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Allgemeinmedizin am Wendepunkt

INTERVIEW – Allgemeinmediziner haben gute Gründe, selbstbewusst in die Zukunft zu blicken, meinen Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, und Dr. Maria Wendler, Obfrau der Jungen Allgemeinmediziner Österreich.

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Dr. Reinhold Glehr und Dr. Maria Wendler trafen sich im Wiener Cafe Griensteidl zum MT-Gespräch über Zukunft und Chancen der Allgemeinmedizin.

MT: Sie sind beide Vertreter der Allgemeinmedizin in Österreich. Wie geht es Ihnen persönlich mit der Allgemeinmedizin?

Dr. Glehr: Ich mache die Arbeit als Allgemeinmediziner noch immer mit recht viel Freude und eigentlich mit viel Selbstbewusstsein. Die Geringschätzung, die die Allgemeinmedizin begleitet, habe ich selbst nie so empfunden und auch von der Patientenseite nicht erlebt. Das ist vielleicht mit ein Grund, warum ich von Anfang an berufspolitisch – nicht kammerpolitisch – tätig war und immer schon interessiert war, die Weiterentwicklung dieses Faches Allgemeinmedizin voranzutreiben.

Und da freut es mich besonders, dass jetzt am Ende meiner Laufbahn vieles in Bewegung kommt, wo dieser Respekt vor der Allgemeinmedizin innerhalb der ärztlichen Fächer sich derzeit sehr, sehr ändert. Wobei das gerade in einer Zeit passiert, in der sich viele Junge nicht vorstellen können, in der Allgemeinmedizin tätig zu werden.

Dr. Wendler: Ich möchte Allgemeinmedizin machen, ich möchte mich niederlassen, nur – wo ist noch offen? Mein Vater hat immer Turnusärzte in der Lehrpraxis gehabt, so bin ich mit engagierten Kollegen in Kontakt gekommen. Dann habe ich die österreichische und die internationale Organisation für junge Allgemeinmediziner kennengelernt. Für meine Zukunft und die Zukunft der Kollegen ist es wichtig, etwas zu verändern und zu verbessern.

Haben Sie den Eindruck, dass Sie an den richtigen Stellen gehört werden?

Wendler: Ich glaube, dass wir zunehmend gehört werden. Gerade in Zusammenarbeit mit der ÖGAM fungieren wir immer öfter als Berater. Trotzdem werden wir nicht überall gehört und teilweise gerade dort nicht, wo es besonders wichtig wäre. Viele Turnusärztevertreter der Ärztekammern kommen aus den Spezialisierungen und haben zumindest in der Vergangenheit kein Interesse gehabt, allgemeinmedizinische Interessen zu vertreten. Das ändert sich jetzt langsam.

Woran merken Sie den angesprochenen Wandel in der Wahrnehmung der Allgemeinmedizin?

Glehr: Es wird durch die Subspezialisierung innerhalb der Fächer vielen bewusst, dass sie nur Teilbereiche innerhalb des Medizinsystems überblicken. Diese Spezialisten delegieren immer mehr an den Generalisten. Das merkt man etwa an den Entlassungsbriefen. Man ist als Allgemeinmediziner heute für viel mehr zuständig, als einem früher zugemessen wurde. Im System scheinen fast alle überlastet. Das hängt mit dem enormen Wissenszuwachs in der Medizin, mit der Entwicklung der Technik und mit der Notwendigkeit zu dokumentieren zusammen. Ich verwende bewusst nicht das Wort Bürokratisierung. Ich glaube nicht, dass Bürokratisierung stattfindet, sondern dass die Dokumentationspflicht aufwendiger geworden ist, die aber auch Teil der Kommunikation ist.

Werden die Rahmenbedingungen der Sozialversicherung dieser Entwicklung gerecht?

Glehr: Ich glaube, dass viele im Sozialversicherungsbereich, aber auch in den Verhandlungsteams der Ärztekammern Schwierigkeiten haben, diesen Wandel nachzuvollziehen und in die Wirklichkeit umzusetzen. Ich bin aber sehr optimistisch. Im Hauptverband hat dieses Umdenken schon lange begonnen, die Strukturen auf der Länderebene müssen aber erst schauen, welche neue Zeiten gekommen sind.

