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Gesundheitsreform: Primary Health Care – aber wie?

HausarztNiederösterreich will die ambulante Versorgung neu ordnen. Angestrebt wird ein Primary-Health Care-System. Die künftige Rolle der Hausärzte bleibt unklar.

Die laufende Gesundheitsreform hat als eines der wichtigsten Ziele, die Primärversorgung nach internationalen Vorbildern zu stärken und neu auszurichten“, erklärt der niederösterreichische Gesundheitslandesrat Ing. Maurice Androsch. Bei einer Pressekonferenz präsentierte der Landesrat gemeinsam mit dem niederösterreichischen Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger die Grundzüge einer künftigen Primärversorgung in Niederösterreich.

Kritisch gegenüber Hausarztsystem

„Die Hausärzte sind das Steuerungselement im Gesundheitssystem, sie sind die erste Anlaufstelle, wenn es darum geht, die Primärversorgung zu koordinieren“, betont Androsch. Bachinger bringt seine etwas abweichende Haltung in einer rhetorischen Frage auf den Punkt: „Wollen wir in Österreich weiter ein ärztezentriertes Hausarztmodell einbetonieren oder den Weg eines umfassenden, multiprofessionellen Primary- Healthcare-Systems beschreiten?“
Die Antwort ist klar: Bachinger bevorzugt ein System der Primary Healthcare (PHC). „Es reicht nicht, an einigen kleinen Schräubchen zu drehen bzw. das bestehende mangelhafte System durch zusätzliche Quantitäten an Kassenstellen noch weiter aufzublähen“.

Sieben Eckpunkte

Trotz der unterschiedlichen Haltung gegenüber den Hausärzten stellten Bachinger und Androsch gemeinsam die sieben Eckpunkte eines künftigen niederösterreichischen PHC-Systems vor:

  • eine verbindliche und klare Leistungsbeschreibung, also ein umschriebenes Aufgabenprofil (auch) für Ärzte. „Es ist unglaublich, dass es derzeit vom Belieben von Kassenvertragsärzten abhängt, ob sie etwa an DMP-Programmen mitwirken oder nicht“, kritisiert Bachinger.
  • ein multiprofessionelles Team, das auf Augenhöhe zusammenarbeitet, sich um die Patienten kümmert und Diagnose, Therapie sowie Prävention durchführt. Das Kernteam muss zumindest die Kompetenzen Medizin, Pflege und Pharmazie umfassen.
  • eine freiwillige Bindung der Patienten an eine PHC-Einheit – zeitlich befristet, mit guter Information und verstärkt durch ein Bonusmodell.
  • eine wirksame Qualitätskontrolle unter schwerpunktmäßiger Einbeziehung der Ergebnisqualität und der Patientenzufriedenheit.
  • ein neues Honorierungssystem mit pauschalen Grundvergütungen, Leistungsan reizen und einen Ausgleich für strukturschwache Gebiete.
  • eine fachliche Vorbereitung in praxisorientierten Lehreinheiten, wo die multiprofessionelle Versorgung der Patienten und die notwendigen Managementaufgaben trainiert werden.
  • eine elektronische Vernetzung im Sinne von ELGA und e-Medikation

Als die drei „kritischen Erfolgsfaktoren“ nennt Bachinger die verbindliche Leistungsbeschreibung, das aus den Kompetenzen Medizin, Pflege und Pharmazie bestehende, auf Augenhöhe zusammenarbeitende Kernteam sowie das Selbstbild der Beteiligten als Teil eines Netzwerks. „Das Selbstverständnis des einsamen Reiters, dem die eigene Freiheit über alles geht, gehört ins Museum der Medizingeschichte“, polemisiert der Patientenanwalt.

Reisner vorsichtig zustimmend

Sieht man von den üblichen Seitenhieben Bachingers auf die Ärzteschaft ab, stoßen die genannten Vorschläge beim Präsidenten der Ärztekammer für Niederösterreich, Dr. Christoph Reisner, auf offene Ohren. „Derzeit bin ich sehr positiv gestimmt, dass wir alle, die wir in Niederösterreich Verantwortung für das Gesundheitssystem tragen, eine Verbesserung für die Patienten – und letztlich auch für die Ärzte – zustande bekommen“, bekräftigt Reisner.
Für eine verbindliche Leistungsbeschreibung sei es höchste Zeit, kommentiert Reisner den Vorschlag der Landesvertreter: „Es ist verwunderlich, dass es so etwas noch nicht gibt.“ Entsprechend müsse der Leistungskatalog endlich den heutigen Bedürfnissen und Aufgaben angepasst werden. Stichwort Gesprächsmedizin: „Ich habe große Hoffnung, dass der Faktor Zeit in Zukunft adäquat entlohnt wird. In der Schweiz kann ein Arzt bis zu 60 Minuten Patientengespräch verrechnen. Wenn man so viel Zeit hat, um mit dem Patienten zu sprechen, könnte man immense Medikamentenkosten einsparen.“ Speziell die aktuell bestehenden Limitierungen von Leistungen sind dem Ärztekammerpräsidenten ein Dorn im Auge: „Die künstlichen Engpässe durch Limits gehören zu den größten Absurditäten des österreichischen Gesundheitssystems.“

