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COVID-19-Schutzimpfung

NIG spricht klare Empfehlung für Kinder-Impfung aus

Krankenschwester gibt Schülern während der Coronavirus-Pandemie eine Impfung in der Schule

Ende Mai gab es grünes Licht für Kinder & Jugendliche ab 12: Der Nutzen der COVID-19-Schutzimpfung durch den mRNA-Impfstoff von Pfizer/BioNTech überwiege, schließt sich das Nationale Impfgremium (NIG) der Empfehlung bzw. Indikation (im Sinne der Nutzen-Risiko-Analyse, Anm. der Red. am 10.06.2021) der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) vollinhaltlich an. Denn auch die Kids sind vor schweren Krankheitsverläufen nicht gefeit. Außerdem mehrten sich Hinweise, konstatiert das oberste Impfgremium in Österreich, dass auch Kinder nach milden und asymptomatischen Verläufen unter den Folgen von Corona leiden können – bekannt als Long Covid. Die Impfärzte seien aufgefordert, die mündliche Aufklärung „verstärkt“ anzubieten. Impfpflicht gibt es keine, aber umgekehrt können sich Jugendliche ab 14 gegen den Willen der Eltern impfen lassen.

Die Empfehlung war einstimmig – nach einer „langen und konstruktiven Diskussion“, wie die Redaktion erfuhr. Das 18-köpfige Gremium hatte auch zwei Kinderinfektiologen beigezogen, die bei der Konferenz und Beschlussfassung dabei waren: Ao. Univ.-Prof. Dr. Werner Zenz und Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Volker Strenger, beide MedUni Graz. Strenger ist auch Leiter der AG Infektiologie in der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) und Zenz vormaliger Leiter des ÖGKJ-Impfreferates (siehe dazu auch Interview am 09.06.2021 zur ÖGKJ-Stellungnahme).

Das Ergebnis: Das NIG schloss sich der EMA an. Der Nutzen der Impfung gegenüber dem Risiko überwiege „auch in dieser Altersgruppe“, hatte der Ausschuss für Humanarzneimittel nach Prüfung des Zulassungsantrages für den mRNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer für Kinder ab dem vollendeten 12. Lebensjahr befunden. Sicherheit und Wirksamkeit der COVID-19-Schutzimpfung würden bei Kindern und Erwachsenen weiterhin nicht nur im Rahmen des europäischen Pharmakovigilanzsystems, „sondern auch weltweit genau beobachtet“, heißt es in den überarbeiteten Anwendungsempfehlungen* des NIG zu den COVID-19-Schutz-Impfungen.

Kinder-Impfstoff schon 600.000-mal verabreicht

Die Zulassungsstudie habe bei Kindern ab 12 Jahren gezeigt, dass der Impfstoff in der Prävention von symptomatischen, im Labor bestätigten COVID-19-Erkrankungen bei Personen im Alter von 12–15 Jahren „sicher und hoch effektiv“ sei. Wie bei Erwachsenen können auch bei Kindern nach der Impfung erwartbare Reaktionen auftreten. Diese hätten den lokalen und systemischen Reaktionen geähnelt, die bei Personen über 16 Jahre zu beobachten waren. Das NIG erinnert an internationale Daten, wonach der Impfstoff in den vergangenen Wochen schon mehr als 600.000-mal verabreicht worden sei: „Es gibt bisher keine Hinweise auf Sicherheitsbedenken.“

Corona & Kinder: Hyperinflammationssyndrom (MISC/PIMS) bei 1:500–1:1000 auch in Österreich

Zur Abwägung von Nutzen und Risiko führt das Impfgremium zunächst aus, dass Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen zwar selten schwer an COVID-19 erkranken: „Dennoch sind schwere Krankheitsverläufe wie ein Multisystem-Inflammationssyndrom (Hyperinflammationssyndrom) auch in Österreich mit einer Häufigkeit von 1:500–1:1000 infizierten Kindern und Jugendlichen beschrieben worden, das jedenfalls zu einer Krankenhausaufnahme führt, oft sogar eine Behandlung auf der Intensivstation erfordert“, heißt es in den Empfehlungen, deren Zahlen die Recherchen der Redaktion zu den Hospitalisierungen von Kindern bestätigen. Und weiter: „Zudem mehren sich die Hinweise, dass auch Kinder und Jugendliche nach milden und asymptomatischen Verläufen langfristig unter den Folgen einer COVID-19-Erkrankung („long COVID“) leiden können.“ Zu Long Covid nennt das NIG jedoch keine Zahlen.

Als weitere Faktoren für die Empfehlung führt das Impfgremium an, dass durch die Impfung einschränkende Maßnahmen vermieden werden können und Kinder nicht nur selbst erkranken, sondern auch „zum allgemeinen Infektionsgeschehen beitragen“ können. Bei der Reihenfolge empfiehlt das NIG ihre Priorisierungsliste, also zuerst Kinder mit Risiken entsprechend Risikogruppen-Auflistung Tabelle 2, dann Kinder ohne bekannte Risiken absteigend nach Alter (Priorität 7).

Bei unter Zwölfjährigen betont das Gremium, dass bis zur Zulassung von COVID-19-Impfungen dem „Schutz des Umfelds“ von Kindern mit erhöhtem Krankheitsrisiko „besonders hohe Wichtigkeit und Vorrang hinsichtlich einer COVID-19-Impfung“ eingeräumt werden müsse.

