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Kino-Dokumentarfilm „Mitgefühl“

Neue Modelle für die Pflege

In dem aktuellen Kino-Dokumentarfilm „Mitgefühl“ wird der Alltag in einem dänischen Pflegeheim für Menschen mit Demenz geschildert. Ein Gespräch mit Jana Bockholdt, Geschäftsführerin der Barmherzige Schwestern Pflege GmbH, über den Umgang mit Dementen, alternative Pflegemodelle und die Finanzierung der Pflege.

Eine Daunenfeder im Wind, nur noch von einem seidenen Faden festgehalten: dieses poetische Bild findet sich im Zentrum des Filmes „Mitgefühl“ (Originaltitel: „It is not over yet“), der ab 29. Oktober in die österreichischen Kinos kommt. Der dänische Dokumentarfilm schildert den Alltag in einem kleinen Pflegeheim namens Dagmarsminde, in dem zwölf hochbetagte Menschen mit Demenz leben. Betreut werden sie nach einer Behandlungsmethode, die von der Begründerin – der Krankenschwester May Bjerre Eiby – „Umsorgung“ genannt wird. Das Konzept beruht auf Zuwendung, Gesprächen, Berührungen, Gesang, Nähe zu Tieren und Erleben in der Natur.

Regisseurin Louise Detlefsen schildert mit Humor und Zärtlichkeit das Leben der demenzkranken Bewohner, die hier in einer Art Wohngemeinschaft am Lande zusammenleben. Sie verbringen die meiste Zeit des Tages im gemütlichen Gemeinschaftsraum, in dem ein Holzboden, Teppiche, Ledersofas, alte Lampen, Bücherregale und Kunst für Gemütlichkeit sorgen. Es wird gemeinsam gegessen, ab und zu gibt es ein Glas Portwein oder Sekt, wenn ein Hochzeitstag, der Geburtstag der Königin oder der Abschied von einem Mitbewohner zu feiern ist, Spaziergänge in der Natur sind eine willkommene Abwechslung. „Mitgefühl“ zeigt aber auch den Arbeitsalltag von Eiby und ihrem Team: die Besprechungen, in denen der Umgang mit einem schwierigen Bewohner abgesprochen wird oder die Pflegerinnen diskutieren, wie sie mit dem sich abzeichnenden Tod einer Bewohnerin umgehen.

Aus Anlass des Filmstarts von „Mitgefühl“ haben wir ein Gespräch mit Jana Bockholdt, Geschäftsführerin der Barmherzige Schwestern Pflege GmbH, den Pflegeeinrichtungen der Vinzenz Gruppe, geführt.

medonline: Was halten Sie von dem im Film gezeigten Pflegekonzept?

Bockholdt: Der Film zeigt sehr schön, dass es bei der Betreuung im Grunde um Zuwendung, um Beziehung und um die Ermöglichung eines ganz normalen Lebens geht. Der Film stellt die Frage: Wie schaffen wir es, dass sich der Mensch in einer Pflegeinrichtung wohlfühlt? Das Essenzielle dabei ist, ihn dort abzuholen, wo er steht.

Wäre ein derartiges Konzept in Österreich umsetzbar?

Nach einem Film wie diesem kommt immer ein Aufschrei. Aber es ist ja nicht so, dass es solche Modelle bei uns nicht gibt. Demenzwohngemeinschaften, Pflegeinrichtungen mit angeschlossenem Bauernhof – vieles davon findet ja bereits statt, auch in Österreich. Ob es sich nun um ein kleinteiliges Modell handelt oder um ein größeres Haus in dem es kleinere Wohngruppeneinheiten gibt, ist zweitrangig.

Wie nahe kommt die Betreuung in Ihren Häusern in Wien und Niederösterreich diesem Anspruch?

So wie die Menschen hier versorgt werden, sind wir schon recht nah an diesem Modell. Auch unser Ziel ist es, den Bewohnern Zugehörigkeit, Wärme und Nähe zu vermitteln, mit den Menschen in Beziehung zu gehen. Unser Haus hier in Wien zum Beispiel hat zwar insgesamt 99 Bewohnerbetten auf fünf Stockwerken, aber die 20 Menschen auf einem Stockwerk bilden jeweils eine kleine Gemeinschaft. Auch bei uns gibt es Heurigennachmittage oder italienische Nachmittage, also Veranstaltungen, die die Menschen mit ihrem Leben verbinden. Wir sind die Gäste im Zuhause unserer Bewohner, die alle bei uns ihren Hauptwohnsitz haben und das Familiäre ist uns sehr wichtig. Kürzlich ist einer unserer Mitarbeiter verstorben. Da haben wir mit den Bewohnern eine Abschiedsfeier gemacht.

Wie viel Natur können Sie ihren Bewohnern bieten?

