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COVID-19

Kinder „Im Zentrum“ oder lässt sie die Politik im Stich?

Porträt eines Professors in einem leeren Klassenzimmer mit Gesichtsmaske

Es war eine hitzige Debatte in der ORF-Sendung „Im Zentrum“: Schulsprecher Mati Randow konfrontierte Generalsekretär Mag. Martin Netzer vom ÖVP-geführten Bildungsministerium mit dem Wiener „Wutbrief“, Stichwort teils chaotischer Schulstart und fehlender Schutz. Ärztin und SPÖ-Vorsitzende Dr. Pamela Rendi-Wagner sowie Mikrobiologe Prof. Dr.Dr. hc Michael Wagner sprangen dem schneidigen Burschen bei und sorgten vor allem für die medizinischen Faktenchecks. Gesundheitspsychologin Mag. Judith Raunig sieht nicht das Virus für die psychosozialen Kollateralschäden verantwortlich.

710 Klassen mit 17.000 Schülern mussten seit Schulbeginn in Quarantäne – zu viele für die Regierung, weshalb sie die Regeln lockerte, hieß es im Vorspann der Diskussionsrunde „Im Zentrum: Kinder in der Pandemie – Von der Politik im Stich gelassen?“ am 19.09.2021. Nur noch Banknachbarn und enge Kontakte müssten künftig in Quarantäne, was der Virologin Univ.-Prof. Dr. Dorothee von Laer zu wenig ist – da ja „die ganze Klasse“ infiziert sei, nicht nur die Tischnachbarn – und der Wissenschaftler Wagner „fast als intellektuelle Beleidigung“ empfindet.

Doch der Reihe nach: Mati Randow – zu Pandemiebeginn Sechstklässler, nun angehender Maturant – kritisiert eingangs wie im „Wutbrief“, dass die Politik schon zum zweiten Mal den Sommer „verschlafen“ habe. Sie solle endlich Verantwortung für die Schüler übernehmen, „indem sie uns schützt, indem man gerade unter Zwölfjährige schützt“, fordert der Schulsprecher der AHS Rahlgasse, Wien, freut sich aber dezidiert, dass „mal mit uns geredet wird und nicht über uns“.

Netzer: „Verzwölffachung der PCR-Tests auf 70.000 pro Tag“

Moderatorin Claudia Reiterer greift den Schlafvergleich auf und erinnert ihrerseits an die „Après-Ski“-Regeln, die schon zehn Wochen vor Beginn der Schisaison ausgetüftelt worden waren. Der Generalsekretär widersprach dem Sommerschlaf „vehement“ – im Gegenteil. Er verweist u.a. (neben Luftreinigungsgeräten, niederschwelligen Impfprogrammen) auf das „ambitionierte Testprogramm“, das kein anderes Land in Europa habe, im Mai hätten die Ausschreibungen begonnen: „Bis zu 2,5 Millionen Antigen-Schnelltests pro Woche, bis zu 1,1 Millionen PCR-Tests pro Woche fallen nicht vom Himmel.“ Das sei eine Verzwölffachung der PCR-Tests, auf 70.000 pro Tag im Schnitt. Auch für die Logistik habe es Ausschreibungen gebraucht, um 6.000 Schulen wirklich bedienen zu können.

Der „springende Punkt“ sei aber, dass 14 Tage vor Schulbeginn im Osten klargestellt wurde, wie das Schuljahr laufen werde, setzte Netzer einen Seitenhieb wegen der unterschiedlichen Maskenregeln im Handel, „wer trägt welche Maske“, gegen die außerschulische Politik. Die Testungen und das Präventionskonzept könne man mit einem Sicherheitsgurt im Auto vergleichen. „Was wir nicht können: das steuern, was von außen reinkommt“, betont Netzer den riesigen Anstieg der Inzidenzen bei den Jugendlichen bereits drei Wochen vor Schulbeginn, darauf hätte man reagiert, aber „die Pandemie, das Virus lässt sich nicht planen“.

Rendi-Wagner: Niedrige Durchimpfungsrate als Herausforderung

Randow sieht damit ein weiteres Abschieben auf die Jugendlichen. Hilfe bekommt er von Rendi-Wagner, denn „die Entwicklung der letzten Wochen in Österreich ist ja keine überraschende“. Bereits vor dem Sommer habe man gewusst, dass der Herbst eine Herausforderung wird. Als Grund nennt die Infektiologin und Vakzinologin die „viel zu niedrige“ Durchimpfungsrate in der Bevölkerung und vermisst mit diesem Wissen einen rechtzeitigen, klaren Plan für sichere Schulen.