Begleitung von mündigen Minderjährigen rechtlich nicht nötig

Bei unmündigen Minderjährigen (unter 14 Jahren) sei die Einwilligung eines Elternteils oder Erziehungsberechtigten einzuholen. Jugendliche ab dem vollendeten 14. Lebensjahr müssten selbst entscheiden: „Auch wenn ein Elternteil in dieser Situation eine Impfung ablehnen würde, kann sich die mündige minderjährige Person selbst für eine Impfung entscheiden.“ Auch eine Begleitung der zu impfenden Person sei „rechtlich gesehen“ nicht erforderlich, informiert das NIG, um dann zu appellieren: „Impfärztinnen und Impfärzte sind aufgefordert, die mündliche Aufklärung für Personen dieser Altersgruppe verstärkt anzubieten, um Fragen alters- und entwicklungsgerecht beantworten zu können.“

In die Empfehlungen sind in letzter Zeit auch noch weitere Präzisierungen hineingeflossen, wie etwa das Intervall zu anderen Impfungen und Operationen. Bei allen vier derzeit zugelassenen COVID-19-Impfstoffen, also auch dem nun für Kinder ab 12 Jahren zugelassenen mRNA-Impfstoff von Pfizer/BioNTech, handle es sich um Impfstoffe, die wie Totimpfstoffe einzuordnen sind. Daher sei es nicht zwingend notwendig, schreibt das NIG, ein Intervall zu anderen Impfungen einzuhalten. Was (planbare) Operationen betrifft, sollte ein Mindestabstand von 14 Tagen vor- und nachher eingehalten werden. Ist die Indikation dringend, sei ein operativer Eingriff „jederzeit“ möglich.

Keine VIPIT bei mRNA-Impfstoffen

In den Anwendungsempfehlungen wird auch die Kombination von Thrombose und Thrombozytopenie, bezeichnet als Virus/Vaccine Induced Prothrombotic Immune Thrombocytopenia (VIPIT), angeführt. Die VIPIT sei „sehr selten“ nach einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca sowie ebenfalls „sehr selten“ nach Impfung mit dem Impfstoff von Janssen beobachtet worden, in „einigen Fällen“ einhergehend mit Blutungen. Diese zwei Impfstoffe sind jedoch so wie der mRNA-Impfstoff von Moderna derzeit für Personen unter 18 Jahren nicht zugelassen und betreffen daher Kinder und Jugendliche nicht.

Bundesminister begrüßen Impfung von Kinder und Jugendlichen

Gesundheitsminister Dr. Wolfgang Mückstein (Grüne) betonte gegenüber der APA am 31.05.2021 erneut das Ziel, „dass bis Ende August eine möglichst große Anzahl Kinder und Jugendlicher zwischen zwölf und 16 geimpft sein soll“. Zur Sicherheit des Impfstoffs merkt Mückstein an: Wenn die Impfung der 12- bis 15-Jährigen mit BioNTech/Pfizer von der EMA und vom NIG empfohlen werde, „ist sichergestellt, dass es sich dabei um einen hocheffektiven, sicheren und ausgezeichneten Impfstoff handelt“. Auch Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) habe sich über die Zulassung gefreut: Impfen bedeute Schutz vor einer Erkrankung und die Verhinderung der Ansteckung. Nachsatz: „Impfen bedeutet zudem mehr Sicherheit im Sommer und ermöglicht einen dauerhaften Präsenzunterricht im Herbst.“

Wer wann von den impfwilligen Kids drankommt (insgesamt gibt es rund 340.000 in dieser Altersgruppe), dürfte aber vor allem am Bundesland liegen. Manche Bundesländer haben bereits die Anmeldungen für die Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen geöffnet, in Niederösterreich etwa sind laut APA bereits 9.000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12–15 vorgemerkt. Andere sind noch am Abarbeiten der Priorisierungen in den älteren Altersgruppen. Auch die Impfquoten sind laut Dashboard des Gesundheitsministeriums (Stand 02.06.2021) sehr unterschiedlich und reichen bei Erstgeimpften von 46,6 Prozent (Burgenland) bis 40,3 Prozent (Oberösterreich) und 37,2 Prozent (Wien).

Unter 25-Jährige: Zwei bis drei Prozent vollimmunisiert

Bei den Vollimmunisierten führt Tirol (21,5 Prozent), dicht gefolgt vom Burgenland (20,2 Prozent), am wenigsten Vollimmunisierte gibt es in der Steiermark (14,4 Prozent). In der jüngsten Altersgruppe (unter 25 Jahre) sind bisher 88.847 junge Frauen (8,17 Prozent) geimpft, davon haben 31.048 (2,86 Prozent) einen vollständigen Impfschutz. Bei den jungen Männern sind es 88.644 (7,70 Prozent), davon 29.255 (2,54 Prozent) vollständig Immunisierte.

* COVID-19-Impfungen: Anwendungsempfehlungen des Nationalen Impfgremiums, Version 4.0, Stand: 31.05.2021 (PDF, 330 KB) via (jeweils aktuelle Version): https://www.sozialministerium.at/Corona-Schutzimpfung/Corona-Schutzimpfung—Fachinformationen.html

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