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COVID-19: Mehr als 700 Kinder & Teenager im Spital – bis Ende Februar

Kleiner Junge hat Angst vor einer Epidemie eines Virus, das sich auf der ganzen Welt ausbreitet. Gesicht eines Jungen in einer Maske zum Schutz vor Infektionen. Globale Epidemie. Angst

Auf sie wird oft vergessen: Seit Pandemiebeginn bis Ende Februar 2021 gab es 709 Spitalsentlassungen von Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahren mit Haupt- oder Nebendiagnose COVID-19. Das gab die Gesundheit Österreich GmbH auf Anfrage der Redaktion im Rahmen einer Recherche-Kooperation bekannt. Auffällig: Überproportional viele Kleinkinder waren betroffen. Aus den einzelnen Bundesländern sind Daten schwer zu bekommen – fünf haben bisher geantwortet (Update am 14.05.2021 mit Zahlen aus Niederösterreich).

Nach dem Start einer Recherche-Kooperation im Jänner 2021 ging es kurz nach Ostern aufgrund des großen Leser-Interesses wieder los: Gemeinsam mit dem Journalisten Sebastian Reinfeldt startete erneut eine mehrwöchige Odyssee mit dem Ziel herauszufinden, wie viele Kinder und Jugendliche wegen/mit/nach COVID-19 in Österreich hospitalisiert werden mussten. Das erste Ergebnis – 360 Kinder bis 14 Jahre, wie die Redaktionen exklusiv berichteten – wurde kurzerhand auf Basis der AGES-Daten von Mitte April 2021 hochgerechnet, mehr als 600 unter 15-Jährige müssten es demnach sein.

Ob das zutrifft, wird erst die zukünftige Auswertung zeigen. Rund einen Monat nach der ersten Erhebung durch die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) Ende Jänner 2021 waren es bereits 455 unter 15-Jährige und in der Altersgruppe 0–19 insgesamt 709 Kinder und Jugendliche, wie die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) auf Anfrage am 26.04.2021 bekanntgegeben hat. Und so sehen die LKF-Daten (Leistungsorientierte Krankenanstaltenfinzanzierung), Auswertungszeitraum bis Ende Februar 2021 (nur Entlassene), aus:

COVID-19 in Haupt- oder Nebendiagnose
AltersgruppePatienten ALLEdavon Patienten ICUPatienten verstorben
00 bis 04 Jahre25323
05 bis 09 Jahre785
10 bis 14 Jahre124101
15 bis 19 Jahre25424
00 bis 19 Jahre709621

Die GÖG übermittelte auch die Spitalsdaten der Altersgruppe 20–24: Insgesamt kamen 382 junge Erwachsene ins Spital, davon 26 auf die Intensivstation, zwei überlebten leider COVID-19 nicht. In der Altersgruppe der unter 25-Jährigen waren bis Ende Februar 2021 insgesamt mehr als 1000 Kinder und Jugendliche / junge Erwachsene hospitalisiert.

Ins epidemiologische Meldesystem (EMS), so informiert die GÖG, wurden bis zum 26.04.2021 drei weitere Todesfälle in der Gruppe der 15–19-Jährigen gemeldet, für die es jedoch noch keine klinischen Daten gebe. Außerdem ein weiterer Todesfall in der Gruppe der 20–24-Jährigen aus April 2021. In Summe sind bis zum 26.04.2021 sieben Teenager bzw. unter 25-Jährige an/mit/nach Corona gestorben.

Für PIMS und Long Covid / Post Covid Codierung erst seit 2021

Doch nicht nur Tod zählt in der Pandemiebekämpfung – immer mehr rücken auch Komplikationen, Folgeerkrankungen und/oder Langzeiterkrankungen in den Fokus der Öffentlichkeit. Zu MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children) und/oder PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) gibt es erst seit 2021 eine LKF-Codierung, nämlich: „(U10.9) Multisystemisches Entzündungssyndrom in Verbindung mit COVID-19“ in Haupt- oder Nebendiagnose. Es gebe zwar bereits Dateneinträge, allerdings seien diese aufgrund der geringen Zahlen und des kurzen Zeithorizonts noch nicht gesichert, lässt die GÖG wissen.

Bezüglich Long Covid / Post Covid (siehe Kasten) wurden laut GÖG bis Ende Februar 2021 folgende Fälle mit „(U09.9) Post-COVID-19-Zustand, nicht näher bezeichnet“ codiert:

AltersgruppePatienten
05 bis 09 Jahre:1
10 bis 14 Jahre:3
15 bis 19 Jahre:2
25 bis 29 Jahre:2

Was die Daten aus den neun Bundesländern betrifft, hat die Redaktion acht Fragen an die Landesregierungen und / oder an die landeseigenen Spitalsträger gestellt. Vier Bundesländer haben bis Ende April geantwortet, im Mai kam Niederösterreich dazu (siehe Update). Damit liegen uns außer Niederösterreich Daten aus Wien, der Steiermark, Oberösterreich und Tirol vor, wobei aus Oberösterreich Zahlen sowohl von der OÖ Gesundheitsholding (OÖG) als auch den Ordensspitälern übermittelt wurden – bis Ende März 2021.

Die OÖG meldete demnach bis Ende März 7 Post-Covid-Diagnosen und 5 Kinder und Jugendliche mit PIMS. Bis zum 23.04.2021, so hieß es seitens des Krisenstabs Land OÖ, gab es 8 PIMS-Fälle im Kepler-Universitätsklinikum, Med Campus IV (KUK MC4), davon waren 6 intensivüberwachungspflichtig, 1 davon an ECMO und Dialyse: „Alle sind gesund geworden, ein Kind wird derzeit noch auf der Internen 3 stationär behandelt.“

Die Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) berichtete ebenfalls von Kindern und Jugendlichen mit PIMS-Diagnose: Seit 1. März 2021 bis Mitte April 2021 wurden 6 Patienten mit PIMS dokumentiert.

