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21. Interdisziplinärer Kongress für Suchtmedizin

E-Sport – eine als Berufsbild verpackte Sucht?

Team von professionellen eSport-Gamern, die in einem kompetitiven MMORPG/Strategie-Videospiel auf einem Cyber-Games-Turnier spielen. Sie sprechen miteinander in Mikrofone. Arena sieht cool aus mit Neonlichtern.

Erfolgreiche E-Sportler sind gefeierte Stars, die körperliche Höchstleistungen vollbringen. Doch wie steht es um das Suchtpotenzial des professionellen Gamings?

2019 wurde in Deutschland bei 1,2 Prozent aller Personen in der ambulanten Suchthilfe die Hauptdiagnose Computerspielabhängigkeit gestellt. Problematisch ist nicht nur, dass die Zahl der Betroffenen stark steigt, sondern dass Menschen mit exzessiver Mediennutzung unter allen Süchtigen das am meisten belastete Störungsbild zeigen.

Sieben Tage pro Woche, täglich neun bis zehn Stunden zu gamen – sind damit nicht alle Voraussetzungen für die ICD-11-Diagnose einer Onlinespielsucht erfüllt? Im Falle von E-Sportlern rät Prof. Dr. Pawel Sleczka, Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport, Ismaning bei München, zu einer etwas differenzierteren Betrachtungsweise. Wenn man professionelles Gaming als Karriere betrachtet, fällt zum Beispiel die Vernachlässigung von Hobbys als diagnostisches Kriterium weg: „Wer von uns vernachlässigt nicht seine Hobbys wegen seiner Arbeit?“ Dass man von E-Sport leben kann, beweisen weltweit mehrere Tausend Spieler, die im Schnitt 40.000 Dollar pro Jahr verdienen. E-Sport ist längst ein Riesengeschäft –, oder um es in Abwandlung eines alten Sponti-Spruchs zu sagen: Eine Milliarde Zuschauer (so viele gab es 2021 bei E-Sport-Events) können nicht irren!

„90 Prozent sind Männer und das Durchschnittsalter beträgt 22 Jahre“, so Sleczka, der sich in zahlreichen Studien mit dem Thema E-Sport beschäftigt hat. So wie in anderen Sportarten sind die Anforderungen hoch und die Karriere ist kurz. „Im Schnitt ist es mit 25 schon wieder vorbei.“ Durchaus bemerkenswert: Die meisten hören auf zu gamen, sobald sie ihre Karriere beendet haben.

Warum entscheiden sich einige Spieler, das gemütliche Spiel zu Hause gegen den stressigen Wettbewerb zu tauschen, der ein tägliches Training erfordert? Fragt man E-Sportler, dann steht am Anfang meist die intrinsische Motivation im Vordergrund: Es geht vor allem um den Spaß am Spielen. Positiv erlebt werden aber auch das Wahrnehmen der eigenen Expertise, die Steigerung des Selbstwerts und die soziale Anerkennung. Im Laufe der Zeit wird die Motivation jedoch immer mehr extrinsisch. Der finanzielle Aspekt wird wichtiger und nicht zuletzt sorgt sozialer Druck (z.B. durch Teamkollegen) dafür, dass der Spieler bei der Stange gehalten wird.

Gesundheitliche, soziale und psychologische Folgen

Dass die körperliche Gesundheit durch E-Sport überwiegend negativ beeinflusst wird, ist nicht überraschend. Obwohl die Mehrzahl der E-Sportler im Real Life Sport für die Steigerung der Spielperformance als wichtig erachtet, lässt der Durchschnitts-BMI von 26kg/m2 erahnen, dass hier oft der Wunsch Vater des Gedankens ist. Typische Beschwerden von E-Sportlern sind andauernde Müdigkeit, Nacken-, Rücken- und Handgelenksschmerzen sowie Schlafprobleme.

Hinsichtlich sozialer Folgen zeigen die Forschungsergebnisse ein differenzierteres Bild: „E-Sport steigert das Wohlbefinden und die Zufriedenheit mit dem sozialen Umfeld, senkt wahrgenommene Einsamkeit und soziale Ängstlichkeit und verbessert die Teamfähigkeit“, zitiert Sleczka aus der Literatur. Zu den negativen Auswirkungen zählt das sogenannte toxische Verhalten: Flaming (verbale Aggressivität), Griefing (anderen durch eigene Handlungen oder Aussagen den Spaß verderben), Cyber-Mobbing (oft mit dem Ziel, die Spielperformance des Gegners zu schwächen) und sexistische oder sexuelle Belästigungen gehören für viele zum Alltag.

Die psychologischen Auswirkungen beurteilt der Experte hingegen weitgehend als positiv: Ob räumliches Vorstellungsvermögen, motorische Fähigkeiten, Hand-Auge-Koordination, Reaktionszeiten, Mustererkennung, Aufmerksamkeitswechsel, Kurzzeitgedächtnis oder strategisches Denken – in fast allen kognitiven Bereichen verbessert E-Sport die Leistungen. „Für eine spätere berufliche Tätigkeit ist das sicher von Vorteil!“

Protektiv oder suchtfördernd?

Einige Forscher sind der Meinung, dass E-Sport nicht die Spitze der Suchtpyramide ist, sondern sogar vor Suchtproblemen schützt. Argumentiert wird damit, dass E-Sport ein hohes Maß an Selbstdisziplin und hohes kognitives Leistungsniveau erfordert, zudem auch überwiegend extrinsisch motiviert sei. Eine größere Studie zu diesem Thema konnte diese Hypothese allerdings nicht bestätigen.

Die Diskussion, ob E-Sport ein Sport sei oder nicht, ist allerdings längst gelaufen. 2022 werden bei den Asienspielen erstmals auch Medaillen für E-Sportler vergeben und das Internationale Olympische Komitee hat den Zeitgeist ebenfalls erkannt: 2024 wird E-Sport bei den Olympischen Sommerspielen in Paris als Demonstrationsveranstaltung ganz offiziell in die große Gemeinschaft des Sports eingebunden.

E-Sport: Motive der Spielteilnahme sowie Chancen und Risiken des regulierten Spiels“, 21. Interdisziplinärer Kongress für Suchtmedizin, München, 2.7.21

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