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COVID-19-Schutzimpfung

Appell Kinderimpfung: Über 100 Kinder mit MISC im Spital bis September

Impfung des Kindes mit Anti-Covid-19-Impfstoff

Das Nationale Impfgremium (NIG) verlor keine Zeit: Im Gleichklang mit der EMA gab das NIG Ende November grünes Licht für die COVID-19-Impfung für 5–11-Jährige. Nun sind auch die „orangen“ Kinder-Vials im Land, doch schon davor bekamen knapp 90.000 unter 12-Jährige die erste Dosis mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Über 100 Kinder mit Hyperinflammationssyndrom (MIS-C) mussten bis September 2021 ins Spital, begründete NIG-Mitglied PD Dr. Maria Paulke-Korinek, warum man hier „keine Sekunde“ gezögert habe. Dazu komme Long Covid, appelliert Kinderarzt Dr. Florian Götzinger, unterstützt von Bundesschulsprecherin Susanna Öllinger, selbst Betroffene. Plus: Warum jetzt auch die Grippe-Impfung besonders wichtig ist.

Neben dem Impfschutz für die Kinder gehe es auch um Normalität in den Kindergärten und Schulen sowie „mehr Lebendigkeit“, leitet Mag. Renée Gallo-Daniel, Präsidentin Österreichischer Verband der Impfstoffhersteller (ÖVIH) das virtuelle Pressegespräch am 14.12.2021 zu den Gründen für die Kinderimpfung ein. Schwere Verläufe einer Covid-Infektion seien bei Kindern zwar sehr selten, „aber dennoch kommen sie vor und enden in Einzelfälle auch tödlich“, berichtet Dr. Florian Götzinger, Kinderarzt und Kinderinfektiologe an der Klinik Ottakring – Wiener Gesundheitsverbund.

Nach einer SARS-CoV-2-Infektion könne es auch zu MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children) oder PIMS-TS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome temporally associated with SARS-CoV-2-infektion) kommen. Recherchen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) zufolge habe es „bis zum 31. März 2021“ in Österreich 51 Fälle dieses Hyperinflammationssyndroms gegeben, sagt Götzinger.

Damit dürften seit Ende Jänner, Februar und März keine neuen Fälle dazugekommen sein, da diese Zahlen bereits Ende Jänner von der ÖGKJ auf mehrmalige Anfrage der Redaktion im Rahmen einer Recherche-Kooperation genannt wurden: Von 51 Kindern (zuvor waren es 45) mit Diagnose MIS-C/PIMS-TS seien „zirka 21 Kinder“ auf einer Intensivstation behandelt worden, hieß es dann auch in einer am 31.01.2021 veröffentlichten Stellungnahme1.

MIS-C: Lebenslange Folgeschäden am Herzen möglich

Auch wenn das Hyperinflammationssyndrom „gut behandelbar“ sei, könne es Langzeitfolgen geben: „Bei manchen Kindern bilden sich Koronaraneurysmen“, erklärt Götzinger, „in diesem Fall kann es passieren, dass die Kinder lebenslang gerinnungshemmende Medikamente einnehmen müssen.“ Diese Befürchtung möglicher Folgeschäden der Koronarien äußerte Kinderärztin Univ.-Prof. Dr. Susanne Greber-Platzer, MBA, Leiterin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Wien, wie berichtet bereits Ende Juni 2020 beim 7. Rare Diseases Dialog der Pharmig Academy.

Mittlerweile wisse man außerdem, dass es Long Covid auch bei Kindern gebe, stellt Götzinger klar, auch wenn die genauen Prozentzahlen nicht bekannt seien. In der Diskussion später vermutet der Spitalskinderarzt auch eine hohe Dunkelziffer: Denn die Kinder, die derzeit in der Klinik Ottakring wegen Long Covid behandelt werden, kommen aus Familien mit hohem sozialen Status. Sie könnten sich eventuell „leichter Gehör“ verschaffen als Kinder aus Familien mit niedrigerem Einkommensstatus, in denen man Long Covid- Symptome wie z.B. Konzentrationsschwierigkeiten auf andere Ursachen zurückführe. Insgesamt betont Götzinger, dass angesichts hoher Infektionszahlen wie bei Delta und womöglich auch bei Omikron selbst bei relativ geringem Risiko für das einzelne Kind trotzdem viele betroffen sein können.