Lehrer, Schüler, Eltern fühlten sich mehr oder weniger alleingelassen, berichtet die Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern von einer „Flut, zum Teil wirklich verwirrender Informationen“. Als dramatische Entwicklung und „Management by Chaos“ bezeichnet Rendi-Wagner, dass 7.500 Eltern ihre Kinder abgemeldet haben. Von den am 4. August präsentierten vier Punkten seien die meisten bis heute nicht umgesetzt, „zumindest nicht gänzlich“.

Netzer verteidigt sich, er schiebe keine Verantwortung an Jugendliche ab, man dürfe nicht mit den Fingern aufeinander zeigen, „aus dieser Kiste müssen wir raus“. Was die Impfquote betrifft, sei die Corona-Kommission Ende August „baß erstaunt“ gewesen, dass selbst das pessimistische Prognose-Szenario noch besser war als die Realität.

Wagner: Maßnahmen reichen nicht, um „Durchseuchung“ zu verhindern

Wagner nennt das Kind beim Namen: die Maßnahmen reichen nicht aus, um eine „Durchseuchung“ zu verhindern. Er erinnert Netzer – der das natürlich wisse – an das von der Wissenschaft im Frühjahr entwickelte und an das Bildungsministerium übermittelte Konzept für sichere Schulen. Der wichtigste Eckpunkt der Future Operations Plattform: dreimal wöchentlich PCR testen, damit bräuchte man auch keine Quarantäne, weil man Infektionsfälle durch die viel höhere Sensitivität der PCR viel früher erkenne und Infektionsketten früh durchbreche. Nun werde nur einmal PCR getestet, in Wien zweimal.

Jetzt habe man daher das „rechtzeitig“ vorhergesagte „Quarantäne-Problem“ – und lockere, was er gar nicht verstehen könne: Wenn man Kinder schützen möchte und keine „kontrollierte Durchseuchung“ haben wolle, dann müsse man die Maßnahmen bei steigenden Zahlen – und zwar gekoppelt an die altersgruppenspezifische Inzidenz – anziehen. Die Kinder würden sich ja mischen, erzählt der Vater zweier Volksschulkinder, „sie gehen zur Tafel, zur Toilette, beim Werken sitzen sie woanders, im Sport mischt es sich sowieso“, hier bei einer aerosolübertragenden Erkrankung zu lockern, sei „Hardcore-Pragmatismus“.

Was laut Wagner ein wenig untergegangen ist: Zur Gesamt-Inzidenz sei jetzt auch noch die Koppelung der Maßnahmen an die Belegung der Intensivstationen dazugekommen. „Und all das lässt natürlich irgendwo die Vermutung entstehen, dass es da gar nicht so um den Schutz der Kinder geht, sondern eher um das Gesamtsystem und die Erwachsenen.“ Man müsse aber Kinder schützen, denn für die sei es „keine harmlose Erkrankung“. Bevor Reiterer Gesundheitspsychologin Raunig das Wort erteilt, blendet die Moderatorin nochmals eine Grafik ein, die eindrücklich den Unterschied zwischen der Gesamt-Inzidenz und den altersgruppenspezifischen Zahlen sowie den Zusammenhang mit der Impfquote zeigt: Demnach ist die 7-Tages-Inzidenz bei den 5–14-Jährigen auf 345 geklettert (Impfquote unter fünf Prozent), während die Inzidenz bei den 45-54-Jährigen 135 beträgt (fast 70 Prozent geimpft).

Raunig: „Man verliert sich selbst, ohne es zu merken“

Raunig, die von Massentests eher wenig halte, habe hingegen den Eindruck, „dass seit eineinhalb Jahren im Prinzip alles dieser rein virologischen Sicherheit untergeordnet wird und dass das psychosoziale Thema quasi nicht existiert“. Es gebe jetzt schon „ganz, ganz dramatische Zustände“. Die Politik habe Angst und Panik geschürt, die Maßnahmen seien weder wissensbasiert noch verhältnismäßig gewesen. „Das Schlimmste“ sei, man habe Bindungen weggenommen, „Kinder haben ihre Bezugspersonen nicht mehr sehen dürfen, ihre Großeltern nicht mehr sehen dürfen“.

