Menü Logo medONLINE.at

Europameister in der Kinderonkologie

WIEN – Die Überlebensrate von krebskranken Kindern ist nirgendwo in Europa so hoch wie in Österreich. Welchen besonderen Faktoren dieser Erfolg zu verdanken ist und was in Zukunft noch getan werden muss, das wurde bei einer Podiumsdiskussion im St. Anna Kinderspital erörtert.

stanna_kinderspital.840

Im St. Anna Kinderspital (v.l.n.r.): Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Univ.-Prof. Dr. Heinrich Kovar, Dr. Reinhold Topf, BM Alois Stöger, Carina Schneider, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Sperl, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Holter, Univ.-Prof. Dr. Irene Slavc, Mag. Dr. Ulrike Leiss

Laut der europaweiten Studie EUROCARE-5, die das Überleben von knapp 60.000 an Krebs erkrankten Kindern bis zu einem Alter von 14 Jahren untersuchte, überlebten in den ersten fünf Jahren durchschnittlich 81,2 Prozent der Patienten. In Österreich waren es 87,7 Prozent, wie Lancet Oncology im Dezember 2013 berichtete. Bei der akuten lymphoblastischen Leukämie weist Österreich sogar eine Überlebensrate von 92,5 Prozent auf, während der Europadurchschnitt bei 86 Prozent liegt.

„Das ist kein Zufall“, sagte Univ.- Prof. Dr. Reinhold Kerbl,Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, und dankte Univ.-Prof. Dr. Helmut Gadner, dem langjährigen Ärztlichen Direktor des St. Anna Kinderspitals, und seinem Nachfolger Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Holter für das „exzellente Beispiel interkollegialer, fachlicher und wissenschaftlicher Zusammenarbeit“. „Die Größe unseres Landes begünstigt die Konzentration der Behandlung von an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen auf relativ wenige Zentren, in denen ein außerordentlich hohes Maß an Kompetenz und Erfahrung in der Versorgung vorliegt“, erklärte Prof. Holter, Ärztlicher Direktor des St. Anna Kinderspitals und Direktor der Kinderkrebsforschung Wien (CCRI).

Als weiteren Erfolgsfaktor nannte er die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit. Forschung und Versorgung auf dem heutigen Niveau wären allerdings nicht möglich ohne „beispiellose private Unterstützung“ und ein „breites Spendenaufkommen aus der Bevölkerung“, betonte Prof. Holter. Dank der Spenden sei es gelungen, ein Forschungszentrum ausschließlich für kindliche Krebserkrankungen aufzubauen. Die enge Abstimmung dieses Forschungsinstituts mit der Patientenbehandlung sei „ein herausragendes Merkmal der österreichischen Versorgung – eine solche Konstellation kenne ich aus keinem anderen europäischen Land“, so Prof. Holter.

„Spitzentherapie ist nur in einem Umfeld möglich, wo es auch aktive Forschung gibt“, sagte Univ.- Prof. Dr. Heinrich Kovar, wissenschaftlicher Leiter der St. Anna Kinderkrebsforschung. Auch sei eine spezialisierte High-End-Diagnostik, wie sie in Österreich betrieben werde, nur als integraler Bestandteil von Forschungsprogrammen möglich und leistbar. Zudem gebe es in Österreich kaum ein Kind, das nicht im Rahmen einer klinischen Studie behandelt werde: „Das bedeutet: genau definierte, optimierte Behandlungskonzepte und somit eine Qualitätssicherung, die ganz wesentlich für den Erfolg der Behandlung ist“, so Prof. Kovar.

Welche Rolle die psychosoziale Versorgung krebskranker Kinder spielt, damit beschäftigt sich das im Rahmen der Podiumsdiskussion vorgestellte Buch „Das krebskranke Kind und sein Umfeld“, herausgegeben von Dr. Reinhard J. Topf, dem Leiter der Psychosozialen Abteilung des St. Anna Kinderspitals. Das Buch zeige sehr deutlich „die gelebte Interdisziplinarität in der Kinderonkologie“, sagte Univ.-Prof. Dr. Irene Slavc, Neuroonkologin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde. Hervorgehoben werde darin auch die Wichtigkeit der Einbeziehung des Umfelds und der Familie.

Bündnis mit Eltern ist ein wichtiger Faktor

Dr. Topf würdigte das „Bündnis mit den Elterninitiativen“ als „Durchschlag für die Erfolge“. Um 1980 herum habe es einen Aufschrei von Menschen gegeben, die nicht mehr ertragen hätten, dass die Kinder ohne Eltern im Krankenhaus sind und auch ohne Eltern versterben: „So ist eigentlich die Psychologie ins Krankenhaus gekommen“, so Dr. Topf. Heute seien von der Diagnosestellung an unterschiedlichste Berufsgruppen involviert, um dem kranken Kind und seinen Eltern zu helfen – von Psychologen über Kindergartenpädagogen und Dolmetscher bis zu den von der Stadt Wien bereitgestellten Lehrpersonen.

Die psychosoziale Versorgung krebskranker Kinder in Österreichzeichne sich dadurch aus, dass sie meist nicht von einer Person, sondern von Teams erbracht werde, die auf Onkologie spezialisiert seien, erklärte Mag. Dr. Ulrike Leiss, klinische Psychologin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Wien und Vorstandsmitglied der Gesellschaft der pädiatrischen Onkologie (GPOH). Möglich sei dies durch die „enorme Unterstützung der Kinderkrebshilfe“, welche zahlreiche psychosoziale Mitarbeiter und vielfältige Angebote finanziere. Die psychosoziale Arbeit leiste einen großen Beitrag, „die intensive Therapie zu ertragen“, so Prof. Holter: „Wir wissen, dass Therapiedichte ein wichtiger Erfolgsfaktor ist.“

Lücken in der Versorgung

Zur Sprache kamen bei der Diskussion auch die Versorgungslücken, die es in Österreich nach wie vor gibt: Carina Schneider von der Interessensvertretung der „Survivors“ bedauerte „das Fehlen einer adäquaten medizinischen und psychosozialen Langzeitnachsorge“. An das jahrelange Tauziehen um eine familienorientierte Rehabilitation für Kinder erinnerte Prim. Univ.- Prof. Dr. Wolfgang Sperl, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der „Initiative Kinder- und Jugendrehabilitation in Österreich“.

Gesundheitsminister Alois Stöger würdigte die Patientenorientierung und Interdisziplinarität der österreichischen Kinderonkologie als „Vorbild für die Gesundheitsreform“. Zur Kinderrehabilitation erklärte er, die Einrichtung eines Zentrums in jeder Versorgungszone sei beschlossen. Was die Tarif-Festlegung zwischen Sozialversicherung und Ländern betrifft, so hoffe er auf eine Einigung bis Ende Juni.

Podiumsdiskussion „Die interdisziplinäre Versorgung des krebskranken Kindes: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“; Wien, Juni 2014

Tipp: Das von Dr. Reinhard J. Topf herausgegebene Buch „Das krebskranke Kind und sein Umfeld“ ist im Buchhandel erhältlich. New Academic Press, 2014, ISBN 978-3-7003-1865-1, 336 Seiten, 28 Euro

Autor: Mag. Petra Vock