Home / Licht am Ende des Tunnels durch Impfstoff zu Jahresbeginn?

COVID-19-Pandemie

Licht am Ende des Tunnels durch Impfstoff zu Jahresbeginn?

Ein bisserl grantig sei auch er, gestand Gesundheitsminister Rudolf Anschober in seiner Erklärung am 01.09.2020. Nicht wegen der Kritik an ihm, mit dieser könne er schon umgehen, aber er sehne sich wie viele nach einem Ende der COVID-19-Pandemie. Um eine zweite Welle zu verhindern, appelliert er drei einfache Regeln einzuhalten – auch ohne gesetzliche Verordnung. Aufhorchen lässt seine Prognose, dass sich womöglich bereits im Jänner 300.000 Menschen gegen SARS-CoV-2 impfen lassen könnten. Zuerst sei Gesundheitspersonal an der Reihe, bis zum Sommer könnten aber alle, die das wollen, geimpft sein. Dies bekräftigte auch vier Tage früher Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), der von einem „Licht am Ende des Tunnels“ und einem „normalen Sommer“ spricht.

Schon vor Wochen habe er sich vorgenommen, eine Erklärung am Tag des meteorologischen Herbstbeginns abzugeben, setzte Sozial- und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) Mutmaßungen ein Ende, es könnte sich um eine Gegenrede oder eine Reaktion auf die Erklärung von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) Ende August handeln. Der Tag sei eine „Zäsur“, der Start in die Phase 4. Bevor Anschober, der seit 7. Jänner Bundesminister ist, aber darauf eingeht, schweift er ausführlich in die Vergangenheit, in „eine halbe Ewigkeit, fast meine ganze Amtszeit“, ab.

„Sternstunde des Zusammenhalts“

In wenigen anderen Industrieländern seien vergleichsweise so wenige Menschen an Corona gestorben – das Wichtigste für ihn, wie er beim Ausblick nochmals betonen wird. Als Gründe führt Anschober vor allem das „großartige Gesundheitssystem“ an, die „richtigen Maßnahmen“ ab Mitte März und die Bewohner des Landes, auf die er „stolz“ sei. Große Teile der Bevölkerung hätten Verantwortung übernommen, „eine Sternstunde des Zusammenhalts“.

Ihm seien die extremen Belastungen für jeden, Stichwort Homeoffice und Online-Unterricht, samt den sozialen Existenzängsten bewusst, er habe auch Hunderte Gespräche mit Menschen in Risikogruppen geführt. Große Belastungen mussten laut Anschober auch die Gesundheitsbehörden stemmen: 91 Verordnungen, 144 Rechtsakte (Erlässe, Gesetze), 11.000 Anfragen alleine in der Rechtsabteilung des Ministeriums, 105.000 Anfragen im Ministerium, 333 schriftliche Anfragen. Seine „große Bewunderung“ gelte aber auch den Mitarbeitern der Hotlines: 500.000 Anrufe bei der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit), 1,5 Mio. Anrufe bei der Gesundheitshotline 1450.

Dass „a bisserl a Grant entstanden“ sei, kann der gebürtige Oberösterreicher als „halber Wiener“ daher absolut nachvollziehen, er sehne sich auch danach, dass das endlich alles vorbei sei. Nach den Phasen 1 (Lockdown), 2 (Öffnungszeit) und 3 (Sommerzeit) komme nun die Phase 4. In diese starte man mit einer Zahl (fast 3.500 aktiv Erkrankte, 204 Neuinfektionen, Stand 01.09.2020), die „zu früh zu hoch“ sei. „Wichtig ist aber, dass wir wissen, warum die Zahlen gestiegen sind“, verweist Anschober auf den „hochprofessionellen Job“ der AGES bei den Cluster-Analysen und auch der regionalen Behörden beim Kontaktmanagement. Einerseits gebe es viele kleinere Cluster durch Familienfeiern, private Feste, andererseits Cluster durch Reiserückkehrer.

„Notbremse“ bei den Reiserückkehrern

Vor fünf Wochen habe es nur neun infizierte Reiserückkehrer gegeben, die Woche darauf 39, noch eine Woche später schon 385, begründet Anschober, warum die „Notbremse“ gezogen worden ist. Diese habe gewirkt, vergangene Woche sank die Zahl wieder auf 67. Auch würden immer mehr junge Menschen positiv getestet. Im April betrug das Durchschnittsalter 59 Jahre, vorige Woche lag es bei 30 Jahren. Bei den Hospitalisierungszahlen, die die Schwere der Erkrankungen anzeigen, gab es hingegen kaum Änderungen. Die Sterblichkeit sei gesunken, „für mich das Entscheidende“, wiederholt sich der Gesundheitsminister.

