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Monitoring-Programm mit Gurgeltest

Rote Corona-Ampel bedeutet Notbetrieb in Schulen

Raus ins Freie, denn drinnen hängt alles an der Corona-Ampel des Bezirks – so der Plan von Bildungsminister Heinz Faßmann für die Schulen: Grün heißt häufiges Fensteraufreißen, Gelb Maskenpflicht bis zum Platz, Orange Singverbot samt Distance Learning ab Oberstufe und Rot stoppt jeglichen Präsenzunterricht. Bei Verdachtsfällen ist das Procedere wie bisher. Zudem sollen 15.000 Schüler und ihre Lehrer alle drei Wochen gurgeln – für ein SARS-CoV-2-Monitoring. Schulärzte-Referentin Dr. Sabine Badelt von der Ärztekammer appelliert, trotz COVID-19 auch andere Krankheiten im Kopf zu haben.

Der Schichtbetrieb ist Geschichte, die nach Pfingsten abgeschaffte Maskenpflicht erlebt ein Revival. Zumindest ab Gelb, Stufe 2 der vierfärbigen Corona-Ampel. Der grüne Bereich ist dem ÖVP-Bildungsminister sichtlich am liebsten. „Ich will einen normalen Schulbetrieb“, sagt Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann bei einem Pressegespräch am 17.08.2020, er wolle aber auch eine „sichere Umgebung“ für Schüler und Lehrer. Das bedeute „häufiges Lüften“ und zwar alle 20 Minuten für fünf Minuten. Der Bundesminister beruft sich dabei auf die Expertise von Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr. Hans-Peter Hutter, MedUni Wien. Im Winter könne man ja den „Anorak“ mit in die Klasse nehmen, antizipiert Faßmann eventuell coole Schülerklagen über Kälte.

Mund-Nasen-Schutz nicht am Sitzplatz

Außerdem empfiehlt er möglichst viel Unterricht im Freien, nicht nur für naheliegende Fächer wie Bewegung und Sport oder Biologie. Auch ein Aufsatz etwa lasse sich draußen schreiben. Einen Mund-Nasen-Schutz (MNS) halte er für „wichtig“, allerdings erst ab Ampelfarbe Gelb. So wie bis 29.05.2020 müssen Schüler den MNS nicht am „stationären Platz“ tragen, sondern nur im Eingangs- und Gangbereich. Ausnahme: Schulfremde Personen haben immer MNS-Pflicht. Die Klassen werden nicht mehr halbiert, sondern als „epidemiologische Einheit“ begriffen – mit möglichst wenig Durchmischung auch in den Pausen.

Es gelte die vom Gesundheitsministerium angekündigte Corona-Ampel (derzeit im unsichtbaren Probebetrieb, siehe https://medonline.at/10057631/2020/corona-ampel-kommission-entwirft-wellenbrecher-der-nation/) auf Ebene des politischen Bezirks, stellt Faßmann klar, dass es doch keine eigene Schulampel geben wird. Gelb bedeutet auch Singen mit MNS drinnen. Ab Orange ist Singen nur mehr im Freien erlaubt. Lehrerkonferenzen dürfen nur mehr online stattfinden, für die Sekundarstufe 2 (ab der neunten Schulstufe, 15–19-Jährige) ist Distance Learning vorgesehen. Rot, also bei einem „lokalen Lockdown“ durch die Gesundheitsbehörde, erklärt Faßmann, heiße dann Distance Learning für alle. Allerdings sei „noch nicht alles in Beton gegossen“.

Eigene Corona-Schulhotline: 0800 21 65 95

Für das Distance Learning habe man sich gut vorbereitet, das Portal „Digitale Schule“ soll pünktlich mit Schulstart funktionieren, mit einem einzigen „Login für alles“, jede Schule darf auch nur eine einzige Lernplattform verwenden. Weiters soll es (wieder) Leihgeräte geben. Derzeit laufe auch eine europaweite Ausschreibung für 160.000 Geräte, „das größte Beschaffungslos im Bildungsbereich“, informiert Faßmann. Zu Schulbeginn werde auch eine eigene Corona-Schulhotline (0800 21 65 95) eingerichtet sein, um den vielfach geäußerten Wunsch nach einem einzigen Ansprechpartner zu entsprechen, berichtet der Minister.

