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Sommer-Interview

PHC-Pionier Mückstein: „Wichtig, das Konzept der multiprofessionellen Teams auszubauen“

Eigentlich wäre er gern zu 80 Prozent Sozialminister und zu 20 Prozent Gesundheitsminister – doch derzeit sei es umgekehrt, sehnt sich Bundesminister Dr. Wolfgang Mückstein (Grüne) in unserem Sommer-Interview danach, „drängende sozialpolitische Probleme“ wie Kinderarmut und Wohnlosigkeit zu lösen. Ebenso steckt dahinter der Wunsch nach einem Ende der Corona-Pandemie. Der Pionier der Primärversorgungseinrichtungen (PHC Mariahilf in Wien), dem das Arbeiten im multiprofessionellen Team im Blut liegt, peilt neben COVID-19-freien Intensivstationen auch niedrige Infektionszahlen an, wegen der „heimtückischen“ Long Covid-Erkrankung – und richtet gleich einen Impfappell an die (jungen) Leser.

medonline: Am 19.4.2021 wurden Sie als Sozial- und Gesundheitsminister angelobt, welche Bilanz ziehen Sie nach 120 Tagen im Amt? Vermissen Sie Ihr PHC Mariahilf schon?

Wolfgang Mückstein: Es ist ein rasantes Geschäft mit täglich neuen Herausforderungen. Weitreichende Entscheidungen müssen oft rasch getroffen werden – hier sehe ich eine Parallele zum Arztberuf. Ich habe mir tatsächlich viele Prozesse einfacher und viele Wege kürzer vorgestellt. Mir ging es so wie wohl vielen BürgerInnen: Die Annahme war, dass ein Gesundheitsminister in einer Pandemiesituation eine Verordnung unterschreibt und dann gilt das. Mit Amtsantritt habe ich erst herausgefunden, wie viel Verhandlungen es dafür braucht und wie viele Kompromisse oftmals dahinterstecken. Alle Maßnahmen, die verordnet werden, sind immer eine Regierungsentscheidung.

Überrascht hat mich auch, welche Widerstände oft gegen Maßnahmen kommen, die einem zur Bekämpfung der Corona-Krise – die können Sie aber auch leicht gegen die Klimakrise tauschen – logisch erscheinen. Da ist man oft konfrontiert mit Interessensgruppen, die diverse Wünsche einmelden, und mit altem, starrem Denken.

Wie gestaltet sich bisher die Zusammenarbeit mit dem VP-Koalitionspartner im Bund, aber auch mit den Gesundheits- und Landesräten in den Ländern?

Mückstein: Wir arbeiten mit dem Koalitionspartner gut und professionell zusammen – vor allem bringen wir in dieser Regierung trotz der größten Gesundheitskrise seit 100 Jahren viel weiter. Wir haben im Windschatten der Pandemie etwa viel Beachtliches zustande gebracht und parallel dafür gesorgt, dass soziale Folgen der Pandemie bestmöglich abgefedert werden. Darauf können wir stolz sein. Ich kann nur für meinen Bereich sprechen, hier funktioniert die Abstimmung gut.

Auch die Zusammenarbeit mit den Ländern würde ich als gut und konstruktiv bewerten. Es finden regelmäßige Treffen auf Regierungsebene sowie mit den Bundesländern statt und ich habe stets betont, dass ich jederzeit erreichbar bin.

Der Herbst beginnt in Kürze: Welche Herausforderungen stehen uns da bevor?