Die Dauer der Phase 4 gibt er mit mehreren Monaten an. Es sei eine „Phase des Risikos für die zweite Welle“. Die großen Pandemien bisher, von der Russischen Grippe über die Spanische bis hin zur Hongkong-Grippe, hätten alle gezeigt, dass die zweite Welle immer am stärksten war, weswegen das Verhindern einer solchen oberstes Ziel sei. Die Pandemie dürfe nicht mehr, so wie im März, „außer Kontrolle“ geraten.

Ein Werkzeug dazu werde die Corona-Ampel mit vier Indikatoren sein:

  • 7-Tages-Inzidenz,
  •  Anzahl der Tests,
  • Cluster-Analyse und
  • Kapazitäten im Gesundheitssystem.

Grün bedeute kontrolliertes Risiko, Gelb stärkeres Risiko, Orange sehr starkes Risiko und Rot hohes Risiko. Rot bedeute aber nicht Lockdown, versichert Anschober. Die Details dazu kündigt er für Freitag, 04.09.2020, an. Es werde einen „Schub an Transparenz“ geben, auf einer Website werden alle Entscheidungen der 19-köpfigen Corona-Kommission, davon neun Länder-Vertreter, ersichtlich sein. Sollte es kein Einvernehmen geben, wird mit Zwei-Drittel-Mehrheit abgestimmt.

„Entscheidungen, die Mediziner ein Leben lang zeichnen“

Die Kapazitäten im Gesundheitssystem in Österreich hätten immer gereicht, nur einmal in einem Bezirk in Tirol sei es knapp geworden, informiert Anschober. Aber auch da habe man das gemeinsam bewältigen können. Er sei vor wenigen Wochen in Paris auf einer Intensivstation gewesen und habe mit den Ärzten dort gesprochen. In den Apriltagen, berichteten die französischen Ärzte, sei es zu einer dreifachen Überbelegung gekommen. Sie hätten entscheiden müssen, wer behandelt wird und wer nicht. „Das sind Entscheidungen, die Mediziner ein Leben lang zeichnen“, ist der Gesundheitsminister froh, „dass wir unser Gesundheitssystem nicht zu Tode gespart haben“.

Zurück nach Österreich: Viele würden ihn „mit leuchtenden Augen“ fragen, auch Kinder, ob etwa Weihnachten wieder normal gefeiert werden könne. „Ich kann es nicht beantworten“, sagt Anschober pathetisch, „aber wir arbeiten genau an den Maßnahmen“, die das ermöglichen sollen. Gerade in Bezug auf Schulen gebe es ein „recht präzises Programm“ und eine „ausgezeichnete Kooperation“ mit dem Bildungsministerium. Was große Veranstaltungen angeht, hätten die Salzburger Festspiele gezeigt: „Ja, es geht.“

Sozialpolitik zu kurz gekommen

An Selbstkritik räumt Anschober ein, dass die Sozialpolitik zu kurz gekommen sei. Er habe eine Analyse in Auftrag gegeben, „die im September auf dem Tisch liegen wird“. Gedacht ist an einen Nationalen Aktionsplan gegen Armut, vor allem bei Kindern. Die Eckpfeiler der Pflegereform würden bis Jahresende stehen. Für die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) werde es noch im September eine Finanzierungsabsicherung geben. Und in puncto Arbeitsmarkt seien „grüne Investitionen“ geplant, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Gegen Ende seiner mehr als einstündigen Erklärung kam es dann zu einer Überraschung: Wenn die Zusagen der Hersteller halten und die Marktzulassung rechtzeitig erfolgt, könnten „bereits im Jänner“ die ersten gegen Corona geimpft werden, so seine Prognose. Das wäre ein optimaler Zeitpunkt, auch wegen der Grippe. „Als begeisterter Europäer bin ich schon stolz, was da gelungen ist“, sagt Anschober, „Österreich wäre sonst nicht in der Pole Position“. Vergangene Woche sei ein Vertrag abgeschlossen worden, dass Österreich um den Jahreswechsel herum 600.000 Impfdosen für die Impfung von 300.000 Menschen erhält. Es handle sich um einen Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens AstraZeneca*. Darüber hinaus gebe es Verhandlungen mit weiteren fünf Firmen.

Anschober rechnet mit 50 Prozent Corona-Impfquote

Als erstes werde man die Gesundheitsberufe impfen, aber bis zum Sommer 2021 könnten alle, die sich impfen lassen wollen, geimpft werden. Anschober schätzt auf Basis einer Umfrage, dass dies etwa 50 Prozent tun werden, was angesichts einer Impfquote von 8–9 Prozent bei der Grippe-Impfung ein Erfolg sei.

