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Ein Mann mit vielen Gesichtern

Erste faziale Retransplantation beim Menschen gelungen

Chirurg nimmt chirurgisches Werkzeug vom Tablett auf. Chirurg bereitet sich im Operationssaal auf die Operation vor. Er befindet sich in einem Krankenhaus.

Im wahrsten Sinne des Wortes das Gesicht verlieren – eine unvorstellbare Tortur. Ein Patient hat sie gleich zweimal durchstehen müssen.

Aufgrund der Erbkrankheit Neurofibromatose Typ 1 ist einem Mann ein riesiger geflechtartiger Tumor im Gesicht gewachsen. Nach dessen Exzision wird dem 35-Jährigen das Gesicht eines Verstorbenen transplantiert. Sechs Jahre später weist das Ärzteteam um Prof. Dr. Laurent Lantieri vom Pariser Hôpital Européen Georges Pompidou im Blut des Empfängers Antikörper gegen das Spendergewebe nach (u.a. Anti-HLA-B51).

Zuerst dermale Matrix, dann autologe Spalthaut

Die Kollegen versuchen, die Abstoßungsreaktion mit Kortikosteroiden und Antithymozytenglobulin zu bremsen – vergebens. Knapp zwei Jahre später ist die Nekrose so weit fortgeschritten, dass das schmerzende und infizierte Donorgesicht vollständig entfernt werden muss. Der Patient steht seit einem Monat auf der Warteliste für eine erneute Transplantation. Zunächst decken die Chirurgen den Defekt mit einer dermalen Matrix. Doch diese bleibt aufgrund einer Staph.-aureus-Sepsis nur wenige Tage erhalten. Dann versuchen sie es mit autologer Spalthaut des Oberschenkels. Von einem Gesicht kann nun keine Rede mehr sein – die Augen sind mit Haut bedeckt. Immunsuppressiva benötigt der Mann nicht mehr, dafür ein Gastro- und ein Tracheostoma.

Eineinhalb Monate später wird ein Spendergesicht verfügbar. Es stammt von einem 22-jährigen Hirntoten. Die Blutgruppen von Donor und Empfänger stimmen überein, allerdings gibt es acht HLA-Mismatches. Dennoch entscheidet man sich für die Transplantation.

32 Erythrozytenkonzentrate während OP verabreicht

Bis auf die Knochen wird das Narbengewebe des Neurofibromatose-Patienten entfernt. Zur Blutversorgung des Spendergesichts samt Speicheldrüsen, Ohren, Augenlidern, Nase, Haut, Venen und Nerven wählen die Chirurgen die Arteria carotis externa und die Vena jugularis interna des Rezipienten. Während des 14-stündigen Eingriffs benötigt der Operierte 32 Erythrozytenkonzentrate, 30 Beutel Blutplasma und neunmal Thrombozytenkonzentrat. Der Donor erhält eine Gesichtsmaske aus Kunststoff, damit sich die Familie von ihm verabschieden kann.

Um das Risiko einer weiteren Transplantatabstoßung so weit wie möglich zu reduzieren, bedarf es einer aggressiven Desensibilisierungstherapie. Diese dauert einen Monat und beinhaltet die mehrfache Injektion von Antithymozytenglobulin, Methylprednisolon, Rituximab, Belimumab, Immunglobulinen, eine Dosis Eculizumab sowie 17 Plasmapheresen. Mit Tacrolimus, Mycophenolat-Mofetil und Methylprednisolon wird die Immunsuppression dauerhaft aufrechterhalten.

Zur Infektionsprophylaxe erhält der Patient Valganciclovir und Trimethoprim/Sulfamethoxazol. Dennoch erleidet er postoperativ einige z.T. schwere Infektionen, darunter zwei Aspirationspneumonien mit kurzem Herzstillstand, die der Mann jedoch übersteht. Auch die moderaten bis schweren Abstoßungsreaktionen im ersten Monat nach der Retransplantation verschwinden durch die aggressive Desensibilisierungstherapie. Ein vorübergehendes Delir und zahlreiche Panikattacken werden mit Neuroleptika, Clorazepat und Sertralin behandelt.

Insgesamt ein Jahr lang im Spital

Nach insgesamt einem Jahr darf der Patient die Klinik verlassen. Mehr als drei Monate davon lag er auf der Intensivstation. Zwei Jahre später geht es dem Transplantatempfänger gut. Reize kann er mit dem neuen Gesicht wahrnehmen, allerdings ist die rechte Hälfte gelähmt. Es treten keine weiteren Komplikationen auf. Antikörper gegen den ersten Donor sind kaum noch vorhanden, die gegen den zweiten deutlich gesunken. Der Mann braucht keine Psychopharmaka mehr und geht wieder arbeiten.

Lantieri L et al. Lancet 2020; 396: 1758–1765

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