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Kritik an den „Wohnzimmer-Tests“ aus den Apotheken

Während er in seinem Auto sitzt, führt ein Mann im mittleren Erwachsenenalter einen Selbst-COVID-Test auf einer Fahrt durch die COVID-Teststelle durch.

Bis zu fünf Stück pro Person sollen ab 1. März in Apotheken zur Verfügung stehen: Jeder kann sich Corona-Selbsttests für zuhause – sogenannte Wohnzimmer-Tests – holen, sie gelten aber nicht als Eintrittstests für Friseure und Co. Testen sei der Schlüssel und der Wellenbrecher, gaben dazu Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) bekannt. Runter vom Gas, warnten indes Interessensvertreter von Medizinprodukten (AUSTROMED), das Bundesgremium für Medizinproduktehandel der Wirtschaftskammer und die Ärztekammer schon Ende Jänner. Qualitäts-, Sicherheits- und Rechtsfragen seien ungeklärt.

Eine Woche nach der Teillockerung des Lockdowns waren Rekordzahlen beim Testen zu verzeichnen. Von 8. bis zum 14. Februar 2021 wurden allein 1.522.739 Antigen- und PCR-Tests auf SARS-CoV-2 durchgeführt – ohne Schultests. Das erfuhr die APA aus Regierungskreisen. „Wir sind unter den Ländern, die am meisten testen in ganz Europa“, sagte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), „mit den Schul-Tests sind wir die Ersten in Europa.“ Mit den Schulen sind es fast zwei Millionen: 400.000 Schüler sind laut Bildungsminister Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann (ÖVP) nach der ersten Woche getestet worden.

Nun sollen bald gratis Corona-Selbsttests für zuhause erhältlich sein. Diese – unabhängig von Küche und Kabinett – gleich als „Wohnzimmer-Tests“ bekannt gemachten Tests sollen aber nicht als „Eintrittstests“ für Dienstleister dienen. Nur zur Eigenkontrolle, hieß es. Bis zu fünf Stück pro Person und Monat werden kostenlos zum Abholen in den Apotheken bereitliegen. Deren dichtes Netz und den niederschwelligen Zugang bringt Mag. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr, Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer, ins Gespräch.

Antigen-Tests: Schon mehr als 800 Apotheken und 730 Firmen

Wie auch schon bei den für Friseur und andere körpernahe Dienstleister gültigen Antigen-Tests, die mittlerweile bereits mehr als 800 Apotheken (von 1.400) anbieten. Dazu kommen 730 Firmen mit 351.568 Mitarbeitern, die an der geförderten Testaktion in Betrieben teilnehmen, die ebenfalls dieser Tage anläuft.

Intensives Testen sei der „Schlüssel“ zur bestmöglichen Kontrolle des Infektionsgeschehens, ist Kurz überzeugt: „Jetzt werden wir zusätzlich auch noch gratis Wohnzimmer-Tests anbieten, so werde es einfach möglich, auch zuhause „auf Nummer sicher“ zu gehen. Ganz bei ihm ist Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grünen): „Testungen sind aktuell unser wichtigster Wellenbrecher gegen eine massive Zunahme an Infektionen aufgrund der ersten vorsichtigen Öffnungsschritte.“ Die Gratis-Selbsttests würden den Zugang weiter erleichtern, fährt Anschober fort, damit „gehen wir nun noch stärker in die Breite bei den Testungen quer durch alle Bevölkerungsschichten“.

Erweiterte Teststrategie: 3,5 Millionen Corona-Tests wöchentlich

Die Bundesregierung erwartet sich durch die erweiterte Teststrategie bis zu 3,5 Millionen Corona-Tests pro Woche. Rund 2,2 Millionen davon sollen ab dieser Woche – wo auch die (vorgezogenen) Semesterferien in den westlichen Bundesländern und dem Burgenland vorbei waren – in den Schulen durchgeführt werden, samt Schülern, Lehrern und Verwaltungspersonal. Neben den bereits erwähnten Tests in Apotheken und Betrieben stehen mehr als 500 Teststationen der Länder und Gemeinden zur Verfügung, um sich auf eine Corona-Ansteckung untersuchen zu lassen.

Die Politik dürfe bei den Wohnzimmer-Tests „Geschwindigkeit nicht über Sicherheit“ stellen, warnte die AUSTROMED, die Interessensvertretung der österreichischen Medizinprodukte-Unternehmen, bereits im Vorfeld. Das großflächige Zurverfügungstellen von sogenannten „Wohnzimmer-Tests“, also Antigen-Tests, die mittels anterior-nasalem Abstrich zuhause von medizinischen Laien durchgeführt werden können, „birgt Risiken, über die die Bevölkerung dringend aufgeklärt werden muss“, betont Peter Bottig, Sprecher der Branchengruppe In-vitro-Diagnostik der AUSTROMED, in einer Aussendung am 22.01.2021.

AUSTROMED: Antigen-Test eine „reine Momentaufnahme“

Unter anderem könne die Anzahl falsch-positiver oder falsch-negativer Ergebnisse bei der Anwendung durch Laien höher sein, als wenn medizinisch geschultes Personal die Abstriche vornimmt. Zudem bestehe ein kleines, aber doch vorhandenes Verletzungsrisiko beim Selbsttesten. Zudem sei und bleibe der Antigen-Test eine „reine Momentaufnahme“.

Und die AUSTROMED hat ein paar Fragen, da auch „in schnelllebigen Zeiten“ Fairness und Transparenz zählen würden: Warum sollten Antigentests für zuhause nur über Apotheken abgegeben werden, wie vom Nationalrat in der zweiten Kalenderwoche beschlossen – und nicht von allen, die zum Handel mit Medizinprodukten berechtigt sind? Wie wird die Beschaffung der Tests in großer Stückzahl durch den Bund laufen? Und wie kann in so kurzer Zeit sichergestellt werden, dass dies im Rahmen eines fairen und transparenten Vergabeverfahrens geschieht?

Ärztekammer: Keine „Garantie“, dass man nicht infiziert oder ansteckend sei

Die Ärztekammer und der Medizinprodukte-Handel in der Wirtschaftskammer unterstützen die Forderungen der AUSTROMED, heißt es weiter in der Aussendung. „Eine fachgerechte Anwendung ist der Schlüssel zu validen Testergebnissen“, betont a.o. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Ein Antigentest in den eigenen vier Wänden könne höchstens eine Ergänzung sein zur vorhandenen, von medizinischem Fachpersonal betreuter Test-Infrastruktur, „aber er ist keinesfalls eine Garantie dafür, dass man nicht infiziert oder ansteckend ist“. Die Bundesregierung sei gefordert, dies „klar“ zu kommunizieren.

WKO warnt vor „Trittbrettfahrer“

Ergänzend meint Mag. Alexander Hayn, Obmann des Bundesgremiums für Medizinproduktehandel der WKO: „Wir begrüßen die Initiative, der österreichischen Bevölkerung sogenannte Wohnzimmertests zur Verfügung zu stellen, und fühlen uns als Branche selbstverständlich der Versorgungssicherheit verpflichtet.“ Gleichzeitig brauche es einen Rechtsrahmen, in dem die Fragen der Haftung, aber auch der Informationspflicht klar geregelt seien. Hayn plädiert für Seriosität in diesem heiklen Bereich, der Gesetzgeber müsse verhindern, „dass Trittbrettfahrer die Unwissenheit der Bevölkerung ausnutzen und Tests von zweifelhafter Qualität vertreiben können“. Die Qualitätssicherung nütze auch den Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Tests zur Verfügung stellen.

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