Mückstein: Unser oberstes Ziel muss es sein, die Durchimpfungsrate Schritt für Schritt zu erhöhen. Denn die Impfung schützt nicht nur uns selbst und andere, sie ist auch unser einziger Weg aus der Pandemie. Eben die hat unser Gesundheitssystem – an sich eines der besten der Welt – in den vergangenen eineinhalb Jahren einem Reality Check unterzogen und genau hier möchte ich jetzt ansetzen. Wir müssen Lehren ziehen aus der Pandemie und die Folgen der Krise aufarbeiten. Großes Ziel in meiner Amtszeit ist es daher, einen Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem einzuleiten – hin zu mehr Prävention und weg von Reparaturmedizin. Die Österreicherinnen und Österreicher haben eine vergleichsweise hohe Lebenserwartung. Geht es jedoch um die Anzahl der gesunden und beschwerdefreien Jahre, schneiden wir im europäischen Vergleich nicht gut ab. Die Gründe dafür liegen auch im Gesundheitssystem. Mein Ziel ist es, allen Menschen in Österreich ein langes, gesundes Leben zu ermöglichen. Da kommt es nicht nur auf eine gute medizinische Versorgung an, wir müssen den Menschen in seiner Gesamtheit sehen und auch Aspekte wie Überlastung oder Einsamkeit berücksichtigen. Daher möchte ich das System der Gesundheitsförderung auf völlig neue Beine stellen. Unter dem Titel „Gesundheitsförderung 21+“ habe ich soeben einen umfassenden Prozess dazu gestartet. In einem ersten Schritt stellen wir sechs Millionen Euro für konkrete Projekte zur Verfügung. Das ist gut investiertes Geld. Denn jeder Euro in der Gesundheitsförderung und Prävention entlastet später die „Reparaturmedizin“.

Apropos Corona: Die Zahlen steigen stark an (18. August: 1.221 Neuinfektionen / 59 auf Intensivstation, vor einer Woche: 902 / 48). Ihr Vorgänger, Rudolf Anschober, hat in seiner Abschiedsrede gesagt, das oberste Ziel sei nicht, schwere Krankheitsverläufe und die Überlastungen der Intensivstationen zu verhindern, sondern generell Infektionen zu verhindern – auch wegen Long Covid. Ist das auch Ihr oberstes Ziel?

Mückstein: Eines unserer wichtigsten Ziele ist es – das habe ich immer betont – die Intensivstationen frei zu halten. Niemand soll in Österreich in die Situation kommen, dass er oder sie einen Autounfall hat und nicht auf der Intensivstation behandelt werden kann, wenn nötig. Das gilt es zu vermeiden. Darüber hinaus ist es aus vielerlei Gründen trotzdem wichtig, die Infektionszahlen möglichst niedrig zu halten. Abgesehen davon, dass wir so etwa dem Virus weniger Spielfeld für weitere Varianten bieten, können wir so auch eine Vielzahl an Long Covid-Fällen vermeiden. Diese Erkrankung ist nicht zu unterschätzen, sie wird unser Gesundheitssystem noch sehr fordern. Eine genaue Quantifizierung ist noch schwierig, aber wir wissen, dass rund 10 bis 14 Prozent der an Corona Infizierten später an Long Covid leiden. Das sind zwischen 65.000 und 90.000 Betroffene in Österreich. Zu einem überwiegenden Teil sind es Frauen und jüngere Personen, die an Long Covid bzw. Post Covid leiden. Wir haben jetzt seit kurzem eine Leitlinie der Fachgesellschaften zu Long Covid vorliegen. Das ist wichtig für die Behandlung von Patientinnen und Patienten, aber um zu verhindern, dass noch mehr Menschen von dieser heimtückischen Erkrankung betroffen sind, müssen wir die Infektionszahlen möglichst niedrig halten und die Durchimpfungsrate nach oben treiben.

Muss das Ziel, Infektionen und Long Covid zu vermeiden, nicht auch für die Impfpolitik gelten, also eher Impfstoffe nicht nur mit hohem Schutz vor schweren Verläufen, sondern auch mit hohem Schutz vor Ansteckung/Erkrankung/Übertragung? Und braucht es nicht zusätzliche Maßnahmen wie Masken, Tests, etc. – auch für Geimpfte?

Mückstein: Wir evaluieren die epidemiologische Lage laufend und schärfen nach, wenn notwendig. Ich bin auch dafür, über eine Weiterentwicklung der 3-G-Regel zu reden. Wir setzen hier auch laufend entsprechende Schritte: Seit 15. August gilt die Impfung ja nur mehr bei Vollimmunisierung.

Als Arzt halte ich es außerdem für sinnvoll, den Gültigkeitszeitraum der Tests zu verkürzen. Zudem prüfen wir eine Ausweitung der Maskenpflicht, da dies eine einfache und effiziente Maßnahme in der Viruseindämmung ist. Das wichtigste Instrument in der Pandemiebekämpfung ist aber die Corona-Schutzimpfung. Aufklärung und niederschwellige Impfangebote sind zentrale Maßnahmen, um noch mehr Menschen von einer Impfung zu überzeugen. Die Bundesländer haben hier ein vielseitiges Angebot – vom Impfen im Stephansdom (Impfstoffe von BioNTech/Pfizer für unter 18-Jährige, Johnson & Johnson für über 18-Jährige, Anm. der Red.) über Impfbusse bis hin zu Pop-Up-Impfstraßen auf Marktplätzen.

