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Wenn die Nase streikt, leidet auch die Lebensqualität

Kausale Behandlungsoptionen bei chronischen Riechstörungen werden immer wichtiger

Chronische Riechstörungen sind nicht nur lästig. Betroffene können sogar in Lebensgefahr geraten, weil sie beispielsweise Gasgeruch oder Rauch nicht mehr wahrnehmen. Mittlerweile gibt es wirksame Therapieansätze.

Das Mädchen klagt beim Arzt über den Geruchsverlust. Der Arzt führt einen Geruchstest durch. Diagnose von Covid-19. Symptome des Coronavirus. Quarantäne und Isolation. Test auf sars-cov-2

Junges Alter, weibliches Geschlecht und eine relativ gute olfaktorische Restfunktion sind prognostisch günstig.

Ist das Riechvermögen gestört, genügt es manchmal abzuwarten: Bei einem erheblichen Teil der Betroffenen erholt es sich von selbst. In bis zu 60 % der Fälle und damit besonders häufig gelingt dies nach einem Virusinfekt. Aber auch nach einer Verletzung überwindet ein Fünftel der Patienten die Störung ohne Intervention. Prognostisch günstig wirken junges Alter, weibliches Geschlecht und eine relativ gute olfaktorische Restfunktion, schreiben Dr. Marlene Speth von der HNO-Klinik am Kantonsspital Aarau und Kollegen.



Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Beeinträchtigung. Gut bekannt ist das Riechtraining: Tägliches Üben (morgens und abends) mit vier Duftstoffen (z.B. Rose, Eukalyptus, Zitrone und Gewürznelke) bessert die Geruchswahrnehmung signifikant. Empfohlen wird eine konsequente Durchführung über sechs bis neun Monate. Die Resultate sind umso besser, je früher die Selbstbehandlung beginnt. Es profitieren vor allem Patienten mit postinfektiösem Defizit. Doch auch bei posttraumatischer oder idiopathischer Einschränkung kann sich der Befund bessern. Die Wirkung der Duftreize wird auf eine erleichterte Regeneration olfaktorischer Neurone zurückgeführt. Entsprechende Hinweise liefern Ableitungen der Riechschleimhaut (Elektro-Olfaktogramm). Zudem zeigte sich eine Vergrößerung des Bulbus olfactorius und anderer relevanter Hirnareale.

Topische Steroide bei obstruktiven Störungen

Patienten mit chronischer Rhinosinusitis (CRS, mit und ohne Polypen), bei denen eine konservative Therapien nicht zur Besserung führt, kann möglicherweise eine chirurgische Intervention helfen. Die funktionale endoskopische Sinusoperation verbessert neben dem Riechvermögen auch die oft stark geminderte Lebensqualität. Für therapierefraktäre Betroffene mit beidseitiger Polyposis kommt eine Biologika-Therapie mit dem IL4-/IL13-Antikörper Dupilumab in Betracht.

Bei riechgestörten Patienten ohne CRS kann eine Septumplastik bzw. der Verschluss einer Perforation in der Scheidewand die olfaktorische Funktion stärken. Bei Phantosmie ist der Nutzen einer chirurgischen Abtragung des Riechepithels bisher nicht belegt. Betroffene Personen nehmen nicht vorhandene Gerüche wahr und sollten, wenn überhaupt, nur als Ultima Ratio in Spezialzentren operiert werden.

Goldstandard bei obstruktiv bedingten Störungen des Geruchssinns (allergische Rhinitis, CRS) ist nach wie vor die Behandlung mit topischen Steroiden. Damit der Nasenspray die Riechspalte erreicht, sollte ein langer Applikator verwendet werden. Außerdem muss die Anwendung in Kopf-Seit-Kipp-Lage erfolgen, also in Seitenlage liegend mit 20–30 Grad nach oben gedrehtem und 20–40 Grad nach hinten gekipptem Kopf. Auch systemische Steroide können bei diesen Patienten als Initialtherapie eingesetzt werden.

Vor dem Beginn einer speziellen Therapie empfehlen die Autoren unterstützende Maßnahmen, um den Zugang zur Riechspalte zu gewährleisten. Dazu eignen sich beispielsweise abschwellende Nasensprays und kochsalzhaltige Externa. Auch pflegende Nasenduschen haben sich bewährt.

Stammzellen für die Nase

Zukünftig könnte eine autologe Transplantation von Schleimhautstammzellen die olfaktorische Funktion bessern. Erste Untersuchungen am Tiermodell verliefen positiv, die Zellen wuchsen gut an, das Riechvermögen nahm zu. Eine Alternative wäre möglicherweise auch die tiefe Hirnstimulation, die mittels elektrischer Reize in frühen Studien ein Geruchsempfinden auslöste.

Zu den nicht evidenzbasierten Therapieoptionen zählt die Akupunktur. Studien bei postinfektiöser Riechstörung belegen eine verbesserte Diskriminierung von Duftstoffen. Die Autoren stufen die Nadeltherapie als adjuvante Maßnahme ein, geben aber zu bedenken, dass eine Wirkung nur bei frühzeitigem Beginn zu erwarten ist. Auch die topische Anwendung von Vitamin A könnte sich einer Pilotstudie zufolge eignen. Das Vitamin ist essenziell für die Regeneration olfaktorischer Rezeptorneurone. Als weiteren potenziellen Therapiekandidaten nennen die Autoren Alpha-Liponsäure. Diese Fettsäure hat in einer ersten kleinen Arbeit einen günstigen Effekt gezeigt, der aber noch bestätigt werden muss.

Speth MM et al. HNO 2022; 70: 157–166

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