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COVID-19-Schutzimpfung

Delta: Impfdurchbrüche (noch) selten – doch Booster-Rufe werden lauter

Militärraketenstart in den Feuerwolken. 3D-Abbildung.

Viele Senioren sitzen schon auf Nadeln – sie wollen wissen, ob und wann der dritte Stich kommt. Angesichts der aggressiveren Delta-Mutante von SARS-CoV-2 sorgen sich früh Geimpfte, darunter Ärzte, ob ihr Titer und der ihrer Patienten noch hoch genug sei. Berichte von heimischen Behörden und Daten aus Israel zeigen, dass Impfdurchbrüche ansteigen, aber auch, dass die Auffrischung wirkt. Auch Lehrer-Gewerkschafter pochen auf Booster zum Schulstart. Das Nationale Impfgremium (NIG) und das Gesundheitsministerium bleiben beim Boostern nach neun Monaten, also frühestens am 17. Oktober. Doch kürzlich ließ Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP) aufhorchen: Die dritte Corona-Impfung werde „bereits im September“ starten.

Während sich die einen noch gar nicht impfen lassen wollen, andere es noch gar nicht können (z.B. Kinder) oder Non-Responder sind, haben sich Vollimmunisierte vereinzelt schon den dritten Stich verpassen lassen, wie die Redaktion erfuhr. Darunter nicht nur hochexponierte Ärzte in Spitälern und Praxen, sondern auch mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca geimpfte Pädagogen – natürlich in Absprache mit ihren Ärzten und teils mit beträchtlichem Aufwand, da eine Bestimmung der neutralisierenden Antikörper (gemessen in BAU/ml) selbst zu bezahlen ist.

Ältere Menschen teils oft mit massivem Titer-Abfall

Auch etliche ältere Menschen mit massivem BAU-Titer-Abfall (teilweise sogar auf 0,0, trotz hoher BAU-Titer nach 2. Dosis) bekamen in Einzelfällen schon durch ihre besorgten Ärzte eine Auffrischung – off label. Denn die dritte Impfung ist noch nicht zugelassen und derzeit reicht als positiver Vorhersagewert für das Vorliegen von neutralisierenden Antikörpern ein Wert von nur 15 BAU/ml. BAU steht für „binding antibody units“, also Antikörper, die SARS-CoV-2-Erreger an sich binden bzw. inaktivieren, noch bevor sie in die Körperzellen eindringen und sich vermehren können. Sind die Antikörper einmal erschöpft, sorgen bestimmte B-Zellen zwar für Nachschub an Antikörpern, aber eben erst bei Infektion, was den Viren einen Zeitvorteil verschaffen kann. Antigenspezifische T-Zellen wiederum können infizierte Körperzellen eliminieren, bevor die Viren weitere Zellen befallen.

Zwar hätten geimpfte Personen nach zwei Dosen vergleichbar hohe oder teilweise höhere Antikörpertiter, als im Serum von Rekonvaleszenten zu finden waren, schreibt das NIG in seinen aktuellen Anwendungsempfehlungen1 vom 27.07.2021. Allerdings sei nur eine „ungefähre Einschätzung“ möglich. Denn die zugehörigen Daten, auf deren Grundlage die Empfehlungen fußen, wurden in den verschiedenen Studien nicht standardisiert erhoben (Zeitpunkt nach Infektion, Schwere der Erkrankung, unterschiedliche Tests etc.) .

NIG: „Robuste T-Zell-basierte Immunantwort für alle Impfstoffe“

Den Nachweis neutralisierender Antikörper empfiehlt das NIG derzeit nicht. Stattdessen verlassen sich die 18 Mitglieder des Gremiums auf die – routinemäßig nicht nachprüfbare – T-Zell-Antwort: „Eine robuste T-Zell-basierte Immunantwort konnte für alle Impfstoffe gezeigt werden“, heißt es in den Anwendungsempfehlungen. Für das NIG besteht darüber hinaus kein Anlass zur erneuten Impfung bis zu einer Dauer von 9 Monaten nach der zweiten Impfdosis (bzw. der einmaligen Impfdosis beim Impfstoff von Janssen).

Lediglich bei Personen mit eingeschränkter Immunkompetenz sowie Vorerkrankungen gesteht das Gremium den neutralisierenden Antikörper-Nachweisen eine gewisse Sinnhaftigkeit zu. Eine dritte Impfung empfiehlt das NIG derzeit nur, wenn gar keine neutralisierenden Antikörper vorhanden sind. Auch die Sinnhaftigkeit einer dritten Impfung bei Menschen mit Immunschwächen mit schweren B- oder T-Zell-Suppressionen ist laut NIG fraglich.

