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Gesundheitsreform: Kompetente Partnerschaften

HausarztVirtuelle Netzwerke, einfacher Zugang zu Pflege oder Physiotherapie und moderne Leistungs- kataloge – die Ordinationen zu stärken wäre gar keine Hexerei.

Partnerschaftlich, synergetisch, auf gleicher Augenhöhe: So soll in Zukunft die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und allen anderen Gesundheitsberufen ablaufen, wenn es zur Neugestaltung der Primärversorgung im österreichischen Gesundheitssystem kommt. Doch was sagen die Ärzte dazu? Und welche Ideen haben sie zu dieser Neuaufstellung beizutragen?
„Nur zu sagen: ,Ihr müsst zusammenarbeiten‘ – das wird nicht funktionieren“, gibt Dr. Gert Wiegele, Leiter der Bundessektion Allgemeinmedizin in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), zu bedenken: „Wenn man eine Struktur aufbauen will, in der Ärzte, Krankenschwestern, Logopäden, Physiotherapeuten 24 Stunden pro Tag verfügbar sein sollen, dann muss man Geld in die Hand nehmen.“

Zusammenarbeit gefragt

„Ich stehe und bestehe auf Zusammenarbeit“, bekennt Wiegele. Er wünscht sich nichts sehnlicher als die Möglichkeit, kurzfristig eine diplomierte Krankenschwester, eine Pflegehilfskraft oder eine Haushaltshilfe organisieren zu können, wenn zum Beispiel ein älterer Patient krank wird und einige Tage Betreuung zu Hause braucht; oder eine Physiotherapeutin, die Hausbesuche macht.
Wiegele träumt von einer virtuellen Vernetzung von benachbarten Ärzten und der Einrichtung einer Krankenstation. „Wenn es in meiner Region eine Station geben würde mit drei oder vier Betten, wo kleine Behandlungen durchgeführt werden können, mit fix angestellten Pflegekräften, von denen immer eine vor Ort ist und eine andere Hausbesuche machen kann – das würde uns Ärzte rundherum und auch das Krankenhaus enorm entlasten“, betont der in der Kärntner Marktgemeinde Weißenstein im Unteren Drautal niedergelassene Allgemeinmediziner.
Dieses Modell sei natürlich nicht automatisch auf alle anderen Standorte übertragbar, betont Wiegele. In einer Stadt, so der ÖÄK-Funktionär, sei ein Ärztehaus oder ein funktioneller Zusammenschluss bestehender Praxen wahrscheinlich sinnvoller. Und in einer abgelegenen Ortschaft gebe es keine Alternative zum Einzelkämpfer: „Was in Heiligenblut funktioniert, muss in Wien nicht funktionieren. Man muss eine Vielfalt von Modellen zulassen.“

Lokale Netzwerke

Auf freiwilliger Basis gibt es solche lokalen Netzwerke bereits. „Das funktioniert aber nur mit persönlichemEngagement“, weiß Wiegele. In Velden zum Beispiel gab es ein gut funktionierendes Netzwerk, erzählt er. Als jedoch zwei der beteiligten Ärzte in Pension gingen, zerfiel es wieder.
In der benachbarten Steiermark existieren bereits fünf sogenannte Styriamed. net-Netzwerke, ein weiteres regionales Ärztenetzwerk soll bald entstehen. Jenes im Bezirk Hartberg-Fürstenfeld ist sogar als eigenständiger Verein organisiert, zu dem neben niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Fachärzten auch das Landeskrankenhaus Hartberg und das Marienkrankenhaus Vorau gehören. Das Netzwerk basiert auf einem gemeinsam erarbeiteten Regelwerk, wie MR Dr. Reinhold Glehr erklärt, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin und selbst Mitglied des Netzwerkes.
Die vier wichtigsten Vereinbarungen:

  • Bei Überweisungen zum Facharzt gibt der Hausarzt die Dringlichkeit an (Soforttermin, dringlicher Termin innerhalb von drei Wochen, nicht dringlicher Termin).
  • Bei der Überweisung zum Facharzt merkt der Hausarzt an, wen er als therapieführenden Arzt erachtet.
  • Die Öffnungszeiten der Ordinationen und die Urlaube sind aufeinander abgestimmt.
  • Es gibt eine (nicht öffentliche) Notfallnummer, unter der sich die Ärzte des Netzwerkes rasch erreichen können.

Auch die Kommunikation zwischen den Krankenhäusern und dem niedergelassenen Bereich wurde verbessert: Im Fall einer Einweisung übermitteln die niedergelassenen Ärzte genau jene Informationen, welche die Spitalsärzte brauchen. Umgekehrt sind die Inhalte der Entlassungsbriefe auf die Bedürfnisse der niedergelassenen Ärzte abgestimmt; und der therapieführende Arzt erhält bereits am Tag der Entlassung seines Patienten zumindest eine strukturierte Kurzinformation.
„Aus der mehrheitlichen Sicht der Ärzte hat sich dieses Netzwerk gut bewährt“, resümiert Glehr. Und auch auf die Patienten habe es einen „pädagogischen Effekt“: „Die Patienten erkennen, dass die Überweisung durch den Hausarzt Sinn hat. Sie sehen, dass sich die Kommunikation zwischen Hausarzt und Facharzt verbessert und ihnen damit einen schnelleren Diagnose- und Behandlungsprozess beschert.“

Modernisierung überfällig

Die niedergelassenen Ärzte haben freilich auch andere Wünsche und Hoffnungen in Bezug auf die anstehende Neugestaltung der Primärversorgung. „Am allermeisten wünschen wir uns eine Entlastung von der überbordenden Bürokratie“, erklärt Dr. Max Wudy, stellvertretender Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Niederösterreich: „Die Bürokratie frisst mittlerweile 50 Prozent unserer Arbeitszeit.“
Ein weiteres Begehr ist die längst überfällige Modernisierung des 30 Jahre alten Leistungskataloges. „Ich weiß gar nicht, womit ich die Aufzählung beginnen soll“, rauft sich Wudy die Haare und nennt dann als Erstes das Akutlabor (z.B. Troponin-TTest zur Herzinfarktdiagnostik oder DDimer bei Verdacht auf eine tiefe Beinvenenthrombose oder Lungenembolie). „Damit würde man vielen Patienten einen Krankenhausaufenthalt und der Allgemeinheit enorme Kosten ersparen“, betont der im niederösterreichischen Weissenbach niedergelassene Allgemeinmediziner. Wudy vermisst im Leistungskatalog der Allgemeinmediziner auch die Messung des Knöchel- Arm-Index (ABI) zur Diagnostik der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, die 24-Stunden-Blutdruckmessung und das 24-Stunden-EKG.
„Da wird überall vom ,best point of service‘ geredet, und wir müssen den Patienten für etwas ins Krankenhaus schicken, das wir genauso gut selbst erledigen können“, ärgert sich Wudy: „Wir haben die entsprechenden Messgeräte, aber dürfen sie nicht verwenden. Die Patienten wären sogar dazu bereit, zu zahlen, doch auch das geht nicht, weil man als Kassenarzt keine Zusatzleistungen verrechnen darf.“ Das 24-Stunden- EKG darf nicht einmal ein niedergelassener Internist abrechnen – und solche Beschränkungen ziehen sich durch alle Fachgruppen: „Bei den Hautärzten ist die Auflichtmikroskopie von Läsionen mit neun Prozent limitiert – und das in einer Zeit, in der die Zahl der Melanome explodiert“, echauffiert sich der niederösterreichische Standesvertreter.
Es gibt noch viel zu tun für die Gesundheitsreformer.

Mag. Michael Krassnitzer, MAS