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Mit Medikamenten-Namen Compliance erhöhen

Bei der internationalen Konferenz des European College of Neuropsychopharmacology (ECNP) in Berlin wurde eine neue Terminologie präsentiert, mit der Patientienten dazu motiviert werden sollen, Psychopharmaka regelmäßig einzunehmen. Eine begleitende App unterstützt Ärzte bei der Auswahl der optimalen Therapie.

19929-psyche.320, Foto: BilderBox.com

“Ich habe Angst, warum verordnet mein Arzt ein Antipsychotikum?”
Ein neues Benennungssystem für Medikamente soll die
Compliance bei der Einnahme von Psychopharmaka erhöhen.

In der Psychiatrie können kann Medikamentenbezeichnungen mehr Probleme verursachen als sie lösen. Wird etwa ein Patient mit Angst mittels eines “Antidepressivums” oder “Antipsychotikums” behandelt, kann das Stigma des verordenten Antipsychotikums die Angst sogar verstärken. Oft bedeutet dies, dass die Patienten die Einnahme der Medikamnete aus Angst vor dem Zusammenhang mit verschiedenen Krankheiten beenden.

Psychopharmakologische Nomenklatur

Die aktuelle psychopharmakologische Nomenklatur wurde in den 1960er Jahren entwickelt und beruht daher auf einem überholten Wissenschaftverständnis. Sie lässt zeitgenössische Entwicklungen und Erkenntnisse außer Acht. Es wird kritisiert, dass die Terminologie der Medikamente Ärzte nicht dabei unterstützt, die besten Medikamente für bestimmte Patienten auszuwählen. Außerdem können manche Medikamentenbezeichnungen Patienten irritieren, wenn diese suggerieren, dass die Diagnose nicht mit dem verschriebenen Medikament übereinstimmt – beispielsweise bei der Bezeichnung “Antipsychotika”, wenn damit Depressionen behandelt werden sollen.

Eine Befragung ergab, dass die teilnehmenden Ärzte das derzeit verfügbare, indikationsbezogene Nomenklatur-System unbefriedigend, nicht intuitiv, Zweifel induzierend und verwirrend für Ärzte und Patienten empfanden.

Internationales Nomenklatur-Projekt

Professor Josef Zohar vom Sheba Medical Center am Tel Hashomer in Israel erklärt: “Medikamente wurden seit den 1960er Jahren enorm weiterentwickelt, aber die Namen, mit denen wir diese Medikamente beschreiben, haben sich in den 50 Jahren nicht verändert. Als Analogie müsste ich mein Smartphone, in das ich SMS-Textnachrichten eingebe, auch als “Schreibmaschine” bezeichnen. Die Namen müssen aber unser zeitgenössisches Wissen reflektieren. Wenn dies für den bereich der Elektronik zutrifft, gilt es sicherlich auch für Arzneimittel.”

Die meisten Medikamente haben mehr als einen Effekt, was bei Patienten zu großer Verwirrung führen kann, so Zohar. Daher hat die Arbeitsgruppe für Nomenklatur zugestimmt, dass die Nomenklatur der Medikamente im Bereich der psychischen Gesundheit reflektieren sollte, wie die Medikamente wirken, anstatt sie einem einzigen Einsatzzweck zuzuordnen.

Mehrachsige Nomenklatur

Vier Hauptschulen der Neuropsychopharmakologie (ECNP, ACNP, asiatische CNP und CINP) erarbeiteten auf Basis dieser Befragung eine neue Vorlage für eine mehrachsige, pharmakologische Nomenklatur. Die vorgeschlagene Nomenklatur spiegelt die aktuellen wissenschaftlichen Konzepte der Neuropsychopharmakologie wieder.

Es geht bei dem Projekt um wesentlich mehr als eine Bezeichnungsänderung. So soll auch die Art, wie über Medikamente gesprochen wird, und wie Ärzte deren Funktionsweise den Patienten erläutern, verändern. Das neue Benennungssystem soll auch helfen, dass Ärzte fundierte Entscheidungen treffen. Die Proponenten des Nomenklatur-Projekts schlagen daher vor, dass das Benennungssystem vier Komponenten oder vier Achsen berücksichtigen soll.

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Die Achsen des Templates:

  1. Achse beschreibt pharmakologisches Ziel und Wirkung
  2. Achse beschreibt zugelassene Indikationen
  3. Achse beschreibt Wirksamkeit und wichtigste Nebenwirkungen
  4. Achse gibt die neurobiologische Beschreibung

Als Beispiel nannte Zohar den Wirkstoff Fluoxetin, der derzeit als Antidepressivum eingestuft ist, aber auch bei Bulimie und anderen Indikationen eingesetzt wird. Jemand, der unter Bulimie leidet und ein Antidepressivum einnehmen soll, kann dies potentiell verwirrend finden. Im Rahmen der neuen Klassifizierung würde Fluoxetin wie folgt beschrieben werden:

  1. Klasse/Mechanismus: Serotonin, Wiederaufnahmehemmer
  2. Indikationen: Major Depression, Zwangsstörungen, Bulimie, Panikstörung (und andere)
  3. Wirksamkeit: verbessert die Symptome von Depression und Angst und reduziert zwanghaftes Verhalten und Zwangsgedanken.
    Nebenwirkungen; GI-Symptome, Angst, Veränderungen im Schlaf zu Beginn der Behandlung, sexuelle Funktionsstörungen
  4. Neurobiologische Beschreibung: Neurotransmitter-Aktionen / Physiologische / Schaltkreise im Gehirn
    Hinweis: Die oben genannten Punkte 1 bis 4 sind nicht vollständig, die Listeund weitere Details für Fluoxetin finden Sie im Nomenklaturbuch

Nomenklatur-App

Die neue Terminologie, die von internationalen Kliniker bei der Konferenz des European College of Neuropsychopharmacology Konferenz in Berlin vorgestellt wurde, ist erst der Beginn eines Prozesses der Diskussionen und Verhandlungen zwischen Wissenschaftlern, Ärzten, Pharmaunternehmen und Aufsichtsbehörden. Eine begleitende App wird Kliniker bei der Suche nach der richtigen Behandlungsmöglichkeit unterstützen. Die Beta-1-Version dieser App wurde auch in Berlin präsentiert.

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J. Zohar
Pharmacology-based nomenclature – Introducing the concept and the template
European Neuropsychopharmacology, Volume 24, Supplement 2, Page S151, October 2014, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0924-977X(14)70228-7

Joseph Zohara, David J. Nutt, David J. Kupfer, Hans-Jürgen Moller, Shigeto Yamawaki, Michael Spedding, Stephen M. Stahl
A proposal for an updated neuropsychopharmacological nomenclature
Neuropsychopharmacology (2014), http://dx.doi.org/10.1016/j.euroneuro.2013.08.004

Quelle: European College of Neuropsychopharmacology (ECNP)