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Dr. Stelzl

Es lebe der Weltuntergang

So langsam stellt sich die Frage, wie meinereine ihre geistig-psychische Gesundheit einigermaßen unbeschadet durch dieses Zeitalter bringen soll. Einerseits kann und will ich nicht die „Einundfünfzigjährige, die auf einen Hügel stieg und nie mehr herunterkam“ werden und andererseits will ich schon gar nicht, dass mir das Hirn überkocht. Ich muss also eine Balance finden und darf nicht zulassen, dass mein äußeres Leben mein inneres umbringt. Das ist nicht leicht! Natürlich will Frau Doktor sich fortbilden, also habe ich mir stundenlang Webinare mit neuesten Erkenntnissen der verschiedensten „Covidologen“ reingezogen. Und dann muss frau als Hausärztin ja unbedingt wissen, was ihre Patienten bewegt und quält.

Also ziehe ich mir am iPhone regelmäßig die diversen Zeitungsartikel rein – Regionales, Lokales, Nationales und Internationales. Vom Standard bis zur Krone. Denn wirklich wahr ist etwas erst, wenn es in der Krone steht oder noch besser in oe24. Deshalb erhalten diese wichtigen Informationsquellen auch die meiste Medienförderung. Und deshalb darf ich mich diesen Informationen und Anregungen auch nicht verschließen. Sonst kann ich viele meiner armen Patienten nie wirklich dort abholen, wo sie stehen. Allerdings: Die Dosis macht das Gift, und mittlerweile reichen mir die Überschriften. Alles darüber hinaus würde meinen persönlichen PPI-Verbrauch dann doch zu sehr erhöhen.

I wie Infektionen

Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, versuche ich es tunlichst zu vermeiden, die angstzerfurchte Stirn und die schreckensgeweiteten Augen sowie den erhobenen Zeigefinger von Gesundheitspolitikern oder Popstar-Virologen zu betrachten. Das könnte mir einfach zu sehr unter die Haut gehen und zu viel Angst machen. Denn Angst habe ich. Nur nicht unbedingt zwingend in erster Linie vor COVID-19. An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass ich Infektionskrankheiten keineswegs harmlos finde. Und deshalb erzähle ich Ihnen jetzt auch ein paar ganz persönliche Dinge. Vor zirka dreißig Jahren, irgendwo zwischen Merida (Yucatán) und Belize City trieb mich die Ruhr in die Hypovolämie und Elektrolytentgleisung.

Krampfend und halb weggetreten kollabierte ich in einem Buschlazarett zu Füßen der diensthabenden Krankenschwester. Eine resolute Farbige mit Rastalocken, riesigen Plattfüßen und offenbar im 26. Monat schwanger. „No doctorrrr tonite. But no worrrries. I trreat you.“ Das waren die letzten Worte, die ich gehört habe, bevor ich völlig weggetreten bin. Die Lady hat ihren Job beherrscht, denn ich wachte tatsächlich wieder auf (in einer rostigen, gitterbettartigen Liegestatt). Das Erlebnis versorgte mich noch jahrelang verlässlich mit immer wiederkehrenden Panikattacken. Ich werde wütend, wenn die Grippe verharmlost wird. Mein Liebster hatte nämlich eine. Er war Mitte dreißig, gesund, Sportler. Und es war nicht einmal eine besonders schlimme Grippe. Trotzdem bekam er eine Myocarditis. Und die hat unser beider Leben damals ziemlich aus der Bahn geworfen, und die Auswirkungen und die Tabletten werden ihn immer begleiten.

Und mein bester Freund ist gestorben. Als Kind hatte er eine Hepatitis B. Nichts Ungewöhnliches, wenn man nicht in Mitteleuropa geboren wird. Und eines Tages mit vierzig war er plötzlich ganz gelb im Gesicht und wenige Wochen später war er ganz tot. Nein, ich finde Infektionen gar nicht niedlich. Ganz im Gegenteil. Ich habe auch Respekt vor COVID- 19. Mit den Worten meiner Cousine, die eine hervorragende Zahnärztin ist: „Ich behandle sowieso seit immer schon jeden, als hätte er die Pest UND die Cholera. Wieso soll jetzt was anders sein? Was soll der Sch…?“ Das ist die große und interessante Frage. Warum tun wir, als hätte es vor Corona noch nie Krankheit oder Tod gegeben? Warum tun wir noch immer so, als wäre Corona das einzige Gesundheitsproblem auf diesem Planeten? Und warum suggerieren wir uns, dass es nur und einzig darum geht, Coronaerkrankungen zu verhindern, und dann ist alles gut? Ich hab so die Nase voll von unserer Hymne und unserem Credo: „COVID, COVID über alles!“ Wann werden wir beginnen, sachlich und rational mit dem Thema umzugehen? Und wann endlich darüber nachdenken, wie wir auf Dauer mit dem Virus leben wollen?

«Nostradamos du jour»

Ich weiß schon, dass gute Nachrichten keine Verkaufszahlen bringen. Und deshalb ist es natürlich urblöd, dass zumindest im Moment, da ich diese Kolumne schreibe, nichts Schlimmes passiert (hier bei uns in unserem kleinen, behüteten Leben). Die erste Welle hat uns nicht umgebracht (zumindest nicht coronatechnisch. Was andere Erkrankungen anbelangt bzw. psychisch-sozial-ökonomisch, ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen). Also könnten wir glücklich und zufrieden mit gewaschenen Pfoten und mit genügend Abstand bei einem Gläschen Prosecco hocken. Und dankbar sein für das Leben, das wir haben. Doch offenbar geht das nicht. Denn wenn einmal kein „Nostradamos du jour“ die Angst vor der zweiten Welle predigt, startet irgendeine Zeitung eine Umfrage: „Habt ihr Angst vor der zweiten Welle?“ „Werden wir eine zweite Welle überleben?“ Armageddon ist so geil!

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