Studie: Auch Immunsupprimierte haben gute Immunantwort

Dennoch kämpfen Immunsupprimierte ohne oder nur mit niedrigerem BAU-Titer für eine Auffrischungsimpfung und berufen sich auf rezente Daten: Eine im BMJ publizierte aktuelle Studie (19.07.2021) der MedUni Wien zeigte, dass auch Menschen mit abgeschwächtem Immunsystem, z.B. Patienten, die B-Zell-depletierende Medikamente erhalten, eine „gute Immunantwort“ nach Impfung entwickeln können. Und: „Für jene PatientInnen, die keine Antikörper bilden, kann eine dritte Impfdosis notwendig sein“, heißt es einer Aussendung am 03.08.2021.

Jedoch werden auch abseits von besonders vulnerablen Gruppen die Zweifel immer größer, ob man sich bei Delta wirklich nur auf die zelluläre Immunität verlassen sollte. Zumal viele Geimpfte sich nicht nur selber vor schweren Verläufen, sondern auch ihr Umfeld – seien es Kinder, ältere Menschen oder Patienten – vor Ansteckung bzw. Übertragung schützen möchten.

UK-Studie: Schutzwirkung vor Erkrankung abhängig vom Vakzin

Dass mRNA-Impfstoffe, die in der Regel eine höhere humorale Immunantwort (Produktion von Antikörper durch B-Lymphozyten) als Vektor-basierte Impfstoffe erzeugen, nicht nur einen höheren Schutz vor schweren Verläufen, sondern auch vor Infektion bzw. Erkrankung und damit Übertragung bieten dürften, zeigten bereits am 21.07.2021 publizierte Daten aus Großbritannien. Demnach beträgt die Schutzwirkung vor Erkrankung bei BioNTech/Pfizer 88 Prozent (langes Impfintervall) versus 60 Prozent bei AstraZeneca.

Auch bei Jüngeren scheint die Schutzwirkung mit der Zeit abzunehmen, wenn auch nicht so stark, wie eine am 05.08.2021 publizierte Studie aus Israel zeigt: Von knapp 40.000 vollständig geimpften Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren (in Israel wird nur BioNTech/Pfizer verimpft, Anm. d. Red.) war die Rate positiver Covid-Testungen bei jenen signifikant höher, die ihre zweite Impfdosis mindestens 146 Tage (knapp 5 Monate) vor dem positiven PCR-Test erhalten haben. Die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion erhöhte sich um den Faktor 3 für Patienten über 60 Jahre, um 2,29 für Patienten zwischen 40 und 59 Jahren und um 1,74 für Patienten zwischen 18 und 39 Jahren.

Israel: 3 von 4 schweren Impfdurchbrüchen >60a vollimmunisiert, bei Jüngeren knapp ein Viertel

Ebenfalls am 5. August wurde bekannt, dass es in Israel immer mehr Impfdurchbrüche unter Älteren gibt, die sich womöglich nicht mehr nur durch höhere Impfquoten erklären lassen: Von 250 COVID-19-Patienten mit schwerem Verlauf waren laut einem Bericht in der Tageszeitung „The Jerusalem Post“ 210 über 60 Jahre, davon 153 vollständig geimpft (72,9 Prozent), sieben gerade noch nicht vollständig immunisiert und 50 ungeimpft. Von den 40 Patienten mit schwerer Erkrankung unter 60 Jahre war es umgekehrt: Neun waren zweimal geimpft (22,5 Prozent), einer teilgeimpft und 30 hatten noch keine Impfung.

Zuvor hatte eine am 28.07.2021 publizierte Studie mit 1.497 Mitarbeitern im Gesundheitswesen (HCW) für Aufsehen gesorgt, wonach es mit 0,4 Prozent zwar wenig Impfdurchbrüche gab (und diese auch mild oder asymptomatisch verliefen) – jedoch ein Fünftel davon Long-Covid-Symptome (> 6 Wochen) aufwies. Die Autoren schreiben, dass die Korrelation zwischen der Höhe neutralisierender AK-Titer und Durchbruchsinfektionen stärker war als jene für IgG-Antikörper.

Nun werden in Israel, wo mit den COVID-19-Schutzimpfungen am 19.12.2020 für medizinisches Personal und 60+ begonnen wurde (laut ORF-Faktencheck, 01.03.2021 sehr erfolgreich) die über 60-Jährigen seit Anfang August geboostert, demnächst soll die dritte Dosis auch für Gesundheitspersonal und für alle Menschen über 45 Jahren kommen.