Long Covid: „Unglaublich viele Kinder“ durch hohe Infektionszahlen

Das unterstreicht auch Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des Referates für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer: „Selbst wenn wir uns bei den entsprechenden Studien im untersten Bereich orientieren, nämlich bei zwei oder drei Prozent Long-Covid-Fällen unter Kinder und Jugendlichen, sind das unglaublich viele Kinder, die langfristig darunter leiden müssen.“

Wie das ist, weiß Bundesschulsprecherin Susanna Öllinger. Sie hatte im März 2020 COVID-19 und spürt heute noch die Folgen wie Kurzatmigkeit, Asthma und Konzentrationsstörungen: „Vor Covid war ich gesund und sportlich.“ Das Virus sei „gefährlich auch für uns Kinder und Jugendliche“, betont Öllinger in einer sehr bewegenden Rede, in der sie auch die Angst so mancher Schülerinnen und Schüler ausspricht, mit dem Virus nachhause zu gehen und die Eltern oder Großeltern anzustecken.

Bundesschulsprecherin: Eltern einbinden

„Die Lösung dafür ist die Impfung“, sagt Öllinger, allerdings sei das ein Thema, das „spaltet“. Viele Gespräche wären nötig, mit Schülern, Lehrpersonen, Eltern, was „sehr belastend“ sei. Manche würden von ihren Eltern unter Druck gesetzt, weshalb sie vorschlägt, dass diese bei der Kinderimpfung eingebunden werden sollten, z.B. in Form von Elternabenden. Die Impfung sei der „einzige Weg“ in die Normalität, „Schulschließungen nur durch hohe Impfquote vermeidbar“. Die Bundesschulsprecherin appelliert zum Schluss auch noch an die Solidarität der noch ungeimpften Erwachsenen, sich impfen zu lassen. Denn die Jugend habe auch Solidarität bewiesen.

„Natürlich kommt es bei Kindern zu Infektionen“, bekräftigt auch Priv.-Doz. Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek, PhD, DTM, NIG-Mitglied und Leiterin der Abteilung für Impfwesen im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Neben der Infektion an sich sei auch das Gefühl, deswegen „abgesondert“ zu werden, für Kinder nicht einfach – da selbst Erwachsene damit zu kämpfen hätten.

SARS-CoV-2 mit Kinderviren vergleichen, nicht mit Erwachsenen-Covid

Und natürlich gebe es auch Long Covid bei Kindern. Was MIS-C betrifft, betont Paulke-Korinek, dass dieses auch nach asymptomatischen Infektionen auftreten kann (bei welchen Symptomen Eltern in Pandemie-Zeiten sofort reagieren sollten, selbst wenn keine Infektion bekannt war, lesen Sie hier, Anm. d. Red.). Bis September 2021 mussten wegen des Hyperinflammationssyndroms „über 100 Kinder“ im Spital aufgenommen werden. Besonders wichtig ist ihr daher, dass Covid bei Kindern nicht mit Covid bei Erwachsenen verglichen werden könne. SARS-CoV-2 müsse man mit Kinderviren wie z.B. Rotaviren oder Masernviren bzw. mit Krankheiten wie Keuchhusten, Meningokokken-Infektion vergleichen. Diese kämen viel seltener vor und dennoch werde dagegen geimpft.

Dass die COVID-19-Schutzimpfung gegen COVID-19 für Kinder Sinn mache, sei daher „keine Sekunde ein Thema“ im NIG gewesen, berichtet Paulke-Korinek, ganz besonders für Kinder mit Risikofaktoren und engen Kontakten zu Personen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Für die 5- bis 11-Jährigen werde nur ein Drittel des Impfstoffes von Erwachsenen eingesetzt: „Auch mit dieser Dosis konnte in den Zulassungsstudien gezeigt werden, dass die Impfung bei Kindern ab fünf Jahren eine vergleichbare Immunantwort wie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auslöst.“

Drei Tage schonen, eine Woche kein Sport

Sowohl in der Gruppe der 12- bis 15-Jährigen als auch in jener der 5-bis 11-Jährigen seien „bereits Millionen Kinder geimpft“ worden, „ohne Signal für Sicherheitsprobleme“, unterstreicht Paulke-Korinek. Wichtig sei, dass die Kinder beziehungsweise Jugendlichen nach der Impfung drei Tage körperlich schonen und eine Woche auf Sport verzichten.

Priv.-Doz. Dr. Monika Redlberger-Fritz, NIG-Mitglied und Leiterin des Nationalen Referenzlabors für die Erfassung und Überwachung von Influenza-Virusinfektionen, machte noch auf eine andere Gefahr für Kinder aufmerksam – die Grippeviren. Nachdem die letzte Influenza-Saison wegen der Corona-Schutzmaßnahmen ausgefallen ist, rechnet sie heuer mit einer umso stärkeren Welle. Es gebe auch schon eine „breite Aktivität“, vor allem in Russland, aber auch einigen anderen Ländern in Europa.

