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Magneten für Mediziner

MagnetWelt- und europaweit strömen Ärzte und Pflegepersonen in Länder, wo sie bessere Bedingungen vorfinden. In Europa ist es der Norden und der Westen, die Fachkräfte aus dem Süden und dem Osten wie magnetisch anziehen.

„Mein Kinderarzt ist nach Texas ausgewandert, mein Zahnarzt arbeitet jetzt in Dubai, und mein Augenarzt ist nach Stockholm gezogen.“ Dieses Zitat einer Frau aus Griechenland nennen Experten gerne, wenn es um den stetig wachsenden Mangel an Gesundheitspersonal – welt- und europaweit – geht. Dass nicht nur Krisenländer wie Griechenland, sondern auch hoch entwickelte Staaten wie Großbritannien unter einem eklatanten Mangel an qualifizierten Fachkräften im Gesundheitswesen leiden, belegt eine Zeitungsmeldung von Ende September aus Schottland: Weil es einem öffentlichen Spital in Aberdeen nicht gelungen war, vor Ort einen Arzt für den Wochenenddienst in der Notaufnahme aufzutreiben, musste für 48 Stunden ein Mediziner aus Indien eingeflogen werden.
Schätzungen der Europäischen Kommission zufolge werden in Europa bis zum Jahr 2020 etwa eine Million Ärzte, Pflegepersonen und Angehörige anderer Gesundheitsberufe fehlen. Und dieser Mangel beflügelt Migrationsströme: Wie Magneten ziehen Länder mit besseren Arbeitsbedingungen Ärzte und Pflegepersonen an.

Spitze der Nahrungskette

„Eine Reihe von Ländern, die über den gesamten Globus verstreut sind, investiert viel zu wenig in die Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal“, kritisiert Francesca Colombo, MSC, BSc, Leiterin der Abteilung Gesundheit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In Ländern wie Israel, Norwegen und Neuseeland liegt der Anteil der Ärzte, die im Ausland ausgebildet wurden, bei rund 40 Prozent. Auch die Golfstaaten treiben die Migrationsströme an. Jahr für Jahr kommen viele Tausende Krankenschwestern von den Philippinen nach Saudi-Arabien; allein im Jahr 2008 waren es 8.000 – Tendenz steigend. Auch die Schweiz saugt Angehörige von Gesundheitsberufen aus anderen Ländern ab: 2013 schlossen in der Eidgenossenschaft 836 Mediziner ihre Ausbildung ab – im selben Zeitraum begannen 2.200 Ärzte aus dem Ausland in der Schweiz zu arbeiten. 1.800 Pflegepersonen machten im Vorjahr ihr Diplom in der Schweiz – ebenso viele diplomierte Pflegekräfte kamen zur gleichen Zeit aus dem Ausland. „Wir stehen an der Spitze der Nahrungskette“, räumte Pascal Strupler, lic. iur., Direktor des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit, kürzlich auf dem European Health Forum in Gastein (EHFG 2014) ein.

Richtung Norden und Westen

Doch Migrationsbewegungen gibt es auch innerhalb der EU. „Grob gesagt strömen Ärzte und Krankenschwestern vom Süden und Osten in Richtung Norden und Westen.“ So bringt Prof. Dr. James Buchan von der Queen Margaret Universität in Edinburgh die europäische Entwicklung auf den Punkt. Von den in Großbritannien tätigen Ärzten zum Beispiel wurden rund 37 Prozent der Ärzte im Ausland ausgebildet, in Schweden wurde derselbe Prozentsatz aktiver Ärzte im Ausland geboren, in Irland haben 33 Prozent der Ärzte nicht die irische Staatsbürgerschaft.
Die Folgen für jene Länder, aus denen Fachkräfte abwandern, sind fatal: Mediziner und Pflegepersonen, in deren Ausbildung viel Geld gesteckt wurde, fehlen den dortigen Gesundheitssystemen an allen Ecken und Enden. Doch auch für die Zielländer ist nicht alles eitel Wonne. „Medizinisches Personal aus dem Ausland ist schwierig zu integrieren“, meint Pascal Garel, Geschäftsführer der European Hospital and Healthcare Federation (HOPE): „Eine große Barriere ist die Sprache. Das betrifft sowohl die Fachsprache als auch die Sprache der Bevölkerung, also der Patienten.“
Kein Land könne es sich leisten, die genannten Wanderungsbewegungen zu ignorieren, warnt Buchan: „Ein und dasselbe Land kann heute von der Zuwanderung von Fachkräften im Gesundheitsbereich profitieren und morgen selbst Gesundheitspersonal an andere Destinationen verlieren.“ Tatsächlich kämpfen inzwischen auch klassische Zielländer zunehmend mit Abwanderung: Aktuelle Daten aus Österreich beispielsweise zeigen, dass nur ungefähr 60 Prozent der Medizinabsolventen des Jahrgangs 2013 in Österreich ärztlich tätig sind. Viele wandern ins Ausland ab, 2013 waren in Deutschland rund 2.700 Ärzte aus Österreich tätig. Zugleich aber ist Österreich noch immer auch Zielland: Rund 16 Prozent der hierzulande tätigen Ärzte wurden im Ausland geboren.

Bessere Rahmenbedingungen

Ein besseres Einkommen sei ein, aber beileibe nicht das einzige Motiv, warum Ärzte und Pflegekräfte ihre Heimatländer verlassen, betont Buchan. „Der wichtigste Ansporn sind meist schlechte oder relativ gesehen schlechte Rahmenbedingungen und Aussichten.“ Die von Abwanderung betroffenen Länder würden wohl nicht mit den Zielländern mithalten können, was das Gehaltsniveau betrifft, räumt Buchan ein: „Doch sie können versuchen, als Strategie gegen die Abwanderung die Rahmenund Arbeitsbedingungen insgesamt zu verbessern.“

Autor: Mag. Michael Krassnitzer, MAS

„Health professional mobility in Europe“, European Health Forum (EHFG), Gastein, 2.10.14