Spricht man heute mit Allgemeinmedizinern – v.a. in Wien – schwingt eine ziemliche Frustration durch. Es sei trotz vieler Versprechungen in Sachen Aufwertung der Allgemeinmediziner noch nichts passiert.

Glehr: Das ist regional sehr, sehr unterschiedlich. Im ländlichen Bereich kann ich von Frustration ganz wenig bemerken. Im städtischen Bereich – und hier speziell in Wien – ist die Frustration aber sehr groß. Die Ursachen dafür sind historisch dann aber doch nachvollziehbar. Und man kann auch die Ärzteschaft selbst nicht davon freisprechen, dass sich das System so entwickelt hat.

Wendler: Wir Jungen haben den Eindruck, dass sich hier in den letzten zwanzig Jahren fast nichts geändert hat. Es gab keine wesentliche Weiterentwicklung – weder vonseiten der Ärzteschaft noch von der Sozialversicherung.

Glehr: So streng würde ich es nicht sehen. Gerade in der Steiermark wurde mit der Aufwertung der Gesprächsmedizin und mit den Koordinationszuschlägen begonnen. Aber natürlich könnte das mehr sein.

Wie wird sich die neue Ärzteausbildung auf die Allgemeinmedizin auswirken?

Wendler: Das wird letztlich davon abhängen, was daraus gemacht wird. Wir sind sehr froh, dass die Lehrpraxis jetzt mit den sechs Monaten und deren spätere Ausweitung fix sind.

Glehr: Wichtig ist, Wert darauf zu legen, dass die Allgemeinmedizin ein eigenes Fach ist: mit einer besonderen Ausbildung, einer Breite und hoher psychosozialer Kompetenz. Besonders eine persönliche Reflektivität ist gefragt. Alle, die Allgemeinmediziner genannt werden, sollen auch die Praxiswirklichkeit kennengelernt haben und nicht nur die Spitalswirklichkeit.

Das gilt v.a. auch für jene Allgemeinmediziner, die nach der Ausbildung als Stationsärzte weiterarbeiten. Hier haben wir jedes Jahr einen Austausch von zirka 150 Stellen. Wenn diese Kollegen dann im Entlassungsmanagement tätig sind, haben sie eine Ahnung, an welche Berufsgruppen sie denken müssen, welche Hilfsmittel notwendig sind und wann der beste Zeitpunkt ist, um jemanden zu entlassen. Ich glaube, dass sich hier eine große Änderung anbahnt.

Änderungen sind auch durch das neue Primärversorgungskonzept zu erwarten. Macht das die Allgemeinmedizin attraktiver?

Wendler. Wir hoffen, dass das Primärversorgungskonzept berücksichtigen wird, dass wir in Österreich sehr viele verschiedene Kleinlösungen brauchen. Also nicht nur Zentren im städtischen Bereich, sondern auch Kooperationen in ländlichen Regionen. Wir hoffen auf geregelte Strukturen, seien das jetzt Gruppenpraxen oder -verbünde, die punkto Arbeitszeit und Karenzmöglichkeit mehr Flexibilität ermöglichen. Das Arbeiten in einem interdisziplinären Team soll auch die Koordination erleichtern, etwa bei der Entlassung durch den Stationsarzt.

Natürlich koordinieren viele Allgemeinmediziner bereits jetzt die anderen Gesundheitsberufe in der Versorgung ihrer Patienten – aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus, oft unbezahlt. Wenn es hier klar geregelte Anknüpfungspunkte und in diesen neuen Organisationsformen auch neue Honorierungsformen gibt, wäre das eine Erleichterung und damit der Beruf auch attraktiver.

Hat der freiberufliche Allgemeinmediziner Zukunft?

Glehr: Die Mär vom Einzelkämpfer entspricht nicht der Wirklichkeit, diese können auch schon heute nicht existieren. Eine Vernetzung im System ist für alle notwendig, die kommenden Ärztenetzwerke werden aber mehr Verbindlichkeit erreichen müssen. Inwieweit in großen Zentren Ärzte die unternehmerische Verantwortung haben werden, wird sich zeigen. Ich glaube nach wie vor, dass die Einzelpraxis ein sehr kostengünstiges, gut kontrollierbares Modell ist und dass die großen Einrichtungen, die von irgendeiner Institution geleitet werden, die Transparenz fürchten.