„Augenhöhe“ definieren

„Klingt super“ lautet Reisners Kommentar zum Thema „multiprofessionelles PHCTeam auf Augenhöhe“, hält diesen Punkt jedoch noch nicht für ausreichend durchdacht. Zum einen verlange nicht jedes Krankheitsbild zwingend ein Team. Zum anderen irritiert ihn die Formulierung „auf Augenhöhe“: „Wie soll das konkret aussehen? Ist dann jeder ein freiberuflicher Unternehmer? Wird es Pflegeordinationen geben? Aber selbst dann kann man nicht von ,Augenhöhe‘ sprechen: Solange Ärzte Diagnosen stellen, Medikamente verordnen und Operationen durchführen, wird das mit der ,Augenhöhe‘ nicht funktionieren. Selbst im Krankenhaus, wo Ärzte und andere Gesundheitsberufe gleichermaßen angestellt sind, ist es der Arzt, der die Entscheidungen trifft und die Verantwortung trägt.“
„Sehr positiv“ steht der Ärztekammerpräsident der Idee gegenüber, auch Pharmazeuten ins Boot zu holen. „Wenn man Kooperationen zwischen Ärzten und Apothekern zulässt, dann wäre es endlich möglich, dass die Patienten bestimmte Medi kamente – etwa Impfstoffe – direkt beim Arzt bekommen.“

Einschreibmodell denkbar

Ein Einschreibmodell hält Reisner für einen „grundsätzlich guten Ansatz“, über Pauschalierungen sagt er: „Im Prinzip spricht nichts dagegen – alles ist besser als das bestehende System mit seinen starren Einzelleistungen und Limits.“
Zum Thema Netzwerke meint Reisner: „In Wirklichkeit hat ja jeder Arzt bereits ein Netzwerk. Man hat Kollegen, denen man Patienten zuweist und von denen man Patienten zugewiesen bekommt und mit denen man sich über Patienten austauscht.“ Dies zu institutionalisieren sei durchaus sinnvoll – „Allerdings sollte man die Art der Zusammenarbeit den Beteiligen vor Ort überlassen. Aufgezwungene Netzwerke werden nicht funktionieren.“

Lob auch von der Kasse

„Der Grundtenor der Aussagen geht ganz in die richtige Richtung“, zollt auch Mag. Jan Pazourek, Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK), den von Androsch und Bachinger präsentierten Plänen Anerkennung: Die Einbindung anderer Gesundheitsberufe – „positiv, wird aber nur stufenweise möglich sein“; Leistungsbeschreibungen – „sinnvoll“; Einschreibsystem – „nur wenn es freiwillig ist“; Pauschalierungen – „wichtig und überlegenswert“; verstärkte Kooperation von Ärzten untereinander – „sehr wichtig“. Auch Reisners Wunsch nach mehr Gesprächsmedizin schließt er sich an: „Das ist wünschenswert.“
Bevor er tiefer ins Detail geht, möchte Pazourek das Rahmenkonzept des Bundes abwarten, das bis Mitte des Jahres fertiggestellt sein soll. „Dieses ist dann der Ausgangspunkt für sehr intensive Gespräche, die wir mit unserem Vertragspartner – der Ärztekammer für Niederösterreich – führen werden. Eine Primärversorgung ohne Ärzte gibt es nicht.“

Modellversuch?

Ziel sei es, Modellversuche betreffend die Verstärkung der Primärversorgung für Niederösterreich an Land zu ziehen. Weil im Bundesland die verschiedensten regionalen Strukturen vorhanden seien (Ballungsräume, Wiener Umland, rurale Regionen), biete sich Niederösterreich als Modellland geradezu an. „Wir werden das nur in enger Abstimmung mit der Ärztekammer machen“, betont der Generaldirektor: „Dass wir uns einzelne engagierte Ärzte suchen und mit diesen Modelle auf die Beine stellen, kommt für uns gar nicht in Frage.“ Pazourek hofft auch auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Land Niederösterreich – „vor allem, wenn es um Leistungsverschiebungen geht“.

Teurer, aber wie viel?

Auch in einem letzten Punkt sind sich Androsch, Bachinger, Reisner und Pazourek einig: Wie auch immer eine neu gestaltete Primärversorgung in Niederösterreich aussehen wird – sie wird mehr Geld kosten als der niedergelassene Bereich in seiner jetzigen Form. „Zuerst möchten wir wissen, was wir wollen, dann erst reden wir über die Finanzierung“, erklärt Androsch die Strategie des Landes. Pazourek begrüßt diese Vorgangsweise: „Jetzt schon aufzuzählen, von wem Geld kommen soll, wäre kontraproduktiv. Erst wenn das inhaltliche Konzept steht, macht es Sinn, Finanzverschiebungen näher einzugrenzen.“
Auch Reisner hält es für eine gute Idee, nicht gleich zu Beginn über die Finanzierung zu sprechen, gibt aber zu bedenken: „Man sollte zumindest eine Vorstellung vom finanziellen Rahmen haben. Wenn man für ein Einfamilienhaus ein Budget von 100.000 Euro zur Verfügung hat, braucht man gar nicht in die Detailplanung zu gehen, sondern muss sich eingestehen, dass man sich den Hausbau nicht leisten kann.“

Autor: Mag. Michael Krassnitzer, MAS
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