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Roundtable: “Transparenter und besser”

Silvia TürkDie Reform der Ärzteausbildung wurde nach langen Verhandlungen vom Parlament fixiert. Es wurde auch Zeit, sagen Kritiker, denn nicht zuletzt in den Spitälern fehlt es an Nachwuchs. Die Reform soll hier Abhilfe schaffen. CliniCum diskutierte mit Experten über die Eckpunkte der Ausbildungsreform und die Frage, was Jungmediziner können sollen und wie man mit dem Nachwuchsmangel umgehen kann.

Auf Einladung von CliniCum diskutierten Dr. Karlheinz Kornhäusl, Obmann-Stellvertreter der Kurie Angestellte Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer, OA Dr. Ulrich Schmidbauer, Geschäftsführer und Ärztlicher Direktor St.-Josef-Krankenhaus Wien und Leiter des Medizinisches Management-Teams der Vinzenz Gruppe, Lukas Wedrich, Stellvertretender Vorsitzender der ÖH MedUni Wien, und Dr. Silvia Türk, Leiterin der Abteilung I/B/13 (Qualität im Gesundheitssystem, Gesundheitssystemforschung) im Bundesministerium für Gesundheit.

  • CliniCum: Die Ausbildungsreform wurde nach langem Hin und Her fixiert. Wie gut ist sie?
  • Türk: So eine große Reform hat es seit 1998 nicht mehr gegeben. Es mussten ja zahlreiche Bereiche und Gesetze geändert werden. Die erste Stufe ist nun mit dem Ärztegesetz fertig. In einer zweiten Stufe folgen dann die Berufsberechtigungen und Ausbildungsmodule und dann noch die Formulierung der Rasterzeugnisse.
  • Kornhäusl: Das ist schon ein echter Wurf – das muss man anerkennen. Geredet wurde ja schon lange. Jetzt kommt es mit der Umsetzung auch zu einem Paradigmenwechsel. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber ich muss sagen, dass alle Seiten gut zusammengearbeitet haben. Die Ärztekammer ist nicht mit allem glücklich, aber hier saßen ja nicht nur Ärzte und Ministerium am Tisch, sondern auch Sozialversicherungen, Länder und Krankenhausträger.
  • Schmidbauer: Es hat gedauert, aber die Debatte über die EU-Arbeitszeitrichtlinie zeigt nun auch, dass es Sinn macht, beides gemeinsam umzusetzen – mit einem ordentlichen Kracher. Dadurch ändert sich jedenfalls die Betriebsorganisationsstruktur in den Krankenanstalten deutlich. Wenn man aber betrachtet, dass etwa Leute nach der Ausbildung zum Allgemeinmediziner kurze Zeit später zur Facharztprüfung angetreten sind, zeigt das, wie hier Ressourcen verschwendet worden sind. Und das können wir uns jetzt einfach nicht mehr leisten
  • Wedrich: Dem kann ich mich nur anschließen. Allerdings wird das Klinisch-Praktische Jahr (KPJ, Anm.) für die Spitäler eine Herausforderung. Leider waren die Studierenden in der Kommission nicht dabei, wir müssen aber jetzt mit dem Ergebnis leben. Es gibt hier enormen Aufklärungsbedarf, weil sich viele Studierende nicht ausreichend informiert fühlen. Man darf zudem nicht vergessen, dass wir hier von einem Ausbildungsjahrgang reden, der bereits vier Curriculumsänderungen mitmachen musste. Das frustriert viele. Es gibt auch viele Kollegen, die ins Ausland gingen oder gehen. Die Frage ist, ob die Reform so attraktiv ist, dass sie wieder zurückkommen.
  • Türk: Das kann ich so nicht auf mir sitzen lassen. Wir informieren viel, fahren die Bundesländer ab und geben alles breit weiter. Seit 2011 sind wir auch laufend in Gesprächen mit den Unis und seit drei Jahren wird über den sechsten Studienjahrgang informiert. Gerade hier gibt es aber Schwierigkeiten. Es gibt Dinge an den Unis, mit denen wir unsere Probleme haben. Das Problem ist, dass wir hier nicht zuständig sind, sehr wohl aber für die postpromotionelle Qualitätssicherung.
  • CliniCum: Man hört oft, dass die Ausbildung sehr verschult ist. Wie wirkt sich das für die Spitäler in der Praxis aus?