Die Gesundheitspsychologin zitiert dann aus der Manuel-Schabus-Studie. Demnach geht es über 70 Prozent der Kinder schlechter als vor der Pandemie, 40 Prozent haben Schlafprobleme – eine Verdoppelung –, 42 Prozent der Kinder sagen, „Corona macht mir Angst“. 75 Prozent machen weniger Sport, 85 Prozent verbringen mehr Zeit mit Bildschirmen. Das sei höchst alarmierend. Es gebe „extrem viele Kinder, die sich massiv fürchten vor dem Virus und dann natürlich Symptome entwickeln“, sagt Raunig und liest noch aus der „Jetzt sprichst du“-Studie vor. „Man verliert sich selbst, ohne es zu merken“, berichtet ein 15-Jähriger, der durch die Maßnahmen und Lockdowns Freunde verloren hat.

Randow: Recht der Kinder auf Gesundheit „teilweise“ gebrochen

Dass es Jugendlichen in der Pandemie nicht gutgehe, „das ist jetzt nichts Erstaunliches“, bestätigt Randow. Seine Frage: „Was ist die Alternative?“ Fast alle Wissenschaftler – „da gehören Sie zur Ausnahme“ – seien sich einig, „dass wir ein gefährliches Virus haben“. Der Schulsprecher zitiert seinerseits aus dem Artikel 24 der UN-Kinderrechtskonvention, die man jetzt „eh teilweise“ breche, nämlich das Recht jedes Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit.

Bevor Netzer auf Wunsch nochmals den Stufenplan der Schule erläutert, interpretiert er die Aussagen von Wagner und Raunig als nicht zu lösendes Dilemma – widerspricht sich aber dabei. Auf der einen Seite mache „Herr Wagner die Ansage“, es dürfe keine Lockerung geben, Kinder müssten in Quarantäne. Dieser korrigiert ihn umgehend, dass er gesagt habe, mit dreimal PCR testen bräuchte man ja gar keine Quarantäne – worauf Netzer jedoch nicht eingeht. Auf der anderen Seite, fährt Netzer fort, gebe es, „von Frau Raunig sehr stark eingebracht“, das Recht auf Bildung.

Doch die Schule sei kein Glassturz, alle wollen, dass die Kinder in die Schule gehen und gleichzeitig, „dass sich kein Kind ansteckt“. Diese Gegensätze ließen sich so nicht auflösen: „Wir können nur versuchen reaktiv zu bleiben.“ Und das werde mit dem Drei-Stufen-Plan gemacht. Zur Kritik an der Gesamt-Inzidenz und der Orientierung an der ICU-Betten-Belegung sagt Netzer: „Die altersspezifische Inzidenz ist ein Verbreitungsrisiko.“

Netzer: Wegen der Schüler „gehen die Spitäler nicht über“

Man wisse aber – und das sage er jetzt „in aller Brutalität: Im letzten Schuljahr hätten wir kein einziges Mal eine Schule, eine Klasse schließen müssen, nur wegen der Schülerinnen und Schüler, wegen der Erkrankungen, sondern wir haben es getan für dir älteren Menschen, weil die in der Intensivstation gelandet sind“. Die jüngeren Menschen würden weniger stark erkranken, „landen weniger häufig im Spital und schon gar nicht im intensivmedizinischen Bereich“. Wegen der Schüler „gehen die Spitäler nicht über und wir hätten den Schülern die Schulschließungen sparen können“.

Rendi-Wagner wirft ein, dass sich niemand mit dem Stufenplan auskenne – „und wir sind in der dritten Schulwoche“ – und man sich daher nicht wundern dürfe, wenn sich die Schulabmeldungen verdreifacht hätten. Auf die Frage der Moderatorin, welche klaren Regeln es brauche, bleibt Rendi-Wagner jedoch konkrete Antworten schuldig. Allgemein brauche es klare, nachvollziehbare Regeln, „die sich nicht ändern nach Stufen“. Sie kritisiert den Stufenplan für die Schule als auch für die Gesamtbevölkerung als „viel zu zögerlich“. Die Stufen kämen zu spät, „nämlich während die Bundesregierung irgendwo auf Stufe zwei ist, ist das Virus längst im vierten Stock, um es jetzt bildlich darzustellen“.

