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Angst vor dem Versagen nehmen

Dr. Elia BragagnaObwohl die ED prinzipiell in jedem Alter auftreten kann, sind ältere Männer häufiger betroffen. Bei jüngeren Patienten unterscheiden sich oft die Auslöser der ED von jenen bei älteren Männern, so Dr. Elia Bragagna, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik, Sexualtherapeutin und Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit, Wien.

  • CliniCum urologie: Wie häufig kommt die ED beim jungen Mann vor, und was können die Ursachen dafür sein?
  • Bragagna: Bei Männern zwischen 20 und 40 Jahren kommt ED in einer milden Form mit einer Häufigkeit von unter zehn Prozent vor. Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz der ED an, weil auch jene Erkrankungen zunehmen, die Sexualstörungen auslösen können. Aus diesem Grund sind beim jüngeren Mann wahrscheinlich andere Ursachen für eine ED ausschlaggebend als beim älteren Mann. Beim jüngeren Mann sind es in den meisten Fällen psychosoziale Belastungen – entweder berufliche oder private Stressereignisse, die sich auf die Erektionsfähigkeit auswirken. Sehr häufig sehe ich jedoch mit steigender Tendenz Männer ab 30 Jahren mit Adopositas, die damit ein erhöhtes Risiko für Hypertonie, Diabetes mellitus, Hypercholesterinämie (metabolisches Syndrom) aufweisen. Weitere nicht zu unterschätzende Faktoren sind Rauchen, aber auch Alkohol. Bereits ab 0,5 Promille Alkohol im Blut ist mit einer Erektionsschwäche zu rechnen ist – das heißt, Alkoholkonsum zum „Vorglühen“ bringt oft gar nichts. Werden vom jüngeren Mann keine auffälligen Ereignisse angegeben, sollte doch eine organische Ursache bzw. das Vorliegen einer Erkrankung in Betracht gezogen werden.
  • CliniCum urologie: Welche ED-Ursachen liegen beim älteren Mann vor?
  • Bragagna: Die Hauptursache für ED beim älteren Mann sind Herz- Kreislauf-Erkrankungen, gefolgt von Krebserkrankungen, Verletzungen und Depressionen. Es ist immer dieselbe Ausgangssituation: die Patienten sind übergewichtig – jeder zehnte Österreicher hat einen BMI über 30 –, sie haben oft Diabetes mellitus, Bluthochdruck sowie erhöhte Cholesterinwerte – das sind die klassischen Verursacher von Erektionsstörungen – gepaart mit Rauchen. Jede zweite Erektionsstörung wird somit durch Zivilisationserkrankungen versursacht. Diabetes mellitus zerstört nicht nur die Gefäße, sondern auch die Nerven, die zum Penis führen. Krebserkrankungen sind relativ häufig – in Österreich erkranken 19.298 Männer pro Jahr an Krebs, davon werden 4.881 als Prostatakarzinom diagnostiziert. Etwa jeder zehnte Mann, der zum Allgemeinmediziner geht, hat irgendeine Form der Depression. Bereits eine milde Depression verursacht in 25 Prozent der Fälle Lustlosigkeit und in der Folge eine Erektionsstörung. Auch die Einnahme von Medikamenten – 1,3 Mio. Männern werden vom Arzt Medikamente wie Antihypertensiva, Antidepressiva etc. verordnet – ist der Sexualität leider nicht sehr zuträglich.
  • CliniCum urologie: Unterscheidet sich die Diagnostik der ED bei jungen Männern vs. älteren Männern?
  • Bragagna: Zunächst wird bei beiden Patientengruppen eine klassische Anamnese durchgeführt: Dauer der Beschwerden – besteht die ED schon immer oder erst nach einer beschwerdefreien Zeit –, war der Beginn plötzlich oder schleichend, besteht die ED immer auch bei Selbstbefriedigung, in der Nacht bzw. in der Früh oder nur in bestimmten Situationen bzw. Belastungen oder Partnern? Weiters muss abgeklärt werden, welche Erkrankungen, Operationen, Unfälle etc. vorliegen und welche Medikamente eingenommen werden. Sehr wichtig ist die Frage nach beruflichen oder privaten Stressoren. Bei jüngeren Männern sollte zudem gefragt werden, wie sicher sie sich in der Männerrolle fühlen, da häufig ein klassisches Rollenverhalten erwartet wird, was für sie oft nicht einfach ist. Das Vorliegen einer anderen Sexualstörung ist zu erfragen: Bei jungen Männern tritt häufig als Hauptstörung eine Ejaculatio praecox auf. Diese kann eine derartige Belastung darstellen, dass sich aus Angst vor dem beschämenden Symptom eine ED entwickelt.