  • Schmidbauer: Gefühlsmäßig ist die Ausbildung gut. Ich stehe ja mit jungen Ärzten und Studierenden am OP-Tisch, und das Wissen ist durchaus hoch. Ich nehme in der Reform aber jetzt wahr, dass ein Großteil der Ausbildung nun an die Spitalsträger übertragen worden ist, ohne dort die Infrastruktur danach auszurichten. Die Ausbildung ist aber sehr zeitintensiv. Und Zeit ist eine Ressource, die Geld kostet und Mangelware ist. Hier fühlen wir uns teilweise im Stich gelassen.
  • Kornhäusl: Diesen Eindruck habe ich auch. In der Ausbildung ging ein großes Maß an Engagement und Selbstständigkeit verloren. Bei den Studierenden beobachte ich zum Teil ein hohes Anspruchsverhalten. Die Jungen wissen, wie wichtig sie heute für die Träger sind, und die sind jetzt massiv gefordert. Redet man mit Primarärzten, zeigt sich, dass die das aber auch leisten und erfüllen wollen und sich bemühen. Aber alle sagen, dass ihnen die Ressourcen fehlen.
  • Türk: Die Krankenanstalten im KPJ können gewisse Grundkenntnisse erwarten und verlangen. Das Ziel ist, dass das Studium einen qualitätsgesicherten Kompetenzlevelkatalog vermittelt. Es ist genau geregelt, was im KPJ gelehrt werden soll. Im Ärztegesetz ist auch genau geregelt, was eine Ausbildungsklinik erfüllen muss. Zum Teil ist die Ausbildung an den Unis stark verschult, aber es wissen alle, dass ein Studierender nach dem KPJ auch bestimmte Verantwortung im Spital übernehmen können muss. Da müssen die Dinge dann sitzen und funktionieren. Es wird aber eine Evaluierung geben, und sollte es Defizite geben, müssen die Unis eben nachjustieren.
  • CliniCum: Die Kritik richtet sich also an die Unis? Wo mangelt es da?
  • Kornhäusl: Man wird etwa auf das Leben in einer Praxis nicht vorbereitet. Deswegen gehen auch viele dann nicht in diesen Bereich.
  • Schmidbauer: Ja, man lernt etwa auch die wirtschaftlichen Gegebenheiten einer Praxis nicht.
  • Türk: Hier gilt generell: die Unis müssen sich auch auf die Reform vorbereiten, und sie wissen das schon lange. Wenn die Unis Ausbildung etwa an Spitalsträger auslogen, müssen sie mit ihnen reden und sich absprechen. Der Bedarf der Abstimmung liegt bei den Unis. Die praktische Grundausbildung nach dem Studium ist wichtig. Auch ein HNO-Arzt muss einen akuten Herzinfarkt erkennen können. Da führt kein Weg vorbei.
  • Wedrich: Ich denke nicht, dass es das dafür braucht. Wir haben ja, wenn wir ins KPJ gehen, fünf Jahre an der Uni hinter uns. Da kann man die Sachen. Wenn man es nicht kann, werden es auch neun Monate nicht richten.
  • Türk: Sie sind aber in dieser Zeit nicht so viel im Spital.
  • Kornhäusl: Ich war kein Freund von dieser Reform, aber ich bin jetzt überzeugt, dass diese verpflichtenden neun Monate für alle wichtig sind. Die praktische Ausbildung ist jetzt ein halbes Jahr länger als früher und dauert 42 Monate. Dafür ist gleich die Facharztausbildung möglich. Ich halte das für sinnvoll.
  • CliniCum: Wird die Reform auch den Praxistest bestehen?
  • Türk: Da gibt es nur noch einen Promotionstermin, und das ist eigentlich auch die einzige Möglichkeit für den weiteren Weg, junge Ärzte zu gewinnen. Die wiederum sehen rechtzeitig, welche Möglichkeiten sie haben. Innerhalb der neun Monate muss ein Träger dem Auszubildenden einen Ausbildungsplan vorlegen und etwa sagen, welche Ausbildung möglich ist. Das ist im Gesetz so beschrieben. Die neue elektronische Ausbildungsstellenverwaltung kann somit den Weg der Auszubildenden begleiten, damit nicht zwischen Stellen herumgeschoben werden.