Da speziell wegen der Fluchtmutante Delta die Wirkung der Schutzimpfung nachlässt, wird der Ruf nach einer Auffrischung immer lauter. Wann kommt der Booster für die Älteren, aber auch für das Gesundheitspersonal bzw. für Berufsgruppen, die früh oder mit Vektor-basierten Impfstoffen geimpft wurden?

Mückstein: Der 3. Stich ist ein weiterer Schritt in unserem Plan für den sicheren Herbst. Damit bleibt Österreich gut gegen die Delta-Variante geschützt, was in Hinblick auf die aktuell steigenden Infektionszahlen besonders wichtig ist. Das Nationale Impfgremium (NIG) hat diese Woche konkrete Empfehlungen1 dazu vorgelegt. In den Bundesländern werden die Impfungen in bewährter Weise organisiert und angeboten werden. Personen mit besonders hohem Risiko, schwer an COVID-19 zu erkranken, sollen demnach zeitnah – frühestens nach 6 und nicht später als 9 Monate nach der vollständigen Erstimpfung eine weitere Impfung erhalten. Bei jüngeren Menschen lautet die Empfehlung des NIG auf frühestens 9 und nicht später als 12 Monate. Dabei werden ausschließlich mRNA-Impfstoffe zum Einsatz kommen. Die Impfungen werden uns helfen, gut durch den Winter zu kommen. Ebenso wichtig wie die zeitgerechte Verabreichung eines 3. Stichs ist jedoch, dass all jene, die noch nicht geimpft sind, sich einen 1. Stich holen.

In höheren Altersgruppen sind die Impfquoten sehr hoch: Werden Sie einen Impfappell an die Jungen richten?

Mückstein: Ein wichtiges Ziel ist es natürlich, die Durchimpfungsrate Schritt für Schritt zu erhöhen. Deshalb erneuere ich meinen Appell: Bitte lassen Sie sich impfen und vervollständigen Sie Ihren Impfschutz. Dieser Aufruf richtet sich vor allem auch an die jungen Menschen im Land. Die COVID-19-Schutzimpfung ist unser einziger Weg aus der Pandemie und sie schützt zu über 90 Prozent vor einer Infektion – und damit auch vor Long Covid. So können wir uns als Gesellschaft schützen und uns vor einer erneuten Verschärfung der Infektionslage bewahren. Riskieren Sie nichts, lassen Sie sich impfen. Bitte!

Wann wurden Sie geimpft und kennen Sie als Arzt Ihren BAU-Titer – wie viele Ärzte? Hintergrund der Frage: Wären Gratis-Antikörper-Tests vor dem Booster sinnvoll, um nicht unnötig bei hohem BAU-Titer zu impfen bzw. sich einem NW-Risiko auszusetzen? 

Mückstein: Ich war als Arzt unter jenen Menschen in Österreich, die relativ zu Beginn geimpft wurden – meinen Zweitstich habe ich Mitte Februar erhalten. Was die Frage nach flächendeckenden Antikörper-Tests betrifft: Expertinnen und Experten zufolge erscheinen Antikörperbestimmungen zur Bestätigung eines durch die Impfung induzierten Schutzes derzeit nicht generell zielführend, weil kein Schutzkorrelat etabliert ist und auch die maßgeblich zum Schutz beitragende zelluläre Immunität so nicht messbar ist.

Ihre Kinder sind geimpft, wie Sie neulich in den sozialen Medien erleichtert festgestellt haben. Aber viele Eltern warten noch dringend auf die Schutzimpfung für ihre Kinder, die jetzt z.B. in die Sekundarstufe wechseln oder den 12. Geburtstag erst irgendwann nach Schulbeginn haben. Wird das Impfalter herabgesetzt? Und wird es eine off-label-Impfmöglichkeit für Kinder von Eltern geben, die selbst oder deren Kinder zu Risikogruppen zählen?