Wir leben mit „Styriamed“ schon heute ein verbindliches Ärztenetzwerk. Da sind wir mit in der Steiermark sicher Vorreiter. Das hat mir auch die Freude am Beruf erhalten. Wir sind in Hartberg und Umgebung fünf Allgemeinmediziner, davon sind zwei tolle junge Kollegen. Ich selbst habe einen Dauervertreter für einen Tag in der Woche, mit dem ich mich sehr gut austauschen kann. Wir fünf haben mehr oder weniger eine gemeinsame Klientel und kein Besitzstandsdenken. Jeder hat einen Tag in der Woche und jedes fünfte Wochenende Dienst. Wenn man nicht Dienst hat, kann man sich am Nachmittag unbeschwert seinen Hobbys widmen und braucht nicht aufs Telefon horchen. Die Absprache punkto Urlaub und Ordinationszeiten funktioniert gut.

Gibt es Bestrebungen dieses Modell auch in anderen Ländern aufzubauen?

Glehr: Es gibt so etwas im Burgenland, auch in Salzburg laufen derzeit intensive Gespräche.

In Österreich ist für die Primärversorgung kein Einschreibemodell geplant. Ist das sinnvoll?

Glehr: Man nimmt an, dass die neuen Angebote so attraktiv sein werden, dass alle Patienten dort hinlaufen werden. Das wird die Wirklichkeit zeigen. In Deutschland kann man sehen, dass die großen Zentren für einen gewissen Patiententypus attraktiv sind, für andere aber nicht.

Für welche Patienten sind Zentren eher attraktiv?

Glehr: Vor allem für Menschen zwischen 25 und 55 mit akuten Beschwerden. Diese wollen eine rasche Problemlösung und nicht so sehr eine kontinuierliche Betreuung mit nur einem Ansprechpartner. Das ist aber nur eine geringere Zahl der Patienten. Familien und Patienten mit mehreren Erkrankungen bevorzugen den Vertrauensarzt als Ansprechpartner. Das zeigt ja auch die Stärke der Wahlarztmedizin: Die Menschen sind bereit, für einen guten Ansprechpartner mit viel Zeit auch Geld auszugeben. Wir wollen das aber auch im solidarischen System ermöglichen. Dafür braucht man die Strukturen, aber auch die Finanzierung.

Wie kann die Qualität in der Allgemeinmedizin gesichert, aber auch dem Patienten offen gelegt werden?

Glehr: Der Maßstab dafür sind gelungene Arzt-Patienten-Beziehungen und gelungene Behandlungen. Und da spielt die Mundpropaganda eine ganz große Rolle. Kein Patient wird nur von einem Arzt behandelt und alle haben konkrete Qualitätsvorstellungen. Die Patientenanwälte glauben immer, dass sie die Einzigen sind, die sich um Qualität und Patientensicherheit kümmern. Sie bekommen ja aber nur ganz wenige, wirklich schiefgelaufenen Arzt-Patienten-Beziehungen mit.

Wendler: Aus Sicht der Jungen wäre eine neue, qualitätsgesicherte Ausbildung eine gute Basis für den Beruf des Allgemeinmediziners.

In der neuen Primärversorgung sollen Ärzte auch mit anderen Gesundheitsberufen verbindlich zusammenarbeiten. Wie stehen Sie dazu?

Glehr: Hier muss man Augenmaß halten, dass man die Ärzte nicht zu etwas verpflichtet, das unökonomisch ist. Wenn die Anstellung einer DGKS zum Zwang wird, würde das die Bereitschaft zur unternehmerischen Verantwortung wieder vermindern und wäre kontraproduktiv für ganz Österreich. Vielmehr sollte man die Selbstständigkeit der Pflege zulassen, wie es sie die Physiotherapeuten schon haben. Ich etwa würde eher einen Physiotherapeuten anstellen als eine diplomierte Pflegekraft, weil ich hier einen viel größeren Bedarf habe. Die Selbstständigkeit der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe würde die Versorgungssicherheit erhöhen und nicht vermindert. Sie sollten als Wert erkannt werden.