Erste Daten: Booster wirkt – bei ähnlichen Nebenwirkungen wie nach 2. Impfung

Nach ersten Daten, die etwa Mediziner Eric Topol auf Twitter (mit Grafik) verbreitetet, dürfte der Booster rasch seine Wirkung entfalten: Während die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 bei über 60-jährigen Ungeimpften steiler (von knapp 30 auf über 50 am 9. August) als bei Geimpften (von rund 20 auf über 30) ansteigt, sinkt sie deutlich bei den Geboosterten (von rund 20 auf unter 15).

Auch an den Impfreaktionen dürfte es vorerst nicht scheitern: Diese sollen nach dritter Impfung bisher nicht stärker ausgefallen sein als nach der Grundimmunisierung, wie laut APA eine Umfrage der Krankenkasse Clalit unter rund 4.500 Personen ergab. Nur zehn Prozent der Befragten hätten sich schlechter gefühlt als nach der zweiten Impfung, 88 Prozent ähnlich oder besser. Die Krankenkasse Clalit habe nach eigenen Angaben bereits mehr als 240.000 Menschen geboostert. Zu Beginn dieser Woche meldete das israelische Gesundheitsministerium 3.372 neue Infektionen für den Vortag, 360 Corona-Patienten sind schwer erkrankt.

Am nächsten Tag, dem 10. August – und zwei Tage, nachdem die Regierung die Maßnahmen verschärft hatte – waren es bereits mehr als 6.000 Neuinfektionen, davon 394 mit schwerwiegenden Krankheitsverläufen (648 Hospitalisierungen). Das sind so viele Neuinfektionen und schwere Krankheitsverläufe wie seit einem halben Jahr nicht mehr, wie die Internetzeitung „The Times of Israel“ berichtet.

Anekdotische Berichte: Titer fällt relativ rasch ab, auch bei Jüngeren

In Israel beträgt die Impfquote (Vollimmunisierung) rund 58 Prozent der Gesamtbevölkerung (9,4 Mio.). Österreich hat mit rund 54 Prozent Vollimmunisierungsimpfquote ein paar Prozentpunkte weniger, aber ebenfalls die höchsten Impfquoten bei den Älteren mit weit über 80 bzw. sogar 90 Prozent bei den über 84-jährigen Männern. Davon wurden allerdings viele geimpft, als Delta noch weit weg war.

Immer mehr anekdotische Berichte legen nahe, dass der BAU-Titer relativ schnell sinken könnte, weswegen sich insbesondere medizinisches Personal Sorgen macht, ob der Impfschutz noch ausreichend sei. Vielen geht es auch darum, sich nicht gegenseitig, ihre Patienten oder ihr privates Umfeld anzustecken.

Dass diese Befürchtungen durchaus nachvollziehbar sind, zeigt ein am 10.08.2021 publizierter Lancet-Preprint aus Vietnam: Demnach hat sich Klinikpersonal 7–8 Wochen nach der 2. Dosis AstraZeneca bei einem Delta-Ausbruch gegenseitig angesteckt. Die Durchbruchsinfektionen waren verbunden mit hoher Viruslast, verlängerter PCR-Positivität sowie niedrigerem neutralisierenden Antikörper-Spiegel nach Impfung und bei Diagnose der Fälle im Vergleich zu den nicht infizierten Kontrollen.

NIG & Ministerium: Immunkompetente haben Schutzwirkung „für neun Monate“

Doch nicht nur Gesundheitspersonal wartet auf grünes Licht für eine Auffrischungsimpfung. Kürzlich forderten Seniorenvertreter „klare Botschaften“ ein und auch Lehrervertreter wollen einen Booster (siehe Kasten). Laut Gesundheitsministerium bleibt es jedoch vorerst beim Booster-Termin Mitte Oktober ­– exakt neun Monate nach der 2. Teilimpfung Mitte Jänner der Erstgeimpften am 27.12.2020. Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Impfabteilung im Gesundheitsministerium und Mitglied im NIG, bekräftigte im Ö1-Morgenjournal am 09.08.2021 – so wie auch Gesundheitsminister Dr. Wolfgang Mückstein (Grüne) am nächsten Tag –, dass bei der „breiten Bevölkerung“, den sogenannten immunkompetenten Gruppen, eine Schutzwirkung „für neun Monate“ gegeben sei. Menschen ab 75, die am 17. Jänner ihre zweite Impfung bekommen haben, bekämen am 17. Oktober ihre Auffrischung.