Mückstein: Relevant ist bei diesen Fragen, vor allem was die Expertinnen und Experten des Nationalen Impfgremiums empfehlen. Ich war hier in der Vergangenheit sehr vorsichtig und bin eher davon ausgegangen, dass eine Covid-Impfung für ganz kleine Kinder nicht notwendig sein wird. Mit Delta hat sich die Lage aber möglicherweise geändert. Die ExpertInnen müssen das beurteilen und es braucht hier noch mehr Studien. Ich rechne aber mit einer Zulassung der Impfung für Unter-12-Jährige wahrscheinlich bis Ende diesen oder Anfang kommenden Jahres.

Manche Eltern (aber auch Kinderärzte) wollen lieber auf den Kinderimpfstoff von Valneva warten. Ist das sinnvoll? Wann kommt dieser? Und können wir bald mit proteinbasierten Corona-Impfstoffen für Erwachsene rechnen, konkret Novavax – die EU hat ja schon Vorverträge abgeschlossen?

Mückstein: Derzeit sind für Kinder unter 12 Jahren Impfstoffe weder zugelassen noch empfohlen. Wenn es eine entsprechende Zulassung und Empfehlung gibt, macht es Sinn, sich an die jeweilige Empfehlung zu halten und die betroffenen Personen, in dem Fall Kinder, entsprechend den Empfehlungen impfen zu lassen. Prinzipiell erhalten Impfstoffe in Europa nur eine Zulassung, wenn diese effektiv und sicher sind. Man muss jedoch bedenken, dass eine Empfehlung nicht automatisch ausgesprochen wird, nur weil ein Impfstoff zugelassen wird, sondern eine Empfehlung berücksichtigt Nutzen, Risiko einer Impfung sowie auch die epidemiologische Lage. Insofern möchte ich derzeit nicht vorwegnehmen, wie die Empfehlung für Kinder unter 12 Jahren aussehen wird, wenn entsprechende Impfstoffe zugelassen und verfügbar sind. Für Kinder ab 12 Jahren ist dies aber eindeutig, hier ist die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff jedenfalls empfohlen.

Ob und wann proteinbasierte Impfstoffe nach der Zulassung für Erwachsene ebenso auch für Kinder zugelassen werden, kann nicht sicher vorhergesagt werden. Die EU ist bemüht den Ländern effektive und sichere Impfstoffe zu sichern und hat mittlerweile einen Vertrag mit Novavax genehmigt. Vorausgesetzt einer Zulassung hoffen wir in Österreich auf erste Lieferungen im vierten Quartal 2021. Bezüglich Valneva ist die EU in Verhandlungen, ein finaler Entschluss liegt noch nicht vor.

Aus medizinischer Sicht ist das Ziel, dass jede Person geimpft wird, für die die Impfung empfohlen ist, weswegen ein möglichst schneller Schutz durch eine Vollimmunisierung angestrebt werden sollte.

Stichwort Impfungen, wann kommt der e-Impfpass für alle Impfungen? Und wer trägt die bisherigen Impfungen nach?

Mückstein: Es ist derzeit schon möglich, auch andere Impfungen im e-Impfpass zu dokumentieren und dies wird teils schon umgesetzt, ebenso wie das Nachtragen von Impfungen. Es wird daran gearbeitet, dass es zukünftig auch Erinnerungsfunktionen gibt und der e-Impfpass langfristig den klassischen, meist gelben Papierimpfpass ablöst. Impfungen werden derzeit in erster Linie im niedergelassenen Bereich nachgetragen.

In unserem Interview mit Andreas Huss, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) hat er gesagt, dass die Sozialversicherung ein Erwachsenen-Impfprogramm ab 2022 auf die Beine stellen möchte – mit Zuständigkeit ÖGK, sodass es nicht wieder neun verschiedene Impfstrategien gibt. Sind Sie auch dafür und ist der Start Anfang 2022 realistisch?

Mückstein: Es ist richtig, dass derzeit entsprechende Diskussionen mit den involvierten Stakeholdern, also Länder und Sozialversicherungsträgern, laufen. Ich möchte aber nicht vorwegnehmen, wie diese ausgehen, bin jedoch optimistisch, dass zeitnah Lösungsvorschläge erarbeitet werden. Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist, dass es auch in der Saison 2021/22 wieder Influenza-Impfstoffe im kostenfreien Kinderimpfprogramm geben wird sowie kostenfreie Influenza-Impfstoffe für Personen in Alten- und Pflegeheimen.

