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Peter McDonald sucht den Dialog

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INTERVIEW – Mag. Peter McDonald steht seit wenigen Wochen an der Spitze der österreichischen Sozialversicherung. Er signalisiert Verständnis für die Anliegen der Ärzteschaft.

Viele Ärzte sind ob der derzeitigen Rahmenbedingungen frustriert. Die Ärztekammer warnt regelmäßig vor einem Ärztemangel, wenn sich nichts verbessert. Wie gehen Sie damit um?

Mag. Peter McDonald: Ich verstehe die Sorgen der Ärzte, und ich nehme auch wahr, dass im Gesundheitswesen bei unterschiedlichen Gesundheitsberufen ein hohes Frustrationspotenzial herrscht. Das liegt teilweise daran, dass man in den letzten Jahrzehnten bei der Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen relativ wenig in die Umsetzung gebracht hat, weil es eine Art Pattsituation gab. Ich glaube, dass man da die Dialogbereitschaft der Sozialversicherung, aber auch der Ärzteschaft, erhöhen könnte. Ich bin ein Mann des Dialogs, wir sollten gemeinsam schauen, wie wir die Rahmenbedingungen für die Ärzte verbessern können, damit dann auch die Versorgung der Patienten verbessert werden kann.

Haben Sie schon mit Ärztekammer-Präsident Wechselberger gesprochen?

McDonald: Ja, wir hatten schon ein erstes Gespräch. Wir haben eine sehr gute persönliche Ebene gefunden, auch wenn wir in der Sicht der Dinge nicht überall einer Meinung sind. Ich halte ihn ebenfalls für einen Mann des Dialogs, mit dem man gemeinsame Lösungen finden kann, die zu Verbesserungen für alle führen.
Ärzte im niedergelassenen Bereich klagen über die eingeschränkte Honorierung von therapeutischen Gesprächen.

Sind hier Änderungen geplant?

McDonald: Die Österreicherinnen und Österreicher, die Ärzteschaft und die Sozialversicherung sind sich einig, dass das wertschätzende Gespräch zwischen Arzt und Patient die Basis für den Heilungsprozess ist. Aus meiner Sicht haben wir im Moment nicht die notwendigen Rahmenbedingungen dafür. Wir versuchen jetzt, weiterentwickelte Konzepte für die Primärversorgung auszutesten. Dafür wollen wir auch Ärzte gewinnen. Ziel ist, ein besseres Ineinandergreifen von Arzt, Pflegekräften, Verwaltungskräften, Physiotherapeuten und anderen Gesundheitsberufen zu ermöglichen. Wenn diese Rädchen ineinander greifen und wir weniger Zeit für Bürokratie und Verwaltungsprozesse verlieren, bleibt dann auch mehr Zeit für das Gespräch mit den Patienten.

Vor Kurzem war eine große Delegation aus Großarl in Wien. Diese Gemeinde findet seit Langem keinen Arzt mehr. Gehen der Sozialversicherung die Kassenärzte aus?

McDonald: In einem Land, das die höchste Ärztedichte weltweit hat, würde ich das nicht erwarten. Wir bilden jährlich 2000 Ärzte aus. Wir müssen aber darauf schauen, dass wir so attraktiv sind, dass diese auch in Österreich bleiben wollen. Auf der anderen Seite haben wir natürlich das Phänomen der Landflucht, die alle Berufsgruppen erfasst. Großarl ist einer der ganz wenigen Fälle, wo es Schwierigkeiten gibt, eine Stelle nach zu besetzen. Man sollte daraus allerdings nicht den Schluss ziehen, dass das österreichweit der Fall ist. Aber wir müssen darüber nachdenken, wie wir auch in Zukunft richtig ausgebildete Ärzte gewinnen, die als Hausarzt bzw. in der Primärversorgung tätig sein wollen.

Wie kann das gelingen?

McDonald: Der erste Schritt ist, dass wir zeigen, dass Hausarzt sein eine sehr herausfordernde Aufgabe ist, aber auch sehr viel Freude bereiten kann. Mit der verpflichtenden Lehrpraxis haben wir hier den ersten Schritt gemacht. Der zweite ist, dass wir das Zusammenspiel der einzelnen Gesundheitsberufe mit der Ärzteschaft einfach besser aufstellen müssen. Wenn Ärztinnen und Ärzte merken, dass das funktioniert, dann wird der Hausarztberuf automatisch wieder attraktiver. Und wir müssen auch auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf achten, da gibt es sicher noch ein paar Schritte zu tun.