Außerdem werde „in vielen Studien“ untersucht, ob wirklich für alle Personen ein Booster notwendig sei – abhängig von den Varianten und auch vom Impfstoff. Anders sieht es bei immunsupprimierten Personen aus, wie etwa bei bestimmten Medikamenten oder bei Krebserkrankungen, hier gebe es schon seit einigen Wochen die Empfehlung, den Titer bestimmen zu lassen. Lassen sich keine neutralisierenden Antikörper nachweisen, sei eine dritte Impfung angebracht.

AGES-Analyse zu Impfdurchbrüchen: 0,5 Prozent bei Vollimmunisierten

Paulke-Korinek beruft sich auch auf die neuesten Daten zu Impfdurchbrüchen und betont, dass die Impfungen hochwirksam und Impfdurchbrüche sehr selten seien. Tatsächlich zeigt ein Bericht der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) vom 03.08.2021, dass es insgesamt zu 2.690 Impfdurchbrüchen (inklusive Erstgeimpfte) gekommen ist, wovon 1.560 vollimmunisiert waren. Das entspricht 1,5 Prozent Impfdurchbrüche bei Erst- und Zweitimpfungen, jedoch nur 0,5 Prozent bei Vollimmunisierten, wobei sich deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern zeigen.

Die Impfstoffe (und Intervalle) werden nicht angegeben, allerdings zeigt die Altersverteilung von Impfdurchbrüchen, die dem Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) bis 23.07.2021 gemeldet worden waren, dass von 376 Impfdurchbrüchen bereits 134 in der Altersgruppe 18–44 passiert sind: Zwei Wochen davor waren es noch 93 (siehe BASG-Bericht über Meldung vermuteter Nebenwirkungen bis 09.07.2021). Darunter müssen viele mRNA-Geimpfte sein, da nach AstraZeneca insgesamt bisher 56 Impfdurchbrüche gemeldet wurden.

Unklare Signale zu Booster-Beginn in Pflegeheimen

Von der Regierung kommen jedoch unterschiedliche Botschaften: Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP) nennt in ersten Interviews nach überstandener Sommergrippe den „September“ als Booster-Beginn bei Älteren und in Pflegeheimen (siehe Tageszeitung „Heute“, die sich auf ein „OE24“-Interview beruft). Wir fragten im Bundeskanzleramt wiederholt nach, ob dies tatsächlich der Fall sei und wie es mit dem Booster für exponierte Berufsgruppen aussehe. Bisher gab es jedoch noch keine Antwort (sobald diese eintrifft, reichen wir sie nach). Aus dem Büro von Bundesminister Mückstein heißt es auf erneute Nachfrage der Redaktion, dass das Gesundheitsministerium von einem Start Mitte Oktober ausgehe – auch in Pflegeheimen.

Senioren und Pädagogen: Wann kommt der Booster?

Angesichts der steigenden Zahlen melden sich immer mehr Interessensvertreter zu Wort. Die Lehrergewerkschaft ÖLI-UG (Österreichische Lehrer*innen-Initiative – Unabhängige Gewerkschafter*innen) nannte bereits in einer Aussendung am 19.07.2021 für einen „sicheren Betrieb aller Bildungseinrichtungen“ neben anderen Maßnahmen die Bereitstellung einer 3. „Booster“-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff für das Bildungspersonal „bereits zum Schulstart“. Die Lehrervertreter beziehen dabei auch explizit die Kindergärten ein. (Mehr zum Schul-Konzept des Bildungsministeriums plus Reaktionen demnächst, Anm. der Red.)

Der Pensionistenverband Österreich berichtet von „zahlreichen Fragen“ seiner Mitglieder zur dritten Impfung und forderte in einer Aussendung am 05.08.2021 Informationen ein, ob und wann wer einen Booster brauche. Pensionistenverbands-Präsident Dr. Peter Kostelka verlangt „klare Botschaften an eine Generation, die von Corona stark betroffen war und die, wie die Impfquoten zeigen, vorbildlich mithilft, schwere COVID-19-Krankheitsverläufe zu verhindern“. Man wolle auch wissen, wie sich die Corona-Impfung mit der Grippe-Impfung verträgt.

1 COVID-19-Impfungen: Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums, Version 4.3, Stand: 27.07.2021 (PDF, 365 KB) via https://www.sozialministerium.at/Corona-Schutzimpfung/Corona-Schutzimpfung—Fachinformationen.html

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