Wir haben im Haus St. Katharina in Wien einen schönen Garten, aber der ist natürlich nicht vergleichbar mit der Umgebung am Land. Man muss aber schon darauf eingehen, woher der Mensch kommt und wie er sozialisiert ist. Für einen Wiener, der den größten Teil seines Lebens in der Stadt verbracht hat, bedeutet Lebensqualität etwas anderes als für jemanden, der sein Leben auf einem Bauernhof gelebt hat. Für den einen ist die Teilnahme am städtischen Kulturleben essenziell, für den anderen die Nähe zur Natur. In unserem Haus St. Louise in Maria Anzbach fühlen wir uns als Teil der Dorfgemeinschaft, da kommt die Feuerwehr mit dem Auto vorbei, singt der Kirchenchor spontan im Garten, wir haben einen Gartenclub, kochen Marmelade aus selbst gezogenem Obst und fahren mit der e-Bike-Rikscha auch einmal auf den Fußballplatz. Herauszufinden, was einem Menschen mit Demenz wichtig ist, gehört zur Biographiearbeit.

Was ist Biographiearbeit?

Bei der Betreuung von Menschen mit Demenz geht es um eine ganz intensive Auseinandersetzung mit den Themen: Wer bin ich? Woher komme ich? Man muss auch die aktuelle Phase der Demenz einschätzen, denn davon hängt ab, wie man den Menschen erreicht: über Worte, Blicke, Berührungen oder Gerüche. Genau das versuchen wir hier zu leben. Von außen hat es oft den Anschein, als wäre das alles sehr spielerisch. Aber dahinter steckt natürlich sehr viel Fachkompetenz. Dazu gehören auch regelmäßige Feedback- oder Befindlichkeitsrunden, bei denen ein intensiver Austausch der Mitarbeiter über die einzelnen Bewohner stattfindet: Wo genau befindet er sich heute? Was braucht er heute? Wie und auf wen hat er reagiert? Das gibt es bei uns genauso wie in der Einrichtung in Dänemark. Das ist nichts, was neu ist. Aber das ist natürlich sehr personalintensiv. Wenn ein Mensch mit Demenz neu einzieht, braucht er am Anfang fast eine Eins-zu-eins-Betreuung, damit er einmal ankommt und seine Angst verliert, alleine gelassen zu werden.

Ist diese personalintensive Art der Betreuung angesichts der demographischen Entwicklung à la longue finanzierbar?

In Österreich gehen fast acht Milliarden Euro in die Pflege und in die mobile Betreuung, davon trägt 4,7 Milliarden Euro die öffentliche Hand. Das ist schon viel Geld. Aber in Österreich fehlt das Bewusstsein, dass Pflege auch Geld kostet – nicht nur bei der Politik, sondern in der gesamten Bevölkerung. Außerdem stimmt die Balance zwischen den derzeit angebotenen Modellen nicht: Ein Mensch, der in ein Pflegeheim einzieht bezahlt dafür 80 Prozent seiner Pension und sein Pflegegeld, aber nichts von seinem Vermögen und auch die Angehörigen müssen nichts bezahlen. Eine 24-Stunden-Betreuung hingegen, die 2,500 Euro kostet, muss zu etwa 80 Prozent aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Das kann sich nicht jeder leisten.

Meinen Sie, dass die Menschen für Pflege mehr selbst bezahlen sollten?

Österreich ist ein Wohlfahrtsstaat, von dem alles zum Nulltarif erwartet wird. Ich bin der Meinung, dass sich jeder jedes Angebot leisten können muss; es stellt sich aber die Frage, ob nicht die eigene Vorsorge eine größere Rolle spielen sollte. Aber da geht es nicht nur um finanzielle Dinge, sondern auch um Demenzprävention. Es ist bekannt, dass Menschen die körperlich und geistig aktiv bleiben, ein deutlich geringeres Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Was ist der Mensch gewillt, in seine psychische Gesundheit zu investieren? Auch Begegnung, soziale Interaktion und eine Aufgabe, die dem Leben Sinn verleiht, gehören zur Demenzprävention. Ehrenamtliche sinnerfüllte Arbeit spielt hier auch eine wichtige Rolle.

Bräuchte es neben den Pflegeheimen und der 24-Stunden-Betreuung nicht auch weitere Modelle?

Ja, es muss auch deutlich mehr Modelle geben, die zwischen mobilen Diensten und Pflegeeinrichtung liegen, etwa niederschwellige Wohngemeinschaften und betreute Wohnformen. Es braucht individuelle regionale Lösungsansätze. In den nordischen Ländern, in Holland oder in Großstädten wie Berlin gibt es viele Menschen, die in der Nachfolge der 1968er-Bewegung in Wohngemeinschaften gelebt haben. Für die ist das nichts Neues. Der Österreicher hingegen ist eher (noch) kein Wohngemeinschaftsmensch. Was in Dänemark vielleicht gut funktioniert, muss nicht auch in Österreich funktionieren. Außerdem muss jede zusätzliche Betreuungsform, die geschaffen wird, auch leistbar und organisierbar sein.

Jana Bockholdt MAS

Jana Bockholdt, Geschäftsführerin Barmherzige Schwestern Pflege GmbH, bhs.or.at.

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