Derzeit erleben wir wieder einen Konjunktureinbruch. Welche Auswirkungen hat dieser auf den vereinbarten Kostendämpfungspfad und die Gesundheitsreform?

McDonald: Wir stehen nicht nur wirtschaftlich, sondern damit einhergehend auch sozialpolitisch vor herausfordernden Zeiten. Das war mir durchaus bewusst, als ich diese neue Aufgabe angenommen habe. Es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, den beschlossenen Ausgabenpfad auch künftig einzuhalten. Man muss sich vor Augen führen, wie es zu diesem Kostendämpfungspfad gekommen ist. Noch vor einigen Jahren waren einzelne Gebietskrankenkassen so überschuldet, dass die Liquidität für das darauffolgende Jahr nicht mehr gesichert gewesen war.

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Mag. Peter McDonald

Daher haben wir vereinbart, hart daran zu arbeiten, diese Kostenentwicklung etwas abzuflachen. Das ist uns ganz gut gelungen, wir haben diese Ziele in den letzten Jahren übererfüllt. Parallel dazu kam es zu einer Entschuldung der Gebietskrankenkassen. So haben wir jetzt eine Leistungssicherheitsreserve, die gewährleistet, dass der medizinische Fortschritt auch zukünftig der Solidargemeinschaft zugänglich gemacht werden kann. Wir wollen ja nicht dort sparen müssen, wo es neue innovative Medikamente gibt und wir die Möglichkeit haben, ehemals als unheilbar geltende Erkrankungen heilen zu können.

Wie steht es um die Gesundheitsreform angesichts der Konjunkturentwicklung?

McDonald: Die gegenwärtige Entwicklung zeigt, dass es eine engere Vernetzung im Gesundheitssystem braucht. Mit insgesamt 32 Mrd. Euro pro Jahr geben wir so viel wie kaum ein anderes Land für unsere Gesundheit aus. Wir wissen aber auch, dass wir durch die unterschiedlichen Kompetenzzuständigkeiten an den Nahtstellen zwischen Spitals- und niedergelassenem Bereich die Gelder nicht optimal einsetzen. Darum haben Bund, Länder und Sozialversicherung mit der Gesundheitsreform das Ziel, die Zäune zwischen diesen drei Schrebergärten niederzureißen und gemeinsam diesen Garten zu bewirtschaften. Wir wollen den Patienten in den Mittelpunkt stellen und die Gelder der Länder, des Bundes und der Sozialversicherung effizienter einsetzen. Aufgrund des medizinischen Fortschritts und der demographischen Entwicklung steigen die Ausgaben. Bessere Qualität und höhere Effizienz müssen unsere Antwort darauf sein.

Die Gesundheitsreform ist bis 2016 geplant, gibt es schon weitere Pläne?

McDonald: Die Grundlagen der Gesundheitsreform sind geschaffen. Es gibt eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Ziele von Bund, Ländern und Sozialversicherung. Wir müssen das Gesundheitssystem mehr an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten. Wenn man die Menschen fragt, was sie am Gesundheitssystem stört, dann hört man sehr oft, dass sie nicht mehr viele Stunden in der Ordination oder Ambulanz warten möchten, dass sie sich ein wertschätzendes therapeutisches Gespräch wünschen und dass sie einen Arzt finden, wenn sie einen brauchen. Hier haben wir uns Ziele gesetzt, die ich in die Umsetzung bringen will.

Wie würden Sie momentan die Stimmung zwischen Ländern und Sozialversicherung einstufen?

McDonald: So gut wie noch nie. Bislang waren Sozialversicherung, Länder und Bund wie drei Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen und sich nicht verstehen. Anlässlich der Vorbereitung der Gesundheitsreform haben wir es aber geschafft, dass wir eine einheitliche Sprache sprechen, dass wir uns verstehen und dass wir uns gemeinsame Ziele setzen. Klar ist auch, wir werden daran gemessen, wie wir diese Ziele so in die Umsetzung bekommen, dass sie für den Einzelnen spürbar sind.

Autor: Mag. Silvia Jirsa, Mag, Tanja Beck