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Arbeitszeiten: Können die Spitäler ihre Mitarbeiter halten?

WIEN – Der Countdown läuft. Bereits in sechs Wochen müssen die Spitalsträger auch in der Alpenrepublik die EU-Arbeitsschutzgesetze umsetzen. Ärzte dürfen im Schnitt „nur mehr“ 48 Wochenstunden arbeiten, was eine gewaltige Umstellung heraufbeschwört. In Kärnten sind die Verhandlungen gescheitert – das könnte auch anderen Bundesländern blühen.

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„In der Ärzteschaft herrscht große Unruhe und auch große Unzufriedenheit“, berichtet der Wiener ÄK-Präsident Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres vorigen Mittwoch im Ö1-Morgenjournal. Hauptgrund des Unmuts ist der drohende Einkommensverlust. Überstunden und Nachtdienste machen bis zu einem Drittel des Gehalts aus, das dann durch die neuen Arbeitszeiten entsprechend schmäler ausfallen würde. Daher fordere man eine Anhebung der Grundgehälter, die im internationalen Vergleich ohnedies „weit hinten“ lägen, unterstreicht der Ärzte-Chef. Schon jetzt gehe fast die Hälfte (!) der frisch promovierten Mediziner ins Ausland.

Empfehlung, kein Optout zu unterschreiben

Für die kürzlich begonnenen Verhandlungen mit der Stadt Wien als Träger der Gemeindespitäler hat die Angestellten-Kurie einen Trumpf ausgespielt: Sie empfiehltden Spitalsärzten, das sogenannte Opt-out – nämlich mit Zustimmung in der Übergangszeit bis 2021 mehr als 48 Stunden zu arbeiten – „keinesfalls“ zu unterschreiben. Und zwar so lange, bis es einen „vollen Lohnausgleich durch die entsprechende Erhöhung der Grundgehälter gebe“, hebt ÄK-Vize und Kurienobmann Dr. Hermann Leitner hervor.

Beim Bund, der Arbeitgeber für die AKH-Ärzte ist, gebe es „seitens des Rektors weder eine Zusage noch Verständnis“ für die Forderungen der Ärzte, ärgert sich Präsident Szekeres, der selber im AKH beschäftigt ist. „Ich möchte derzeit von Streiks nicht sprechen, kann mir aber alles vorstellen“, schloss er gegenüber Ö1 auch Protestmaßnahmen nicht aus.

Situation in den Bundesländern

Das haben die Kärntner schon hinter sich. „Kärnten ist bisher das einzige Bundesland, in dem die Verhandlungen gescheitert sind“, so Dr. Harald Mayer, Bundeskurienobmann der Spitalsärzte, auf MT-Anfrage. Für vorigen Donnerstag hatten die Kärntner Spitalsärzte eine Demonstration für eine 30-prozentige Erhöhung ihres Grundeinkommens angekündigt (diese fand nach Redaktionsschluss statt, Anm.). Doch auch in anderen Bundesländern könnte es für die Brötchengeber brenzlig werden.

In Salzburg hätten sich die Verhandlungen zwar vorsichtig angelassen, seien aber auf dem Weg zu scheitern. „In Oberösterreich beginnen wir erst zu verhandeln“, fährt der Kurien- Chef, der diese Funktion auch in OÖ innehat, fort. Im Burgenland werde, „wo notwendig“, verhandelt, Niederösterreich habe keinen Bedarf, Tirol und Vorarlberg hätten zum Teil schon voriges Jahr verhandelt, hier gebe es einzelne Nachverhandlungen. Hingegen erledigt seien die Verhandlungen in der Steiermark (hier einigte man sich im Oktober, die Grundgehälter um zehn bis 18 Prozent zu erhöhen, Anm.).

Insgesamt sei es „höchste Zeit“, dass das Arbeitszeitgesetz eingehalten werde, betont Dr. Mayer, „gerade wenn über Qualität geredet wird“. Es gehe aber nicht nur um „ausgeruhte und fitte Ärzte“ im Sinne einer guten Versorgungsqualität für die Patienten, sondern auch um „ein wenig mehr“ an Gesundheit für die Ärzte selbst, spricht der Kurienobmann die Auswirkungen einer hohen Arbeitsbelastung an.

VLKÖ: „Kollaps droht“

Auf diese weist auch der Verband der leitenden KH-Ärzte Österreichs (VLKÖ) hin. „Wenn durch die neuen Arbeitszeiten in den Krankenhäusern 20 bis 30 Prozent weniger ärztliche Leistungen erbracht werden, muss diese durch zusätzliche Ärzte und Ärztinnen kompensiert werden“, verlangt der VLKÖ in einer Aussendung. Ohne umfassende Kompensation – bei Gehältern und bei der Ärztezahl in den Spitälern „droht der Kollaps“. Auch der VLKÖ führt ins Treffen, dass Mediziner im benachbarten Ausland deutlich besser bezahlt würden, eine geringere Arbeitsbelastung trügen und zum Teil sogar bessere Karrierechancen hätten.

Derzeit würden knapp 2500 österreichische Mediziner bereits in Deutschland arbeiten – fast ein Viertel der derzeit in Wien angestellten Ärzte. „Der Arztberuf im Krankenhaus kann und muss auch in unserem Land attraktiv genug sein, damit wir Kollegen mit deren Expertise halten und gewinnen können“, fasst Prim. Doz. Dr. Otto Traindl, Präsident des VLKÖ, zusammen.

Autor: Mag. Anita Groß