Die Impfpflicht für die Corona-Impfung dürfte vom Tisch sein. Aber wie sieht es mit der Grippeimpfung aus, wie stehen Sie hier zu einer Impfpflicht für das Gesundheits- und Pflegepersonal? 

Mückstein: Gerade für Personal im Gesundheitswesen kann man Impfungen wie etwa die Impfung gegen Influenza als moralische Verpflichtung ansehen. Es ist bereits jetzt seitens der Trägerinnen und Träger von Gesundheitseinrichtungen möglich, einen entsprechenden Impfstatus seitens des Personals einzufordern und dies wird in vielen Bereichen bereits umgesetzt. Eine allgemeine Impfpflicht zur Impfung gegen Influenza wird es in Österreich nicht geben.

Booster gegen Corona, Grippe-, Polio-, Tetanus-, Pertussis-Impfungen, etc. – die Apotheker stehen für Impfungen bereit, zumal auch schon DGKP und Sanitäter gegen Corona impfen dürfen – und dies in Wien auch tun. Wäre für Sie eine Impfung in den Apotheken denkbar und wenn ja, für welche Impfungen?

Mückstein: Impfstoffe sind Arzneimittel, die grundsätzlich nur der Arzt bzw. die Ärztin verordnen darf, hier ist eine medizinische Indikationsstellung notwendig. Apotheken können auch jetzt schon Impfungen anbieten, wenn eine Ärztin oder ein Arzt die Impfungen vor Ort verabreicht. 

Apropos Apotheken, konkret Hausapotheken: Wie könnte eine friedliche Koexistenz zwischen hausapothekenführenden Ärzten und öffentlichen Apotheken aussehen?

Mückstein: Grundsätzlich geht es darum, dass es sowohl für Ärzte als auch Apotheken in Österreich bestmögliche Rahmenbedingungen braucht. Gleichzeitig muss gewährleistet sein, dass alle Menschen in Österreich einen guten, raschen, unkomplizierten und ortsnahen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Generell gibt es ein Vieraugenprinzip – der Arzt verordnet, die Apotheke kontrolliert das. Das ist eine qualitativ hochwertige Arbeit. Diese Frage zeigt uns aber einmal mehr, dass es wichtig ist, das Konzept der multiprofessionellen Teams auszubauen und Gruppenpraxen sowie Primärversorgungseinheiten zu stärken. Landarztpraxen generieren bis zu 30 Prozent ihres Umsatzes durch die Hausapotheke. Solche ohne sind daher zunehmend unattraktiv – es geht daher darum, die Rahmenbedingungen zu verbessern und entsprechende Umsatzeinbußen auszugleichen.

Apotheker sowie andere Gesundheitsberufe spielen auch in Primärversorgungseinrichtungen (PVE) eine tragende Rolle, was aber ein Umdenken in der interprofessionellen / interdisziplinären Zusammenarbeit erfordert. Bisher gibt es aber nur knapp 30 PVE, eigentlich sollten es schon 75 sein. Woran hakt es da Ihrer Meinung nach und wie wollen Sie es als PVE-Pionier mit dem PHC Mariahilf schaffen, dass das Modell von Ärzten mehr angenommen wird?

Mückstein: Die Primärversorgung soll in den kommenden Jahren deutlich ausgebaut werden, vor allem im Rahmen des Primärversorgungsprojekts im österreichischen Aufbau- und Resilienzplan. Hier werden demnächst 100 Millionen Euro in die Stärkung der Primärversorgung in Österreich fließen. Diese zusätzlichen Mittel sollen unsere Pläne zur Stärkung der Primärversorgung mit voller Kraft vorantreiben und dafür verwendet werden, die Gesundheitsversorgung nahe am Wohnort gezielt und nachhaltig zu stärken. Dabei sollen insbesondere Maßnahmen zur Attraktivierung der Allgemeinmedizin sowie der gesamten Primärversorgung, vor allem auch im ländlichen Raum gefördert werden. Dazu zählen neben der flächendeckenden Ausrollung von Primärversorgungszentren und -netzwerken unter anderem der Ausbau der digitalen Infrastruktur sowie die Steigerung der Energieeffizienz in den Praxen. Speziell gefördert werden sollen auch die Vernetzung der unterschiedlichen Gesundheits- und Sozialberufe sowie die Angebote zur Fort- und Weiterbildung der interprofessionellen Teams, soziale Innovationen und Maßnahmen der Inklusion.

Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), warnt in unserem Interview „Die Y-Generation will nicht mehr 15 Nachtdienste machen“ vor einem eklatanten Ärztemangel. Die ÖÄK fordert mehr Personal in den Spitälern und im niedergelassenen Bereich 1.300 zusätzliche Kassenstellen, damit den Ärzten mehr Zeit für die Patienten bleibt. ÖGK-Obmann Huss schlug im vorhin erwähnten Interview vor, jedem Arzt, der will, einen Kassenvertrag zu geben. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das gehört haben? Wäre das einen Versuch wert? Und welche Vorschläge haben Sie, um die Situation in Spitälern und Praxen zu verbessern?

Mückstein: Es stimmt, dass der Engpass in einigen Bereichen bei KassenärztInnen groß ist. Das hat aus meiner Sicht vor allem mit den Bedingungen zu tun – das beziehe ich jetzt gar nicht nur auf das jeweilige Honorar. Einen Kassenvertrag anzunehmen, passt einfach oft nicht mehr ins Lebenskonzept von jungen Ärztinnen und Ärzten. Denn gerade auf dem Land bedeutet das meist einen 60-Stunden-Job. Junge Ärztinnen und Ärzte brauchen aber die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten oder in einem Team. Diese Flexibilität kann die aktuelle Situation oft nicht bieten, somit ist die Herausforderung also, junge Medizinerinnen und Mediziner überhaupt dazu zu motivieren, sich für einen Kassenvertrag zu entscheiden. Ich glaube daher, dass dem Ärztemangel wesentlich besser dadurch beizukommen ist, wenn wir die Primärversorgung massiv ausbauen – dafür stellen wir eben 100 Millionen Euro aus dem Wiederaufbau- und Resilienzfonds der EU zur Verfügung.

Die ÖÄK will die Ärztegesetznovelle rückgängig machen, weil die Ausbildung laut ÖÄK-Präsident Szekeres nicht in die Hände von „Bezirksbeamten“ gehen soll, sondern in den Händen der Ärzte – die ohnehin nach den Vorgaben des Gesundheitsministeriums über Ausbildungsstellen entscheiden – bleiben müsse. Gibt es da eine Chance?

Mückstein: Die angesprochene Novelle ist aufgrund eines VfGH-Erkenntnisses notwendig geworden. Laut Höchstgericht ist die Zuständigkeit der Ärztekammer nämlich nicht mit dem Prinzip der mittelbaren Bundesverwaltung vereinbar. Hier arbeitet mein Ressort jetzt in einer Arbeitsgruppe mit Ländern, Sozialversicherung und Ärztekammer konstruktiv zusammen, um die Novelle bestmöglich umzusetzen.

Ein Herzensprojekt Ihres Vorgängers Rudolf Anschober war die Pflegereform. Wie ist da der Status quo und welchen Stellenwert möchten Sie den im Regierungsprogramm verankerten Community Nurses einräumen? Könnten Sie sich vorstellen, die 24-h-Betreuung – wie im Burgenland – finanziell mehr zu fördern, damit der teure Heimplatz nicht günstiger für die Angehörigen kommt? Das Burgenland stellt auch pflegende Angehörige an, das Land Oberösterreich will nachziehen, wäre das ein Modell für ganz Österreich?

Mückstein: Die Pflegereform ist eines unserer wichtigsten Vorhaben für die Zukunft. Aufbauend auf den Ergebnissen der Taskforce Pflege haben die Länder bereits begonnen, ihre Vorstellungen gemeinsam zu konkretisieren. Im Herbst wird es erste Schritte dazu geben. Wir sind uns jedenfalls einig, dass wir den Pflegeberuf attraktivieren müssen. Oberstes Ziel muss es sein, Pflegekräfte zu halten und auch neues Personal für die Ausbildung und den Beruf zu gewinnen.

