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Kein Zusammenhang zwischen Antibiotika und kindlichem Asthma

Schon lange hegten Wissenschaftler die Vermutung, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem verstärkten Einsatz von Antibiotika in weiten Teilen der Bevölkerung in Industrienationen und einem übereinstimmenden Anstieg der Asthmaraten bei Kindern geben müsse. Eine schwedische Studie mit einer halben Million Kindern zeigt nun, dass die Exposition gegenüber Antibiotika während der Schwangerschaft oder früh im Leben eines Kindes das Risiko für Asthma doch nicht erhöhen dürfte.

Catarina Almqvist Malmros

Catarina Almqvist Malmros: Die Exposition gegenüber Antibiotika während der Schwangerschaft oder früh im Leben eines Kindes dürfte das Risiko für Asthma nicht erhöhen.

Forscher des Karolinska Instituts in Stockholm publizierten im British Medical Journal eine Studie, in der sie den vermuten Zusammenhang zwischen dem vermehrten Einsatz von Antibiotika und einem Anstieg der Asthmaraten bei Kindern widerlegten. Die Studie umfasst eine halbe Million Kinder.

Mehrere frühere Studien haben gezeigt, dass Kinder ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Asthma haben, wenn diese in der frühen Kindheit Antibiotika eingenommen hatten oder deren Mütter während der Schwangerschaft Antibiotika verabreicht worden waren. Diese Studien haben zu der weit verbreiteten Annahme geführt, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Antibiotika und der Asthmaentwicklung geben müsse. Doch nach Ansicht der Forscher am Karolinska Institutet gibt es Grund, die Ergebnisse dieser Studien in Frage zu stellen.

Schwierige Asthma-Diagnose

Die Diagnose von Asthma könne den Forschern am Department of Medical Epidemiology and Biostatistics am Karolinska Institutet zufolge bei Kleinkindern besonders schwierig sein, da neu auftretende Symptome von Asthma auch als Infektion der Atemwege interpretiert werden können.

Obwohl manche der bei Pädiatern und Allgemeinmedizinern vorstelligen Kinder eigentlich an Asthma leiden, werden die Symptome misinterpretiert, worauf die Kinder zur Bekämpfung der vermeintlichen Infektion Antibiotika verordnet bekommen, so die Vermutung der Wissenschaftler. Die Antibiotika-Behandlung werde dann später, wenn bereits Asthma diagnostiziert wurde, als Trigger für die Entwicklung der Asthmaerkrankung gehalten.

Eine andere Erklärung für die Vermutung eines Kausalzusammenhangs zwischen Antibiotika und Asthma ist, dass Infektionen der Atemwege das Risiko für Asthma erhöhen – und zwar unabhängig davon, ob sie mit Antibiotika behandelt werden oder nicht.

Eine dritte Erklärung ist, dass frühere Studien andere Faktoren wie Genetik, häusliche Umgebung und Lebensstil, die das Risiko für Asthma erhöhen können, nicht entsprechend berücksichtigten.

Anhand eines schwedischen populationsbasierten Registers konnten in der Karolinska-Studie nun Faktoren berücksichtigt werden, die in den älteren Studien nicht erhoben worden waren.

Die Untersuchung umfasst knapp 500.000 zwischen Jänner 2006 und Dezember 2010 in Schweden geborene Kinder.

Antibiotika bei Schwangeren

In einem ersten Schritt untersuchten die Forscher jene Kinder, die als Föten Antibiotika ausgesetzt waren. Dabei stellten sie fest, dass das Risiko für Asthma bei diesen Kindern um 28 % erhöht war.

Bei etlichen Familien hatte ein Kind Asthma, während dessen Geschwister früh im Leben Antibiotika erhalten hatten, ohne diese Erkrankung zu entwickeln. Die Anzahl dieser Familien war groß genug, um einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Antibiotika während der Schwangerschaft und Asthma bei Kindern auszuschließen, schreiben die Forscher.

Antibiotika bei Kleinkindern

Im nächsten Schritt wurden die Daten jener Kinder, die früh im Leben Antibiotika erhalten hatten, untersucht.

Nun wurde verglichen, ob das Risiko der Entwicklung von Asthma nach der Behandlung mit Antibiotika ebenso hoch war, wenn das Kind gegen Infektionen der Dermis, des Harntrakts oder der Atemwege behandelt worden war. Dies scheint aber nicht der Fall gewesen zu sein.

Stattdessen war das Risiko wesentlich höher, wenn die Kinder gegen Atemwegsinfektionen behandelt worden waren, was die Vermutung nährt, dass das neu präsentierte Asthma als respiratorische Infektion misinterpretiert und mit Antibiotika therapiert worden war.

Es wäre auch denkbar, dass Infektionen der Atemwege an sich das Risiko, eine Asthmaerkrankung zu entwickeln, ansteigen lassen – unabhängig von einer Antibiotikagabe. Als die Forscher nämlich die Analysen von Geschwistern in Haut-, Harntrakt- und respiratorische Infektionen unterteilten, verschwand der Zusammenhang zwischen der Antibiotikabehandlung und einer Asthmaentwicklung.

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Antibiotika vorsichtig einsetzen

Die Leiterin der Studie, Catarina Almqvist Malmros, weist in einer Aussendung darauf hin, dass auch angesichts dieser neuen Erkenntnisse die Verschreibung von Antibiotika sehr sorgfältig abgewogen werden sollte. Schließlich bestehe immer die Gefahr einer Antibiotikaresistenz. Darüber hinaus betont die Wissenschaftlerin die Bedeutung der exakten Diagnose von Kindern mit Atemwegssymptomen und der genauen Abklärung von respiratorischen Infektionen bzw. Asthma.

Anne K Örtqvist, Cecilia Lundholm, Helle Kieler, Jonas F Ludvigsson, Tove Fall, Weimin Ye, Catarina Almqvist
Antibiotics in fetal and early life and subsequent childhood asthma: nationwide population based study with sibling analysis
British Medical Journal 2014; 349, Published 28 November 2014, doi:

Quelle: Karolinska Institutet

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