Überproportional viele Kleinkinder und ältere Teenager im Spital

Auffällig ist, dass alleine in den drei Bundesländern Steiermark, Tirol und Oberösterreich mindestens 138 Kleinkinder (0–4) bis Ende März/Mitte April 2021 ins Spital mussten, überproportional mehr als in der Altersgruppe der 5-14-Jährigen. Dieses Verhältnis spiegelt sich auch in den bundesweiten Daten wider, wonach bis Ende Februar 253 Kinder hospitalisiert werden mussten, davon 23 intensivpflichtig (253/23). Ähnlich viele waren es in der Altersgruppe 15-19: 254/24. In den kindergarten- und schulpflichtigen Altersgruppen 5–9 bzw. 10–14 waren es hingegen 78/5 bzw. 124/10.

Auch die Hospitalisierungs- bzw. ICU-Rate ist bei den Kleinkindern und bei den älteren Teenagern bzw. jungen Erwachsenen höher als bei den 5–14-Jährigen. Bei Kleinkindern beträgt die Hospitalisierungsrate sogar 6 % der bestätigten Infektionen laut AGES bis Ende Februar 2021 (siehe Tabelle). Ob dies einer höheren Dunkelziffer oder der sich verbreitenden britischen Variante oder bestimmten Maßnahmen geschuldet ist, bleibt vorerst offen.

Wie Kleinkinder etwas besser geschützt werden können, haben wir hier zusammengefasst.

Hospitalisierungsrate bzw. ICU-Rate in verschiedenen Altersgruppen
AltersgruppeHospitaisierungrate (Patienten)ICU-Rate (Patienten)Bestätigte Fälle lt. AGES-Daten, 28.02.2021 (insgesamt)Rate Hispotalisierung/ICU (Patienten) lt. ÖGKJ-Daten bis Jänner 2021
00 bis 04 Jahre6,03% (253)0,55% (23)4.196 (435.835)
05 bis 14 Jahre0,75% (202)0,06% (15)26.961 (847.225)
15 bis 24 Jahre1,00% (636)0,08% (50)63.612 (955.625)
00 bis 14 Jahre1,46% (455)0,12% (38)31.157 (1.283.060)1,4% (360) / 0,10% (26)

OÖ: Ähnlich viele Fälle im März wie im Februar

Wie viele seit Ende Februar 2021, nach dem Kindergarten- und Schul-Lockdown und vorverlegten Semesterferien bis 14. Februar (ursprünglich war für die Schulen am 25. Jänner 2021 wieder Präsenzpflicht vorgesehen gewesen, am 15. Februar 2021 startete der Schichtbetrieb, Anm. der Red.) österreichweit dazugekommen sind, konnte noch nicht eruiert werden. Aus den OÖG-Daten ist jedoch ersichtlich, dass im März 2021 ungefähr gleich viele Kinder und Jugendliche wegen/mit/nach COVID-19 hospitalisiert werden mussten, nämlich 9 (vs. 10 im Februar), intensivpflichtig wurden jeweils 2 Kinder und Jugendliche im Februar und im März. Auch Post Covid-Diagnosen gab es mit 3 Kindern und Jugendlichen ähnlich viele wie im Februar (4 Kinder und Jugendliche).

Wie und wann welche Daten aus dem Land ob der Enns in die Bundeshauptstadt zusammenfließen, beantwortet die OÖG so: „Wir melden am 20. des Folgemonats den LKF-Datensatz an den Oö. Gesundheitsfonds. Dieser leitet ihn im Anschluss an den Bund weiter.“

Die GÖG hat jedenfalls die Übermittlung weiterer Daten zusagt – wir berichten weiter.

COVID-19 akut, Long Covid oder Post Covid?

Erst seit 2021 kann das Post Covid-19-Syndrom LKF-codiert werden. Doch wann spricht man überhaupt davon? Die Oberösterreichische Gesundheitsholding (OÖG) verweist auf ein Interview mit Prim. Priv.-Doz. Dr. Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde, Kepler Universitätsklinikum Linz. Demnach gilt folgende Einteilung (in Anlehnung an NICE 2020): 

  • Akute COVID-19: Symptome bestehen für bis zu 4 Wochen 
  • long-Covid / post-acute sequelae of COVID-19 (PASC): 4 bis 12 Wochen  
  • post-COVID-19-Syndrom: Symptome bestehen länger als 12 Wochen und sind nicht durch andere Diagnosen erklärbar 

Häufige Symptome bei Long Covid und Post Covid sind: respiratorische Symptome (u.a. Luftnot, Husten, Thoraxschmerzen, schlafbezogene Atmungsstörung), kardiovaskuläre Symptome wie Brustenge, Brustschmerzen, Palpitationen und Thrombosen, generelle Symptome wie Fatigue und Schmerzen, neurologische Symptome (u.a. Riech-/Schmeckstörungen, kognitive Einschränkungen, Kopfschmerzen, periphere Neuropathien, Schwindel), gastrointestinale Symptome wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Diarrhoe, Anorexie und Appetitlosigkeit, muskuloskelettale Symptome wie Sarkopenie, Gelenkschmerzen und Muskelschmerzen, psychische Symptome wie depressive Symptome und Angstsymptome, HNO-Symptome wie Tinnitus und Ohrenschmerzen sowie dermatologische Symptome wie Haarausfall und Hautrötungen (vollständige Liste siehe unten: „OÖG-Infografiken Long Covid“).

OÖG-Infografiken Long Covid (PDF)
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