Darüber hinaus ist es auch wichtig, dass wir pflegenden Angehörigen die angemessene Wertschätzung für ihre wertvolle Arbeit entgegenbringen. Daher ist es notwendig, dass sie in Zukunft unbürokratische Unterstützung bekommen. Der Nationalrat hat deshalb vor dem Sommer die Finanzierung eines wichtigen, innovativen Pilotprojekts im Bereich Pflege und Gesundheitsförderung beschlossen: Wir schaffen 150 Stellen für Community Nurses bis 2024. Community Nurses sind wichtige Ansprechpersonen auf regionaler Ebene. Sie vernetzen, beraten und informieren über Angebote zu Gesundheitsförderung und Pflege. Ziel ist, dass ältere Menschen so lange wie möglich zuhause bleiben können und pflegende Angehörige entlastet werden. Das Projekt soll bereits im Herbst starten.

Die unbürokratische Unterstützung für pflegende Angehörige stellt einen nachhaltigen und wichtigen Ansatz dar. Die österreichweite Etablierung des Community Nursing ist dazu ein erster Schritt. Zur Anstellung pflegender Angehöriger, wie beim Burgenland-Modell, ist zu sagen, dass Care-Arbeit leider immer noch zum größten Teil bei Frauen liegt. Es ist aber davon auszugehen, dass ein begrüßenswerter Trend in jene Richtung geht, dass zukünftig immer mehr Frauen einen Vollzeitjob und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit anstreben. Es ist wichtig, dass jede Frau in Österreich, die Möglichkeit hat, einem Beruf nachzugehen. Es muss auf die Entwicklung reagiert werden, indem wir sicherstellen, dass es in Österreich ausreichend professionelle Pflegekräfte gibt und dieses Pflegeangebot auch leistbar ist.

Schließen wir mit dem Wichtigsten: Was ist Ihr Herzensprojekt?

Mückstein: In einem meiner ersten Interviews nach Amtsantritt wurde ich gefragt, zu wie viel Prozent ich Gesundheitsminister und zu wie viel Prozent ich Sozialminister bin. Meine Antwort lautete: 80 zu 20. Ich habe damals auch dazu gesagt, dass ich mir wünsche, dass sich das bald umdreht. Und zwar nicht nur, weil eine Umkehr dieses Verhältnisses bedeuten würde, dass der Kampf gegen die Pandemie, die in naher Zukunft hoffentlich vorbei sein wird, weniger Zeit in Anspruch nimmt. Sondern vor allem auch, weil es drängende sozialpolitische Probleme in diesem Land gibt, deren Lösungen ich mehr Raum geben möchte. Dazu gehört etwa der Kampf gegen Kinderarmut und gegen Wohnungslosigkeit.

Es ist ein riesiges Ressort mit einer Vielzahl an wichtigen Themen, dem ich vorstehen darf: Die Pflege, der Tierschutz und der KonsumentInnenschutz gehören auch dazu – hier will ich viele Vorhaben umsetzen, die mir ein großes Anliegen sind und sich hier ein einziges Herzensprojekt auszusuchen ist natürlich schwer. Als Arzt gibt es aber einen Punkt im Gesundheitsbereich, der mir sehr wichtig ist: Ich habe es mir für meine Amtszeit eine Neuaufstellung im Bereich der Allgemeinmedizin zum Ziel gesetzt und eine Attraktivierung der primären Versorgungsebene. Dass wir einen Hausärztemangel haben, ist seit Jahren evident, hier will ich etwas tun. Ich glaube, dass es vor allem auf die Lebenskonzepte junger Ärztinnen und Ärzte Rücksicht nehmen müssen und neben einer besseren Vereinbarkeit auch dafür sorgen müssen, dass die KollegInnen ihren Job machen können. Sprich, weniger Zeit mit nichtärztlichen Tätigkeiten verbringen müssen. Beides läuft darauf hinaus, dass es eine Stärkung vom Arbeiten im multiprofessionellen Team braucht.

Herzlichen Dank für das Interview!

Dr. Wolfgang Mückstein wurde am 19. April 2021 von Bundespräsident Alexander Van der Bellen als Bundesminister für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz angelobt. 2002 absolvierte er das Studium der Humanmedizin in Wien, 2006 das TCM-Studium.
2010 gründete er mit Dr. Franz Mayrhofer die Gruppenpraxis Medizin Mariahilf, 2015 folgte die Gründung der ersten Primärversorgungseinheit in Österreich.

1 COVID-19-Impfungen: Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums, Version 5.0, Stand: 17.08.2021 (PDF, 386 KB), via https://www.sozialministerium.at/Corona-Schutzimpfung/Corona-Schutzimpfung—Fachinformationen.html

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