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24-Stunden-Betreuung

Taskforce Pflege: „Angebot muss breiter und Betreuung zuhause leistbarer werden“

Abgeschnittene Aufnahme einer weiblichen Pflegekraft, die eine ältere Frau tröstet

Bei der 24-Stunden-Betreuung leiste man sich nicht nur mal ein „gutes Möbelstück“, sondern investiere in eine möglichst langfristige Beziehung mit Menschen, sagt Kerstin Marchner, DGKP und Qualitätsmanagerin bei BestCare 24, einer vom Sozialministerium zertifizierten Vermittlungsagentur. Die mehr als 150.000 Betroffenen hätten vor allem zwei Wünsche: So lange wie möglich zuhause zu bleiben und die Angehörigen finanziell und persönlich nicht zu überlasten. Doch just diese zwei Wünsche schließen sich mit dem derzeitigen System eher aus, weil ein teurer Heimplatz oft günstiger käme. Auch die angedachten Maßnahmen von der „Taskforce Pflege“ des Sozialministeriums seien sehr „dünn“. Wir fragten nach, warum und was es bräuchte – auch um die durch die Corona-Pandemie aufgezeigten Lücken zu schließen.

medonline: Frau Marchner, wie geht es Ihnen seit unserem letzten Interview im März 2020, als die neue Regierung erst kurz im Amt war und Sie sich durch das Regierungsprogramm gestärkt gefühlt hatten? 

Kerstin Marchner: Die Pandemie hat einiges durcheinandergewirbelt und hat die volle Aufmerksamkeit gefordert. Dennoch wurde die Taskforce Pflege durchgeführt und der Ergebnisbericht liegt uns vor.
Ich bin immer noch optimistisch, auch wenn aus meiner Sicht die 24-Stunden-Betreuung nicht den Stellenwert erhält, den ich mir gewünscht hätte. Ich sehe die 24-Stunden-Betreuung als eine Säule im Betreuungssystem, neben Langzeitpflegeeinrichtungen, betreutem Wohnen, Tageszentren und auch der Hauskrankenpflege. Die Menschen wünschen sich mehr Angebote.

Kerstin Marchner, DGKP und Qualitätsmanagerin bei BestCare 24

Kerstin Marchner, DGKP und Qualitätsmanagerin bei BestCare 24

Besonders die Corona-Schutzmaßnahmen wie Besuchsverbote in den Einrichtungen und Ausgangsbeschränkungen – seien sie noch so sinnvoll und nachvollziehbar gewesen – haben uns gezeigt, welchen hohen Stellenwert Selbstbestimmung und das Wohnen in den eigenen vier Wänden haben. Ich sehe das als einen direkten Aufruf, der Betreuung zu Hause, auch bis zum Lebensende, mehr Chancen einzuräumen. Denn Möglichkeiten dazu gibt es, wir müssen sie nur sinnvoll nutzen.

In einer Aussendung im Mai 2021 haben Sie von 153.500 Betroffenen und 800.000 pflegenden Angehörigen geschrieben. Wie sieht der Trend aus?

Die Zahlen haben sich im Wesentlichen nicht verändert, dennoch wird es laut Prognosen in den nächsten Jahren einen deutlichen Anstieg geben.

BestCare 24 war eine der ersten von nunmehr 34 Agenturen mit dem Österreichischen Qualitätszertifikat für Vermittlungsagenturen in der 24-Stunden-Betreuung (ÖQZ-24) – von mehr als 800 Agenturen! Warum gibt es eigentlich so wenig zertifizierte Agenturen, obwohl es eine Förderung von der Wirtschaftskammer Österreich, gestaffelt nach der Größe der Agentur, gibt (siehe Interview mit Margit Hermentin)? Und was könnte man tun, damit sich mehr Agenturen zertifizieren lassen, warum wäre das wichtig?

Das ÖQZ-24 basiert immer noch auf Freiwilligkeit, was einer der Hauptgründe ist, warum sich bisher so wenige Agenturen dazu entschieden haben. Der tatsächliche Nutzen für die Beteiligten ist noch nicht erkennbar, weil die Fülle der Agenturen die Menschen immer noch überfordert: Sie benötigen meist sehr rasch Hilfe und vielen fehlt die Zeit, sich durch diesen Dschungel an Angeboten und Informationen durchzuarbeiten!