Wendler: Aus Sicht der Patienten erhöht die Selbstständigkeit der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe auch deren Flexibilität und Verfügbarkeit. Vor allem im ländlichen Bereich sind Therapeuten Mangelware, die Patienten kommen nicht zu den Ambulatorien und diese machen keine Hausbesuche. In der Selbstständigkeit können die Therapeuten selbst entscheiden, was sie wann und wo anbieten, und das in einem Netzwerk einer Region zur Verfügung stellen.

Gerade am Land sind Praxen heute oft schwer nachzubesetzen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Frauen in der Allgemeinmedizin. Was für Rahmenbedingungen brauchen v.a. junge Ärztinnen?

Wendler: Hier muss man graduieren zwischen jenen jungen Kolleginnen und Kollegen, die sich als Allgemeinmediziner etwa mit einer Wahlarztpraxis niederlassen wollen und dann jene Medizin anbieten, die sie gerne machen, und jenen, die auch die Versorgungsverantwortung übernehmen wollen. Zweiteres sind jene Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Kassenvertrag niederlassen und z.B. dann auch in der Nacht zur Verfügung stehen. Deren Arbeitssituation muss sich verbessern: etwa durch Kooperationen, die z.B. zu einer geringeren Zahl von Nachtdiensten führen, die adäquat honoriert werden. Es wird nicht genug Idealisten geben, um die Versorgung der Bevölkerung flächendeckend aufrechterhalten zu können.

Die Diskussion geht auch in Richtung Lebenszeitmodelle?

Glehr: Sicher, denken Sie nur an Karenzmöglichkeiten. Wichtig sind auch Wiedereinstiegsmodelle. Wir haben ein großes Potenzial an Ärztinnen, die nach der Karenz wieder einsteigen wollen, aber ein wenig Training und „Entängstigung“ brauchen. Ich war gerade auf einem Kongress in Deutschland, da war diese „Entängstigung“ ein ganz großes Stichwort. Entängstigung nach der Ausbildung, aber auch von Wiedereinsteigerinnen. Eine Umfrage einer Ärzte-Apotheker-Bank zeigt, warum sich viele Jungen sich nicht niederlassen trauen: Da geht es um Sicherheit, um Angst vor dem Management.

Wendler: Ich kenne viele junge Kollegen, die Angst haben, dass auch mit Kassenvertrag die Patienten nicht kommen. Es gibt ja oft keinen Übergang von einem Praxisinhaber zum nächsten. Und da fürchten die Kollegen, dass sie von den Patienten nicht akzeptiert werden und keinen Patientenstamm zusammenbekommen. Hier sind Nachfolgeregelungen, wo sich die Patienten an den Nachfolger gewöhnen können, auch aus Sicht der Jungen oft emotional sehr wertvoll und begehrt.

Glehr: In Salzburg gibt es das Modell der Wiedereinsteigerpraxis, bei dem junge Ärztinnen zwölf Monate in einer Praxis angestellt werden. In der Steiermark kann man ab dem 60. Lebensjahr eine Nachfolgepraxis anmelden. Nach einem Jahr gemeinsam muss man die Praxis dann übergeben.  

Zur Person:

Dr. Reinhold Glehr ist seit 36 Jahren Arzt für Allgemeinmedizin in Hartberg und seit 2010 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM). Die ÖGAM hat 1600 Mitglieder. www.oegam.at
Dr. Maria Wendler macht derzeit Turnus in Linz. Sie ist seit 2012 Obfrau der Jungen Allgemeinmediziner Österreich (JAMÖ). Die JAMÖ hat derzeit 140 Mitglieder, die sich aus Medizinstudenten mit besonderem Interesse an der Allgemeinmedizin, Ärzten in Ausbildung sowie Ärzten für Allgemeinmedizin in den ersten fünf Jahren nach Ende der Ausbildung zusammensetzen. www.jamoe.at

Interview: Mag. Silvia Jirsa