Angehöriger. Diese Stundenanzahl entspreche 180.000 Vollzeitäquivalenten – dreimal so viele wie die 60.000 Vollzeitäquivalente, die derzeit im gesamten stationären, teilstationären und mobilen Bereich beschäftigt sind.

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„Was wir vor allem brauchen, ist für den gesamten Pflegebereich und vor allem für die pflegenden Angehörigen eine viel größere Wertschätzung.“
Dr. Werner Kerschbaum

Die pflegenden Angehörigen seien somit der größte Pflegedienst in Österreich. „Auf der einen Seite haben wir einen Anstieg der Pflegebedürftigkeit, auf der anderen Seite erodiert durch die demographische Entwicklung die stärkste Säule dieses Systems, nämlich die pflegenden Angehörigen“, so Dr. Kerschbaum. Verschärft werde die Situation durch den prognostizierten Mangel an professionellen Pflegekräften. Dennoch haben pflegende Angehörige bis dato wenig Rechte und machen selbst von den Möglichkeiten, die es gäbe, kaum Gebrauch: Die Hospizkarenz beispielsweise sei von 2005 bis 2011 insgesamt nur 4172 Mal in Anspruch genommen worden, berichtete Dr. Kerschbaum: „Wenn man bedenkt, dass in Österreich jährlich zirka 70.000 Menschen versterben, dann ist das ein sehr geringer Prozentsatz.“

Etwas stärker genützt werde der Unterstützungsfonds des Sozialministeriums für Ersatzpflege. In den vergangenen drei Jahren hätten immerhin 24.000 Personen diese Unterstützung in Anspruch genommen, so Dr. Kerschbaum. Als „erfreuliche Entwicklung“ bezeichnete der Rotkreuz-Generalsekretär den Umstand, dass im aktuellen Regierungsprogramm der Ausbau von Hausbesuchen bei Pflegegeldbetreuern geplant ist: „Es hat sich gezeigt, dass gerade die aufsuchende Beratung den größten Erfolg hat.“

Seit 2014: Pflegekarenz

Seit 1.1.2014 gibt es auch die Möglichkeit, in Pflegekarenz oder Pflegeteilzeit zu gehen. Während dieser Zeit besteht ein Motivkündigungsschutz, ein Rechtsanspruch auf das Pflegekarenzgeld sowie eine sozialversicherungsrechtliche Absicherung in Form einer beitragsfreien Kranken- und Pensionsversicherung. „Das ist ein ganz wichtiger Schritt, um die ersten Monate von Betreuung und Pflege auf Schiene zu bringen“, erklärte Birgit Meinhard-Schiebel, die Präsidentin der IG pflegender Angehöriger.

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Birgit Meinhard-Schiebel

Nun geht es nicht nur darum, Betroffene darüber zu informieren; überzeugt werden müssen nicht zuletzt auch die Arbeitgeber: „Unsere Herausforderung als IG Pflege ist es jetzt, Unternehmer und Betriebe zu motivieren, ihren Arbeitnehmern diese Möglichkeit zu geben“, so Meinhard-Schiebel.

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf

Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ist das Schwerpunktthema der IG Pflege im Jahr 2014: Viele pflegende Angehörige, die für die Pflege ihren Beruf aufgeben, hätten keine Vorstellung davon, was das für ihre eigene Altersversorgung bedeutet, betonte Meinhard- Schiebel. Eines der Anliegen der IG pflegender Angehöriger ist es daher, Betroffene auf die Notwendigkeit sozialrechtlicher Absicherung hinzuweisen; von der Politik fordert man einen Rechtsanspruch auf Pflegekarenz und Pflegeteilzeit sowie die Schaffung von Rahmenbedingungen, die individuelle und flexible „Arbeitsarrangements“ ermöglichen.

Zu den Forderungen der IG pflegender Angehöriger an die Politik zählen außerdem: u eine jährliche indexbezogene Valorisierung des Pflegegeldes

  • kostenlose Beratung zu Pflege und Betreuung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige
  • der Ausbau leistbarer Pflege- und Betreuungsangebote
  • der Ausbau und die Flexibilisierung von Ersatzpflege
  • die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen als pflegende Angehörige
  • die Anerkennung als Interessenvertretung und Mitsprache in allen relevanten politischen und gesetzlichen Gremien.

„Brauchen vor allem mehr Wertschätzung“

„Was wir vor allem brauchen, ist für den gesamten Pflegebereich und vor allem für die pflegenden Angehörigen eine viel größere Wertschätzung“, so Dr. Kerschbaum. Unterstützt wird die IG pflegender Angehöriger in diesem Anliegen von dem Filmemacher Herbert Link, dessen mehrfach preisgekrönter Dokumentarfilm „Mehr als ich kann“ (2011) einen wichtigen Beitrag geleistet hat, das Thema bekannt zu machen. Auch Herbert Links neuer Film „So weit ich kann“ ist pflegenden Angehörigen gewidmet.

Darin kommt mit Adrienne Pötschner eine Vertreterin jener 42.000 Kinder und Jugendlichen zwischen fünf und 18 Jahren zu Wort, die sich um ihre kranken Eltern, Großeltern oder Geschwister kümmern. Es sei wichtig, aktiv auf die Gruppe der pflegenden Kinder zuzugehen und sie zu unterstützen, so Meinhard-Schiebel: „Alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben, müssen eine Sensibilität dafür entwickeln, dass jedes Kind auch ein pflegendes Kind sein könnte.“

Pressegespräch „Familie ist der größte Pflegedienst in Österreich. Vier Jahre Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger“; Wien, April 2014

Info: www.ig-pflege.at

PeV