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Forschung: Standort Österreich schwächelt

WIEN – Nach der NS-Herrschaft in Österreich hat es lange gedauert, die durch Vertreibung und Ermordung führender Mediziner verloren gegangene Forschungsexpertise wieder aufzubauen. Nun sieht die Pharmig den Standort wieder in Gefahr: durch hohen globalen Wettbewerb, Ressourcenmangel und neue EU-Regelungen.

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2016 verliert Österreich durch die Clinical-Trial-Richtlinie der EU einen Standortvorteil bei Klinischen Prüfungen.

Den Tag der Klinischen Forschung am 20. Mai nahm der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs – Pharmig – zum Anlass, um vor einer negativen Entwicklung der klinischen Forschung in Österreich zu warnen. Generell kritisch sieht Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, die zögerliche Entwicklung der Ausgaben für Forschung in Österreich. Das Ziel der Regierung, 2020 die Forschungsquote auf 3,76 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu heben, würde schwer zu erreichen sein.

Für Forschung und experimentelle Entwicklung (F&E) werden in Österreich im Jahr 2014 voraussichtlich 9,32 Mrd. Euro (davon 38,7 Prozent durch den öffentlichen Sektor) ausgegeben werden, meldete die Statistik Austria Anfang Mai. Das entspreche einer Forschungquote von 2,88 Prozent für 2014. Trotz nominell steigender Forschungsausgaben wäre das eine Reduktion der Forschungsquote gegenüber 2013 um 0,02 Prozent. Dr. Huber: „Es geht nicht um die Erhaltung, sondern um den Ausbau des Standorts – und der ist mit Stagnation nicht erreichbar.“ Ein Drittel des Forschungsoutputs Österreichs stammt aus der klinischen Forschung an Krankenhäusern und Universitäten.

Die Pharmaindustrie investiert jährlich zwischen 150 und 200 Mio. Euro in klinische Studien. Rund 7000 Patienten nahmen 2013 in Österreich an rund 500 klinischen Prüfungen teil. Davon entfielen auf die Onkologie 160, auf die Hämatologie 48 und auf die Indikation Kardiologie und Kreislauf 45 Studien. Fünf Prozent der Prüfungen wurden zu seltenen Erkrankungen durchgeführt. Dr. Wolfgang Bonitz, stv. Vorsitzender des Arbeitskreises Klinische Forschung in der Pharmig betonte die Bedeutung der Teilnahme an klinischen Prüfungen für die Patienten. Diesen würde damit Zugang zu Medikamenten noch vor Marktzulassung ermöglicht werden, die Kosten dafür trage die Industrie.

Den größten Anteil der in Österreich durchgeführten Prüfungen sind Phase-IIIStudien. Als problematisch sieht die Pharmig den Rückgang der Phase-Iund Phase-II-Studien in Österreich an. Im Gegensatz zu den meist multizentrischen Phase-III-Studien werden diese in der Regel in einem Zentrum durchgeführt. Österreichische Studienzentren müssten sich hier im globalen Wettbewerb behaupten und hätten durch im Vergleich schlechtere Infrastruktur und Personalausstattung Nachteile zu verzeichnen. Als Beispiel nannte Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Vizerektor für Forschung der MedUni Wien, Einrichtungen wie das Bejing Genomic Institute, das über 200 Sequenziergeräte verfüge, an der MedUni Wien würden genau zwei zur Verfügung stehen. Gerade in der boomenden Personalisierten Medizin sind diese aber wichtige Werkzeuge.

Wer Phase-I- und Phase-II-Studien an einem Zentrum durchführe, habe dann auch gute Chancen, in die großen Phase-III-Studien involviert zu werden. Als Hemmnis für klinische Prüfungen in Österreich führte Dr. Bonitz v.a. die sehr komplexe und langwierige Vertragsgestaltung und das Fehlen von Studienkoordinatoren an vielen Krankenhäusern an. Helfen würde die vermehrte Bildung von Netzwerken wie in der Onkologie oder in der Kinderarzneimittelforschung (OKIDS).

Prof. Müller sieht auch die Notwendigkeit, niedergelassene Ärzte und kleinere Spitäler in Studien einzubeziehen. Den niederösterreichischen Landeskliniken sei dies aber vor Jahren praktisch unmöglich gemacht worden. Ein Manko ortet Prof. Müller auch in der fehlenden Datenbasis in Österreich. Während andere Länder „auf Knopfdruck“ wüssten, wie viele Patienten an einer Erkrankung leiden, wäre das in Österreich fast nicht in Erfahrung zu bringen.

EU-Harmonisierung

Mit 2016 wird Österreich seinen bisher bestehenden Standortvorteil verlieren. Derzeit kann Österreich noch mit einer besonders raschen Bewilligung von Studienanträgen durch die Behörde punkten. In Österreich muss diese innerhalb von 35 Tagen über den Antrag entscheiden, in vielen anderen EU-Ländern sind Fristen von 60 Tagen vorgesehen. Mit der beschlossenen Clinical Trial-Richtlinie wird das 2016 angeglichen.

PK der Pharmig, Mai 2014

FWF-Budget stabilisiert

Mitte Mai informierten Wissenschaftsminister Dr. Reinhold Mitterlehner und die Präsidentin des Wissenschaftsfonds Univ.-Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund über die budgetäre Situation der außeruniversitären Forschung. In den letzten Monaten hatte der FWF fürchten müssen, ab 2016 nur mehr über die Hälfte des bisherigen Budgets verfügen zu können. Damit hätte er sofort die Bewilligung von Projekten stoppen müssen. Im Bundesfinanzrahmen 2016–2018 sind nun 300 Mio. Euro für die außeruniversitäre Forschung veranschlagt. Daraus erhält der FWF erstmals eine Basisfinanzierung und kann nun für die drei Jahre auf ein Gesamtbudget von 552 Mio. Euro zurückgreifen. Die weiteren Mittel erhalten das IST in Klosterneuburg, die Akademie der Wissenschaften und die Ludwig Boltzmann Gesellschaft.

Autor: Mag. Silvia Jirsa