Wagner: Long Covid „völlig ausgeblendet“ und MIS-C unterschätzt

Wagner wollte die Grundannahme, die Schulen hätte man wegen der Kinder nicht schließen müssen, „wenn wir nicht die Alten hätten schützen müssen“, nicht stehen lassen: „Was man da völlig ausblendet, ist Long Covid“. Das sei im einstelligen Prozentbereich bei Kindern und Jugendlichen und man sehe durch bildgebende Verfahren Veränderungen im Gehirn bei Kindern wie bei Erwachsenen. „Das ist nicht ein bisschen hüsteln“, fährt er fort, manche hätten Symptome wie etwa „brain fog“ über zwölf Wochen lang. „Ich kenne auch persönlich Kinder, die nicht mehr in die Schule gehen können deswegen“, bezeichnet Wagner Long Covid als „ernstzunehmende Erkrankung“, die einfach ignoriert werde.

Zudem seien in Österreich 60 Kinder bislang an MIS-C erkrankt, hätten ihm Kinderärzte erzählt, eine schweres Multi-Entzündungssyndrom, oft intensivpflichtig, betont Wagner. Das MIS-C-Risiko betrage in etwa 1:4.000–5.000 Kinder. Zudem hätten in Österreich mehr als 600 Kinder einen Erziehungsberechtigten durch Covid verloren. Die von Raunig angesprochenen Bindungen könne man aber „nur zu lebenden Menschen“ haben, sagt er in Richtung der Gesundheitspsychologin.

Der letzte Teil war dann ein Hin und Her des Zitierens von Studien, wie hoch und wie häufig Kinder von Covid und Long Covid betroffen und wie viele Kinder gestorben seien, mit oder ohne Vorerkrankungen, ferner eine Diskussion über Impfpflicht für Lehrer, über Schuld(gefühle) und Nicht-Schuld sowie die Angst vor Corona-Erkrankungen und Todesfällen. Fazit: Übrig blieben auch nach eineinhalb Jahren Pandemie und dieser Diskussion folgende zwei Seiten: Das Virus sei gefährlich, aber nicht so gefährlich für Kinder wie für Erwachsene (diese Klarstellung war Netzer wichtig), daher müssten sich vorrangig die Erwachsenen impfen lassen, um die Kinder zu schützen. Die andere Seite: Das Virus ist auch für Kinder gefährlich, daher muss man sie so wie die Erwachsenen davor schützen, bis sie sich impfen lassen können.

Zum Schluss gab es einen unangenehmen Paukenschlag: Netzer kritisierte Randow, dass dieser ihm über die „Kronen Zeitung“ ausrichten ließ, es komme „nur so irgendein Beamter“. Doch Bildungsminister Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann hatte eine gute Entschuldigung. Er sei auf einem „wichtigen Forscher-Kongress in den USA“, was schon lange geplant gewesen sei. Und er, Netzer, nehme „diese Arroganz mit, dass Ihnen der Generalsekretär zu wenig ist, mir ist auch jeder einzelne Schulsprecher von einer einzelnen Schule ein wichtiger Diskussionspartner“.

Was untergegangen ist: Auch Rendi-Wagner hatte in der Diskussion kritisiert, dass nur der Generalsekretär gekommen ist – eine Kopfwäsche blieb ihr aber erspart.

Neues Factsheet zur Intensivpflege und Covid: 96 Kids intensivpflichtig

Zu den Intensivstationen hat das Gesundheitsministerium eine aktuelle Statistik* veröffentlicht: Demnach waren seit Pandemiebeginn bis 31. Juli 2021 (nicht bis 30. August 2021 = Datenstand weiterer Zahlen des Factsheets, Anm. der Red.), insgesamt 96 Kinder und Jugendliche (0–19) wegen COVID-19 intensivpflichtig, davon 46 Kinder unter zehn Jahre. Vier Kinder sind auf der Intensivstation verstorben, eines davon war unter zehn Jahre alt.

*https://www.sozialministerium.at/dam/jcr:f472e977-e1bf-415f-95e1-35a1b53e608d/Factsheet_Coronavirus_Hospitalisierungen.pdf (August 2021) via https://www.sozialministerium.at/Informationen-zum-Coronavirus/Coronavirus—Fachinformationen.html

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