Die 24-Stunden-Betreuung ist eine Dienstleistung, bei der es um Fachlichkeit, Kompetenz und Vertrauen geht. Hier leiste ich mir nicht nur mal ein gutes Möbelstück, hier investiere ich in eine möglichst langfristige Beziehung mit Menschen, denen ich Zutritt in meine Privat- und Intimsphäre gebe. Dazu benötige ich bereits beim Erstkontakt weitreichende Fachkompetenz, so wie es diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) mitbringen. Durch ihre Expertise, Wissen und Erfahrungen begleiten sie KlientInnen, An- und Zugehörige und – ganz wichtig – die PersonenbetreuerInnen während der gesamten Betreuung. Durch laufende und regelmäßige Besuche vor Ort wird die DGKP zum Akteur, um eine gute Betreuungsqualität herbeizuführen und das System Familie wieder in eine Balance zu bringen. Aber auch die zuverlässige Durchführung von vielen administrativen Abläufen, die teilweise im Hintergrund geschehen, benötigen Kompetenz, Personal und Zeit.

Hilfreich dazu wäre, dass die Förderung für die 24-Stunden-Betreuung deutlich erhöht werden würde, um Qualität dorthin zu bringen, wo sie dringend gebraucht wird – zu unseren pflege- und betreuungsbedürftigen Mitmenschen und deren Familien.

Gespräche mit Ihren Klienten zeigen, dass diese vor allem zwei Wünsche hätten: so lange wie möglich zuhause zu bleiben und ihre Angehörigen finanziell und persönlich nicht zu überlasten. Sie kritisieren das derzeitige System und schütteln den Kopf, weil für die Angehörigen just der teure Heimplatz günstiger kommt als das eigene Zuhause. Warum ist das so und was wären Ihre Lösungsvorschläge, um die zwei wichtigsten Wünsche, die letztlich ja auch wieder allen zugutekommen, zu erfüllen?

Der Wunsch zu Hause zu bleiben wurde durch die Taskforce Pflege zwar aufgenommen, die Maßnahmen daraus sind allerdings sehr dünn. Kosten für Wohnung und Haus laufen während einer 24-Stunden-Betreuung weiter und auch bei der besten Betreuung durch ein Unternehmen fungieren die Angehören als direkte AnsprechpartnerInnen, ohne ihre Unterstützung wäre manches nicht so durchführbar. Dennoch ist die Bereitschaft der Familien sehr hoch und deshalb braucht es hier eine deutliche finanzielle Entlastung und ein differenziertes Angebot.

Das Angebot muss breiter und die Betreuung zu Hause leistbarer für die KlientInnen sowie deren An- und Zugehörige gemacht werden. Die Anfragen nach stundenweiser Betreuung sind stark im Steigen.
Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Kapazitäten von verschiedenen Trägerorganisationen der Hauskrankenpflege sind erschöpft, dies berichten uns immer mehr KlientInnen. Teilweise haben die KlientInnen, bedingt durch die hohen Mietpreise, kleine Wohnungen, in denen eine 24-Stunden-Betreuung nicht machbar ist. In diesem Fall ist die stundenweise Betreuung ein gutes Herantasten, diese Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Besonders auch für pflegende An- und Zugehörige, die durch eine Auszeit vom Pflege- und Betreuungsalltag entlastet werden. BestCare 24 bietet deshalb Stundenblöcke an, um genau diesen Wünschen nachzukommen.
Aber für diese Form der Betreuung gibt es keine Unterstützung und Förderung, was aus meiner Sicht dringend und rasch geändert werden müsste.

Was wünschen sich die 24-Stunden-BetreuerInnen?

Hier spreche ich an, was ich wahrnehme und wobei ich die PersonenbetreuerInnen gerne unterstütze. Es geht um Wertschätzung für ihre Arbeit und dazu gehört eine gerechte Entlohnung und nicht der tägliche Kampf um jeden Euro! Was allerdings genauso geschätzt wird, ist, dass sie AnsprechpartnerInnen haben, die sie in vielen Belangen unterstützen und beraten. Beginnend von Themen rund um die Betreuung bis hin zu verschiedenen administrativen Abläufen. Und genau das leisten zertifizierte Unternehmen wie BestCare 24. Die Bereitschaft der PersonenbetreuerInnen Angebote und Unterstützung anzunehmen ist hoch und genau da muss auch angesetzt werden.

Was möchten Sie der Taskforce Pflege für die Umsetzung der Pflegereform besonders ans Herz legen, generell und insbesondere, um (wieder) mehr Menschen für den Pflege- und Betreuungsberuf zu begeistern?