    Nach der klassischen, urologischen Abklärung kann eventuell noch zur Beurteilung der arteriellen Versorgung des Penis unter SKIT (Schwellkörperinjektionstestung)- Bedingungen eine Dupplexsonografie durchgeführt werden. Männer ab 45 ist eine PSA-Bestimmung zu empfehlen. Invasivere Untersuchungen sind in den seltensten Fällen notwendig. Falls ein Verdacht auf Hormonmangel vorliegt, sollten LH, Testosteron, SH BG, Prolaktin, sowie Schilddrüsenhormone bestimmt werden. Im Hinblick auf Lebensstilfaktoren sollten Cholesterin- und Blutzuckerspiegel abgeklärt werden.
  • CliniCum urologie: Welche Therapieoptionen stehen zur Verfügung?
  • Bragagna: Liegen psychische Faktoren bzw. Stressoren vor – das ist sehr häufig bei jungen Männern, aber auch bei älteren, die neue Beziehungen eingehen –, würde ich persönlich für die nächsten sexuellen Begegnungen PDE-5-Hemmer verschreiben, zunächst in der Höchstdosis mit kontinuierlichem Ausschleichen, bis die Einnahme nicht mehr erforderlich ist. Dadurch erlebt der Patient, dass es funktioniert, und die Angst vor dem Versagen verschwindet. Gleichzeitig biete ich begleitende kurze Beratungsgespräche an, in denen erörtert wird, was sich verändert hat und unter welchen Bedingungen doch noch Erektionsstörungen auftreten. Ist die ED organisch bedingt, muss zunächst die Grunderkrankung behandelt werden. Besonders wichtig ist auch die Lebensstiländerung: Die Patienten sollen wissen, dass sie aktiv etwas für die sexuelle Gesundheit tun können. Beispielsweise den Hormonanstieg fördern durch Krafttraining zwei- bis dreimal wöchentlich oder durch Ausdauertraining die Potenz steigern. Eine Gewichtsreduktion von zehn Prozent verbessert Studien zufolge die Erektionsfähigkeit. Erste Wahl in der Therapie der ED, wenn keine Kontraindikationen bestehen, sind PDE-5-Hemmer. Wenn Patienten häufig sexuell aktiv sind, würde ich eine tägliche Gabe in niedriger Dosierung in Erwägung ziehen. Hat er selten Sex, dann reicht wahrscheinlich eine Einnahme bei Bedarf. Beim sexuell aktiven älteren Mann wäre eine tägliche Gabe gut, weil die PDE-5-Hemmer auch eine positive Wirkung auf Prostata, Herz und Gehirn haben.
  • CliniCum urologie: Welche Unterschiede bestehen zwischen PDE-5-Hemmern? Gibt es Kontraindikationen?
  • Bragagna: PDE-5-Hemmer wirken unterschiedlich schnell und unterschiedlich lang. Sildenafil, Vardenafil und Avanafil wirken recht schnell, weisen aber nach einer fettreichen Mahlzeit eine Verzögerung des Wirkungseintritts um ein bis zwei Stunden auf. Ihre Wirkdauer beträgt etwa sechs bis zwölf Stunden. Die Wirkung von Tadalafil tritt, unabhängig von der Nahrungseinnahme, etwa innerhalb einer Stunde ein und dauert bis zu 36 Stunden. Sildenafil und Vardenafil können Kopfschmerzen und verstopfte Nase verursachen, Avanafil hingegen kaum, Tadalafil Dyspepsie und Rückenschmerzen. AlphabloFoto: cker (außer Tamsolusin) und PDE-5-Hemmer sollten mit einer Zeitdifferenz von vier Stunden eingenommen werden, um einen Blutdruckabfall zu verhindern. Kontraindikationen für PDE-5-Hemmer sind die Einnahme von Nitropräparaten und Molsidomin, kürzlich stattgefundener Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Herzerkrankungen, instabile Angina pectoris, Leber- und Niereninsuffizienz und ein Blutdruck unter 90/60mmHg. Diabetiker durchlaufen oft eine Therapiekarriere, weil die jeweilige Wirkung nach einer bestimmten Zeit nachlässt: von PDE-5-Hemmern über die transurethrale Applikation von Prostaglandinen (MUSE) sowie die Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) bis hin zum Einsatz der Vakuumpumpe.
Autorin: Mag. Nicole Martinek

Telefonische Sexualberatung durch Ärzte (sexmedHOTLINE),
Tel.: 0900/88 80 80;
www.sexmed.at

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