Gefahr Doppelinfektionen mit Corona & Grippe

In der Grippe-Saison 2019/20, vor Beginn der Corona-Pandemie, habe es in Europa mehr als 400 Intensivpatienten pro Woche gegeben, auch viele in der Altersgruppe der 0- bis 4-Jährigen. Letztes Jahr hingegen waren es nur wenige, während in der aktuellen Saison bisher bereits 41 Patienten wegen Influenza intensivpflichtig wurden. Das Problem mit zeitgleicher Zirkulation von Influenza und SARS-CoV-2: mögliche Doppelinfektionen. Bisher gebe es einzelne Fallberichte aus China zu Pandemiebeginn, mit „sehr schwerem“ Verlauf, warnt die Virologin, es habe sich ein höheres Risiko für einen Zytokinsturm gezeigt.

Mit zunehmender Reisetätigkeit und dem Ende des Lockdowns erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, dass auch Influenza-Viren nach Österreich eingeschleppt und verbreitet werden, appelliert sie, die Grippe-Impfung für Kinder in Anspruch zu nehmen. Denn: „Worst Case wäre eine Influenza-Epidemie gleichzeitig mit der COVID-19-Pandemie.“ Damit steige die Gefahr für Doppelinfektionen, die gute Nachricht sei, dass sich dieses Risiko sowohl durch eine Impfung gegen COVID-19 als auch gegen Influenza deutlich senken lasse. Beide Impfungen könnten zeitgleich verabreicht werden – wenn die Eltern wollen, könne man auch einen Abstand lassen, medizinisch notwendig sei er nicht.

Beim Pressegespräch kündigte Paulke-Korinek auf Nachfrage auch an, dass angesichts der Omikron-Variante die Empfehlung für den Booster bzw. die dritte Teilimpfung für 12- bis 18-Jährige bevorstehe (siehe auch unser Corona-Update). Freilich tauchte dann die Frage auf, ob zwei Teilimpfungen für 5- bis 11-jährige Kinder – also ohne Booster, der ja erst in einigen Monaten gegeben werden kann – auch gegen die Omikron-Variante helfe, sagt Redlberger-Fritz: „Das wissen wir noch nicht.“ Sie empfiehlt, trotzdem zu impfen, da der Booster deswegen als wirksam angesehen werde, weil er die Antikörper-Level wieder in „hohe Höhen“ bringe. Nach der zweiten Teilimpfung hätten die Kinder aber sowieso hohe Antikörper-Level.

Zu den wie angekündigt zu Wochenbeginn gelieferten Kinder-Formulierungen sagt Paulke-Korinek noch, dass diese genau einem Drittel der Erwachsenen-Dosis entspreche und nur leichter zu dosieren sei. Der einzige Unterschied sei eine andere Puffersubstanz, die den Impfstoff stabiler mache. Auf Nachfrage, warum die deutsche STIKO (Ständige Impfkommission) deutlich zurückhaltender bei Kinderimpfungen sei, meint Paulke-Korinek, „weil wir ganz brillante Kinderärzte haben“, die Zahlen zur Verfügung stellen würden.

In Niederösterreich die meisten unter 12-Jährigen geimpft

In Österreich sind einem ORF-Bericht (15.12.2021) zufolge bereits 88.440 Kinder zwischen fünf und elf Jahren mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer geimpft worden – off label, da ja die Kinder-Formulierung noch nicht verfügbar war. Seit der Empfehlung durch die EMA bzw. des NIG am 25. November ist sogar jede dritte Erstimpfung an Kindern unter zwölf Jahren verabreicht worden, nämlich 70.498 von 213.891 Erstimpfungen.

Die knapp 90.000 Impfungen entsprechen 8,6 Prozent der Kinder in dieser Altersgruppe (Stand 13.12.2021), heißt es in dem Bericht. Ein gültiges Impfzertifikat hätten aber erst 14.215 Kinder (zwei Teilimpfungen oder genesen und geimpft). Allerdings gebe es große Unterschiede zwischen den Bundesländern: Demnach ist im Osten Österreichs bereits mehr als ein Zehntel der unter 12-Jährigen zumindest einmal geimpft, geführt von Niederösterreich mit zwölf Prozent (Wien: elf Prozent, Burgenland: zehn Prozent). In Kärnten hingegen sind es nur fünf Prozent. In der Steiermark und in Vorarlberg haben sich sechs Prozent impfen lassen, in Salzburg sieben und in Tirol neun Prozent.

Am Mittwoch, 15.12.2021, sind bereits die Kinder-Vials (orangefarben) an die österreichischen Impfstraßen ausgeliefert worden. Insgesamt stehen laut Gesundheitsministerium 258.000 Dosen für Kinder bereit.

Referenzen:
  1. https://media.medonline.at/2021/04/Stellungnahme_OEGKJ_310121.pdf (ursprünglich auf https://www.paediatrie.at/covid)
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