Die Pandemie hat es aus meiner Sicht nicht einfacher gemacht, vor allem junge Menschen für diesen Beruf zu begeistern! Der Pflegeberuf ist zwar in den Vordergrund getreten und es wird viel darüber gesprochen, wie hilfreich diese Diskussionen sind, aber es braucht rasche Entscheidungen, sonst wird das Thema nicht mehr ernst genommen! Gerade im vergangenen Jahr wurde mir wieder bewusst, wie wertvoll meine berufliche Entscheidung für den Pflegebereich war.
Mein Respekt gilt allen KollegInnen in den unterschiedlichsten Einrichtungen, die Unglaubliches geleistet haben.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit den (niedergelassenen) Ärzten, wo gibt es Verbesserungsbedarf?

Meine Einstellung: „Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein!“ Die Zusammenarbeit gestaltet sich immer noch unterschiedlich. Rückblickend kann ich allerdings sagen, dass die Zusammenarbeit mit den HausärztInnen deutlich besser geworden ist und viele die Erkenntnis gewonnen haben, dass ein gutes Zusammenspiel auch mit DGKP eine Erleichterung und Bereicherung für alle Beteiligten ist.

Welche Lücken hat die Corona-Pandemie im Versorgungssystem aufgezeigt und wie könnte man sie schließen auch angesichts einer möglichen Verschärfung der Situation spätestens im Herbst?

Dass die Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung war und für eine gewisse Zeit noch sein wird, ist unbestritten. Bei vielen Ereignissen, die in so einem Ausmaß noch nie da gewesen sind, stellen wir fest, dass es Defizite im System gibt. Wichtig ist, was wir aus diesen Erkenntnissen machen und wie damit umgegangen wird. Damit Systeme funktionieren, braucht es viele Stellschrauben, zum einem sind es Gesetze, Vorschriften, Maßnahmen, zum anderen allerdings auch das kritische Annehmen und Umsetzen und im Besonderen die solidarische Verantwortungsübernahme jedes Einzelnen für sich und die Gesellschaft.

Auch wenn jetzt Maßnahmen gelockert werden, wie z. B. die Umstellung auf Mund-Nasen-Schutz oder auch der Wegfall von Masken, ist es jedem freigestellt, sich und seine Mitmenschen weiter mit einer FFP2-Maske zu schützen. Genauso besteht weiterhin die Möglichkeit, sich uneingeschränkt kostenfrei testen zu lassen und sich auch freiwillig für eine Impfung zu entscheiden.

Von manchen wurde kritisiert, dass gerade die 24-Stunden-Betreuerinnen wie auch die mobilen Pflegekräfte (Hauskrankenpflege) sehr spät ein Impfangebot bekommen haben. Wie sieht es mit dem vollen Impfschutz auch angesichts der Delta-Variante aus? Und wären Sie für eine Impfpflicht (mit freier Impfstoffwahl), wie sie bereits für (neu eingestelltes) Gesundheitspersonal von mehreren Spitalsträgern (z.B. Ordensspitäler oder Wiener Gesundheitsverbund) bzw. etwa auch für Personal in Kindergärten und im Sozialbereich in Wien vorgesehen ist?

Das Impfthema ist zu einem ganz speziellen Thema in der Pandemie geworden. Aus meiner Wahrnehmung gab es bisher an keiner Impfung so ein hohes Interesse an deren Herstellung, Nebenwirkung und Verpflichtung (z. B. für Fernreisen gibt es wenig Diskussion). Auch hinsichtlich der Vorgangsweise und Priorisierung gab es viele Experten, dennoch wurde eine Entscheidung durch die Experten in der Regierung getroffen, die ich akzeptiert habe. Für all jene, die sich rasch impfen lassen wollten, ging es nicht schnell genug, auch ich persönlich habe warten müssen, wie auch die Betreuungskräfte in der 24-Stunden-Pflege und der Hauskrankenpflege.
Viele BetreuerInnen haben das Angebot im Heimatland, z. B. in der Slowakei, angenommen und sind großteils geimpft wieder in Österreich eingereist.
Laut meinen letzten Informationen aus einer Studie besteht mit den Impfstoffen ein guter Schutz gegenüber der Delta-Variante. Hier vertraue ich auf die Wissenschaft, die uns dazu in den nächsten Monaten immer wieder mit neuen Datenlagen informieren wird.
Einer generellen Impfplicht, auch mit freier Impfstoffauswahl, stehe ich kritisch gegenüber. Wie wäre es mit einer freien Impfstoffauswahl bei freier Entscheidung?

Herzlichen Dank für das Interview!

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