Abschließend appelliert Anschober ein drittes Mal: „Meine Bitte: Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche – möglichst wenige Todesfälle und schwere Erkrankungen in der Pandemie.“ Außerdem: „Ja, kritisieren Sie mich!“ Das sei essenziell in einer Demokratie, „ich kann umgehen damit“. Er werde zuhören, auch wenn es ihm nicht in den Kram passe (Stichwort Opposition), den Dialog mit dem Nationalrat und Bundesrat deutlich intensivieren und die Rechtsabteilung aufstocken.

Jetzt im Herbst werde es wieder ernst. Das Virus liebe längere Aufenthalte in schlecht durchlüfteten Räumen, erinnert Anschober. Dazu kämen andere Infektionskrankheiten etwa durch Rhinoviren und grippeähnliche Erkrankungen sowie die Influenza. Der Mund-Nasen-Schutz (MNS) werde daher „ein wichtiger Begleiter sein“, nicht nur gegen Corona, sondern auch andere Infektionskrankheiten.

Die Regeln seien keine „Raketenwissenschaft“, sondern einfach wie in jeder Pandemie: Hygienemaßnahmen, Mindestabstand in allen Bereichen, „auch wenn es gesetzlich nicht vorgeschrieben ist“ und MNS. Eines sei auch klar, zuerst komme die Gesundheitsfrage, erst dann sei der Konjunkturaufschwung möglich. Er wisse „von Herzen, dass wir das hinkriegen werden“.

Kanzler Kurz: „Licht am Ende des Tunnels“

Auch Kurz machte in seiner – mit knapp einer halben Stunde deutlich kürzeren – Erklärung zur aktuellen Lage und Ausblick auf den Herbst am Freitag, 28.09.2020, Mut: „Es gibt Licht am Ende des Tunnels. Die Corona-Krise kann kürzer andauern, als Experten vorausgesehen haben.“ Österreich habe im internationalen Vergleich die Krise sehr gut gemeistert. Der nächste Sommer könne ein „normaler“ werden.

„Der Herbst wird eine gesundheitspolitische Herausforderung und eine schwierige Zeit für uns alle werden, aber wir können zuversichtlich sein“, so sein Fazit, „denn wir können uns sicher sein, dass diese Krise uns zwar zurückgeworfen hat, aber sie wird uns nicht aufhalten. Wir werden in absehbarer Zeit zur gewohnten Normalität zurückkehren können und wir werden gemeinsam sicherstellen, dass unser wunderschönes Österreich auch diese Herausforderung gut übersteht.“

Impfstoffe: Enge Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium

Dass Kurz hier tatsächlich große Hoffnungen auf Medikamente und Impfungen setzen dürfte, wird in der anschließenden Diskussion auf Nachfrage von Journalisten zu den hohen, geplanten Bestellmengen von 8 Mio. Impfdosen klar: Das Bundeskanzleramt sei in dieser Frage eng mit dem Gesundheitsministerium bei den Impfstoffen abgestimmt, antwortet der Bundeskanzler.

Und: „Es ist wichtig, jetzt breitestmöglich Impfstoffe zu reservieren. Es ist ein Wettlauf der unterschiedlichen Staaten und Unternehmen im Moment, wer als erster den Durchbruch erzielt“. Insofern sei er „froh, dass wir hier in Österreich gut abgestimmt arbeiten, aber auch auf europäischer Ebene zusammenhalten, denn der Impfstoff wird ein wesentlicher Meilenstein sein in der Bewältigung dieser Pandemie“.

„Wir werden keine Impfpflicht einführen“

Wer sich nicht impfen lassen möchte, der wird das nicht müssen, beruhigt Kurz: „Wir haben keine Impfpflicht in Österreich und werden sie auch nicht einführen.“ Viele hätten auch die Sorge wegen Nebenwirkungen, da die Impfstoffe „ganz frisch am Markt“ seien: „Auch da können wir die Garantie abgeben, die österreichischen Behörden werden einen Impfstoff nur dann zulassen, wenn er auch erprobt ist.“ Jeder Tag zähle, „an dem wir früher einen Impfstoff oder einen Durchbruch bei einem Medikament erzielen, weil das die Pandemie massiv beschränken wird und das dazu führen wird, wieder zur Normalität zurückkehren zu können“.

*https://www.astrazeneca.at/content/az-at/medien/press-releases/2020/astrazeneca-schliesst-vereinbarung-mit-der-europaischen-kommission-fur-die-lieferung-von-bis-zu-400-millionen-dosen-des-covid-19-impfstoffs-azd1222.html

Weitere Impfstoffe in Phase III: https://www.who.int/publications/m/item/draft-landscape-of-covid-19-candidate-vaccines

LOGIN