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Fundamentalismus und Populismus

Foto: vladwel/iStock/Thinkstock

Donald Trump, Marine Le Pen, der Brexit und der IS haben eine gemeinsame Wurzel: Für den Moraltheologen Univ.-Prof. DDr. Paul Zulehner sind Populismus und religiöser Fundamentalismus Überlebensstrategien in Zeiten zunehmender Ängste. (CliniCum neuropsy 1/17)

Alles beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies: Aus Sicht der Schweizer Tiefenpsychologin Monika Renz ist die Geburt das Ende der paradiesischen Geborgenheit im Mutterschoß. Das Neugeborene ist in einer ambivalenten Grundstimmung: Auf der einen Seite die Neugierde auf das neue Leben, auf der anderen die Grundangst, in der fremden kalten Welt getrennt nicht bestehen zu können. „Angst lauert von Anfang an in jedem Menschen“, so Zulehner. Die Herausforderung sei nun, dem Tohuwabohu der Urangst in einem lebenslangen Prozess Festland des Vertrauens abzugewinnen.

Voraussetzung für den Aufbau von Vertrauen sei ein neuer „sozialer“ Mutterschoß, in dem es Stabilität und Liebe gibt. Renz beschreibt auch, was passiert, wenn in diesem lebenslangen Balanceakt zwischen Angst und Vertrauen die Angst die Oberhand gewinnt: Ohne ausreichendes Vertrauen greifen Menschen zu Selbstsicherungsstrategien, die zwar nach außen gerichtet sind, aber eigentlich die innere Angst zu zähmen versuchen. Auf einer persönlichen Ebene sind das in erster Linie Gewalt, Gier und Lüge, die sich politisch als Terrorismus, Finanzkrise und Korruption manifestieren und in der Religion fundamentalistische Strömungen fördern.

Culture of fear

Folgt man den Thesen von Dominique Moïsi, werden unsere persönlichen Emotionen noch von kulturellen Emotionen überlagert. Während in China und Indien eine Kultur der Hoffnung dominiert, ist die arabische Welt nach Ansicht des französischen Politologen durch eine Kultur der Demütigung geprägt. Die USA leben hingegen spätestens seit dem 11. September 2001 in einer Kultur der Angst. Auch in Europa wurde die Grundstimmung der Hoffnung während der Finanzkrise vom Gefühl der Angst abgelöst. Dass die Angst hierzulande im Aufwind ist, kann Zulehner auch durch eine eigene Studie bestätigen: In seinem Buch „Entängstigt euch!“ beschreibt der Theologe, wie unsere Gesellschaft unter biografischen Verlustängsten, sozialen Abstiegsängsten und kulturellen Entfremdungsängsten leidet. Sehr verbreitet ist auch die Angst, zu kurz zu kommen: Vor allem Menschen, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, haben oft das Gefühl, für die vielfältigen eigenen Wünsche nicht mehr genug Zeit zu haben.

Schutzmuster

Inmitten von Ängsten entwickeln Menschen verschiedene Überlebensstrategien. Ein ganz charakteristisches Schutzmuster ist Pluralitätsintoleranz: Vielfalt wird nicht als Reichtum, sondern als Gefahr gesehen. Zum Ausdruck kommt das auch in der weit verbreiteten Angst vor der Globalisierung. Auch die Versprechungen des Neoliberalismus können Angst machen: „Du bist zwar frei, aber du bist auch für alles selbst verantwortlich!“ Viele Menschen schaffen die dafür erforderliche Meisterung von Unübersichtlichkeit und großen Risiken nicht und suchen Zuflucht in einem weniger komplexen Weltbild. Inmitten verbriefter Freiheit nimmt die Zahl der Personen zu, welche die lästige Last der Freiheit wieder loswerden wollen. Statt die Ausbildung einer eigenen Identität anzustreben, werden Identitätsanleihen bei Bewegungen und starken Führern genommen.

Wohin man in Europa und den USA auch blickt: Autoritäre Lösungen werden wieder salonfähig. Zulehner präsentiert Daten aus einer eigenen Langzeitstudie, die belegen, dass Unterwerfungsbereitschaft auch in Österreich alles andere als ein Auslaufmodell ist: „Zwischen 1970 und 1990 ist der Autoritarismus bei uns deutlich zurückgegangen. Seither ist er sowohl bei jungen als auch bei alten Menschen wieder im Steigen begriffen.“ Rechtspopulistische Bewegungen, die mit einfachen Lösungen einen sicheren Unterstand vor den Bedrohungen des Lebens, der Politik und der Globalisierung versprechen, können als politischer Arm dieser Schutzsuche verstanden werden.

Raus aus der „Angst-Ecke“

„Was wir brauchen, ist eine Politik des Vertrauens, die nicht Ängste bewirtschaftet, um gewählt zu werden, sondern darauf abzielt, soziale und kulturelle Ängste zu mindern“, appelliert Zulehner an die politischen Entscheidungsträger. Ein zweiter wichtiger Punkt ist vielfältige Bildung, die den politischen, interkulturellen, interreligiösen und weltanschaulichen Dialog fördert. Also Bildung mit dem Ziel Daseinsstärke und Pluralitätstoleranz. „In Zeiten zunehmender Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren, bedarf es auch einer guten Familienpolitik, um dem Kind in den ersten Lebensjahren in der intensiven Auseinandersetzung mit elterlichen Menschen die Grundlage für eine Biografie zu schaffen, in der das Vertrauen immer den Überhang hat“, spricht der Religionssoziologe auch ein heißes Eisen an. Und die vielleicht wichtigste vertrauensbildende Maßnahme: Gesichter und Geschichten kennenlernen, konkreten Menschen begegnen und mit Fremden Feste feiern! Wenn man Angst wirklich abbauen will, geht es nicht ohne Kommunikation.

„Fundamentalismus als Schutzmuster“, 12. Grazer psychiatrisch-psychosomatische Tagung, Graz, 20.1.17

 

 

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