  • Schmidbauer: Das System soll, wie ich es verstanden habe, dazu führen, dass die Stehzeiten kürzer werden. Das halte ich für sinnvoll. Zudem werden die Ausbildungsstellen für sieben Jahre vergeben. Danach wird evaluiert. Das wollen auch die jungen Menschen: die Ausbildung bei einem Träger und nicht nur einen Teil davon. Sie wollen eine qualitativ gute Ausbildung bekommen, ohne Stehzeiten. Wichtig ist auch das Arbeitsklima – das wird künftig noch wichtiger werden.
  • CliniCum: Gibt es eigentlich genug Ärztenachwuchs? Können sich Studierende ihre Ausbildungsplätze aussuchen?
  • Schmidbauer: Hier sehen wir massive Änderungen. Es gibt regional große Unterschiede. Vor einigen Jahren konnten Träger noch aus einer großen Zahl an Bewerbern selektionieren. In den ländlichen Bereichen war das schon früher zu spüren. Es gibt auch in den Fächern Unterschiede und Fächer, die keinen Nachwuchsmangel haben, etwa Gynäkologie. Anästhesie, Pathologie, Pädiatrie sind schwierig. Die Träger sind hier gefordert, Angebote zu schaffen, um gegenzusteuern. Das Krankenhaus Barmherzige Schwestern Ried bildet etwa Maturanten für die Eingangstest aus.
  • Türk: Die wurden sicher einige Dinge verschlafen. Etwa das neue Curriculum an den Unis im Jahr 2002. Dass es Jungärzte nur noch einmal im Jahr gibt, nämlich dann, wenn sie fertig sind an der Uni. Deshalb gibt es die neun Monate Basis quasi als Eingangsmöglichkeit. Auch das Arbeitszeitgesetz, das aus dem Jahr 1997 stammt. Man war es auch gewohnt, dass man 2.000 Abgänger hat, jetzt sind es noch rund 1.600. Es wurden Ausbildungsstellen geschaffen, wo niemand geschaut hat, was die Turnusärzte lernen. Es wird in Zukunft ganz klare Kriterien, wie das Leistungsangebot, Fallzahlen und wie viele Fachärzte es an der Abteilunggeben wird. Das bestimmt dann die Genehmigung von Ausbildungsstellen.
  • Kornhäusl: Es geht nicht mehr um den „Kampf“ der Nationen, sondern der Regionen. Nicht nur zwischen den Bundesländern sondern auch zwischen den Regionen in einem Bundesland. Das ist höchst spannend. Im zwischenstaatlichen Wettstreit wird man sich aber fragen müssen, wie man jene, die ins Ausland gehen, zurückgewinnen kann, bzw. wie man verhindert, dass Jungärzte ins Ausland gehen. Dazu braucht es bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen. Hier sind die Träger gefordert.
  • Türk: Die Grundlagen wurden ja jetzt dafür geschaffen. Es gibt klare Vorgaben, und auch das Ausbildungsverhältnis Lehrende/Auszubildende ist geändert.
  • Wedrich: Künftig geht es hier sicher auch um Fragen wie etwa die Work-Life-Balance.
  • CliniCum: Das klingt ganz neu. Was sagen langjährige Spitalsärzte dazu, die zuletzt bis zu 72 Stunden pro Woche gearbeitet haben und nun hören, dass der Nachwuchs eine Work-Life- Balance will?
  • Kornhäusl: Hier wurde in den Spitälern viel verschlafen. Etwa auch, dass der Frauenanteil steigt. Wir haben im Turnus bereits 75 Prozent Frauen. Nicht nur für sie, auch für ihre Partner werden da auch Themen wie Kinderbetreuung wichtig. Man muss Entwicklungen Rechnung tragen. Natürlich kommen altgediente Primarärzte und sagen, dass sie früher 72 Stunden und mehr gearbeitet haben. Ich sage dann, dass das damals schon nicht gut war und es jetzt auch nicht ist.
  • Türk: Es ist klar, dass auch die Jungärzte ihre Leistungen bringen müssen. Die sozialen Themen beschränken sich zudem nicht nur auf die Ärzte, sondern alle Gesundheitsberufe in den Spitälern – etwa auch die Pflege.
  • Schmidbauer: Die Träger bemühen sich da sehr. Es gibt bei uns sogar schon die Möglichkeit, dass man den Turnus in Teilzeit macht. Wichtig wird aber sein, eine Balance zwischen Jung und Alt zu schaffen.