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Kinder und Covid-19

„Nach zwei Jahren wissen wir immer noch so wenig“

Für Kindergartenkinder gibt es noch kaum Schutzmaßnahmen

Jetzt, wo ganz Österreich öffnet, weiß Kinderarzt Dr. George Zabaneh nicht mehr, was er Eltern – vor allem jenen von Kleinkindern – raten soll. Dass es weltweit und in Österreich noch große Wissenslücken gibt, spricht für ihn gegen eine massenhafte Durchseuchung bei den Kindern.

Österreich öffnet – auch an den Schulen: Seit einigen Tagen gilt dort die Präsenzpflicht wieder. Die Möglichkeit fürs Distance Learning gibt es damit nicht mehr. Auch die Maskenpflicht für Kinder ist bereits gefallen. Jene für Lehrer folgt morgen. Während das in den sozialen Medien ordentlich gefeiert wird, schürt es bei anderen Unsicherheit.

„Eltern mit Kindern haben eineinhalb Jahre lang die Älteren geschützt, als sie noch ungeimpft waren – und jetzt vergisst man einfach auf sie“, ärgert sich Dr. George Zabaneh, Kinderfacharzt in der Klinik Floridsdorf, stellvertretender Leiter des Impfreferats der Ärztekammer für Wien, Leiter einer Gemeinschaftspraxis in der Seestadt und selbst Vater von zwei Töchtern – eine davon vier Jahre alt.

Besonders schlimm ist es bei den Kleinkindern unter fünf Jahren, denn die könne man ja noch nicht einmal impfen. Zabaneh versteht nicht, warum nicht auch für die Sicherheit dieser Bevölkerungsgruppe gesorgt wird. „Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist ein Menschenrecht, und das hat die Bundesrepublik zu gewährleisten. Sind diese Kinder etwa keine Österreicher?“ Dabei gebe es Mittel und Wege, wie dieser Missstand verbessert werden könnte. „Aber vor allem in den Kindergärten gibt es nach wie vor überhaupt keine Schutzkonzepte.“

Nicht nur ein Schnupfen

Zabaneh räumt zwar ein, dass Kinder seltener als Erwachsene schwer infolge einer Infektion mit SARS-CoV-2 erkranken, weiß aber, dass Covid-19 für sie trotzdem kein harmloser Schnupfen ist. „Bei einem von ca. 3.000 Kindern tritt nach einer Covid-19-Erkrankung das hyperinflammatorische Syndrom PIMS/MIS-C auf. Auch in Österreich sind bereits Kinder daran verstorben. Außerdem leiden nach heutigen Schätzungen sechs bis sieben Prozent der Kinder noch drei Monate nach der Infektion, wenn sie schon als genesen gelten, an einem oder mehreren Symptomen.“ Long Covid ist also auch bei Kindern ein Thema.

Erste Daten deuten darauf hin, dass die Impfung auch gegen diese beiden  Langzeitfolgen bis zu einem gewissen Grad wirksam ist: Die Gefahr für ein PIMS/MIS-C scheint etwa zu einem großen Teil gebannt (1) und das Long-Covid-Risiko bei voll geimpften Personen zumindest beträchtlich reduziert zu sein (wir haben berichtet).

Impfung verhindert Ansteckung nicht und ist für Unter-5-Jährige noch nicht in Aussicht

Zabaneh ist frustriert: Nachdem der Impfstoffhersteller Pfizer nicht wie beabsichtigt die Zulassung für unter Fünfjährige eingereicht hat, sondern noch weitere Daten erheben will, kann es noch etliche Monate dauern, bis die Impfung für die Kleinkinder zugelassen ist. Viel Zeit, in der sich noch viele Kinder ohne den Schutz einer Impfung infizieren werden. „Bei den Schulkindern gibt es nun zum Glück die Möglichkeit, die Kinder impfen zu lassen. Bei Kleinkindern unter fünf haben die Eltern derzeit nur die Option, irgendwie an eine Off-Label-Impfung zu kommen. Dabei wissen wir aber nach wie vor nicht, mit welcher Dosis des Impfstoffes wir die Kleinkinder wirksam und ohne hohes Nebenwirkungsrisiko impfen können, weil wir die Daten schlicht und einfach nicht haben.“ Die Verantwortung bei einer Off-Label-Impfung werde wieder einmal ausschließlich den Eltern in die Schuhe geschoben.

Bei den Schulkindern gibt es ein anderes Problem: „Eltern sind immer wieder überrascht, wenn Kinder trotz Impfung Covid-19 mit nach Hause bringen. Bei Omikron ist das aber leider so.“ Denn bei dieser Virusvariante schützt die derzeit zugelassene mRNA-Impfung, vor allem bei jüngeren Kindern von fünf bis elf Jahren, kaum gegen eine Infektion. Eine aktuelle Untersuchung aus New York zeigt, dass der Schutz vor Übertragung bei fünf- bis elfjährigen Kindern vier bis fünf Wochen nach der Zweitimpfung nur mehr 12 Prozent beträgt (gegenüber 56% bei den Elf- bis 17-Jährigen). 

Viele Eltern werden unruhig

Diese Unsicherheit färbt auf die Eltern ab. „Öffentlich kommuniziert wurde ja immer, dass das Virus völlig harmlos für Kinder ist. Die Eltern, mit denen ich zu tun habe, zweifeln aber mittlerweile daran, dass das so stimmt.“ Viele kämen wegen einer FSME-Impfung in die Praxis, und dann bräche es aus ihnen heraus, dass sie eigentlich über Covid-19 reden wollen. „Ich kläre alle, die das wollen, darüber auf, was bereits bekannt ist. Die meisten Eltern sind danach erleichtert und dankbar, dass endlich einmal jemand Klartext mit ihnen spricht.“

Zabaneh ist überzeugt: „Aufklärung wirkt immer.“ Nur müssten dazu Kinderärzte auch die nötigen Informationen an die Hand bekommen: „Dass es etwa keine systematisch erhobenen Daten gibt, wie viele Kinder in Österreich bisher nach Covid-19 an MIS-C erkrankt sind und wie viele davon geimpft waren, ist eine Katastrophe. Seit zwei Jahren beschäftigt sich die ganze Welt mit Covid-19, und wir wissen immer noch so wenig.“

Die Maske schützt

Dass die Maskenpflicht in den Schulen aufgehoben wird, findet Zabaneh besonders falsch. „Dass das Infektionsgeschehen in den vergangenen Wochen lange auf einem gleichbleibenden Niveau verblieben ist, lag wohl zu einem großen Teil an den Masken. Wenn die jetzt wieder aufgehoben werden, wird es viel mehr Fälle bei den Kindern geben.“ Und die würden das Virus dann wieder in die Generation der Eltern und der Großeltern bringen, wobei die Boosterimpfungen Letzterer teilweise schon relativ lange zurückliegen.

Dass die Maske effektiv ist, weiß Zabaneh aus seiner eigenen Arbeit. „Ich habe seit Monaten jeden Tag mehrfach mit Covid-19-positiven Kindern und Erwachsenen zu tun. Ich habe mich dank FFP3-Maske noch nie angesteckt.“

Referenz
  1. Levy M et al. Multisystem Inflammatory Syndrome in Children by COVID-19 Vaccination Status of Adolescents in France. JAMA. 2022 Jan 18;327(3):281-283. doi: 10.1001/jama.2021.23262.


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