Da Lehrer für Faßmann „Schlüsselarbeitskräfte im Bildungsbereich“ sind, brauchen sie Bedingungen, „die ein gesundheitlich abgesichertes Unterrichten möglich machen“. FFP-2-Masken werden kostenlos für Lehrer, die einer Risikogruppe angehören, vorgehalten. Ebenso Impfdosen gegen Influenza für alle Lehrer. Sowohl Lehrkräfte und Verwaltungspersonal als auch Schüler, die einer Risikogruppe angehören, können sich durch das vom Gesundheitsministerium definierte COVID-19-Risiko-Attest von der Präsenz an der Schule freistellen lassen. Eine Freistellung ist auch möglich, wenn Angehörige einer COVID-19-Risikogruppe im gemeinsamen Haushalt leben.

Befreiung auch bei „psychischer Belastung“

Zusätzlich gebe es für alle Lehrer und Schüler die Möglichkeit, sich bei einer „unzumutbaren psychischen Belastung“, insbesondere bei steigenden Infektionszahlen, gegen Vorlage eines ärztlichen Attests vom Präsenzunterricht befreien zu lassen, heißt es im COVID-19-Hygiene- und Präventionshandbuch*. Freilich können alle Befreiten für andere Tätigkeiten im Home Office wie Betreuung im Distance Learning herangezogen werden. Schüler haben den Stoff – wie in anderen Krankheitsfällen auch – grundsätzlich selbstständig nachzulernen. Das Handbuch sieht auch die Einrichtung eines Krisenteams an jeder Schule vor, samt Konzept für den Notbetrieb bzw. für die Einrichtung von Lernstationen für die Primar- und Sekundarstufe I.

Gebe es einen COVID-19-Verdachtsfall, so sei der betroffene Schüler in einen separaten Raum zu bringen und sofort die für den Bezirk zuständige Gesundheitsbehörde zu verständigen. Diese – und nur diese – entscheidet über das weitere Vorgehen. „Das Kontaktpersonen-Management soll natürlich soweit wie möglich einheitlich sein, hier sind wir im laufenden Austausch mit den Landessanitätsdirektoren“, informiert dazu das Gesundheitsministerium auf Anfrage. Für die Schule gelte grundsätzlich die Ampelfarbe des Bezirks. Für Regionen mit starken Pendlerbewegungen (ganz allgemein) könne die Corona-Kommission im Bedarfsfall entsprechende übergreifende Empfehlungen abgeben. Die Schulärzte würden natürlich unterstützend zur Seite stehen, sofern sie vor Ort seien, wie Dr. Sabine Badelt gegenüber medonline ausführt (siehe „Drei Fragen“). Die Referentin am Referat für Schulärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) plädiert dafür, dass wieder alle normalen Untersuchungen sowie die nötigen Impfungen stattfinden sollen, und hält übrigens überall dort einen MNS für sinnvoll, wo kein Mindestabstand möglich sei.

Beim MNS dürfte tatsächlich noch nicht das letzte Wort gesprochen sein, da ÖÄK-Chef Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres einen MNS für größere Kids für zumutbar hält. „Kinder ab zwölf sind schon kleine Erwachsene“, sagt der Präsident in Wien auf einer Pressekonferenz mit Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) am gleichen Tag wie Faßmann. Wie ein Treffen der Rotarier in Salzburg gezeigt habe, bringt Szekeres ein Beispiel, sei die Übertragungsgefahr in geschlossenen Räumen hoch, wenn ein Infizierter dabei sei und viel spreche. „Wir appellieren an alle Menschen in Österreich, konsequent MNS zu tragen, wo dies erforderlich ist, sowie immer dann, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann“, wird vonseiten des Gesundheitsministeriums gemahnt.

Gewerkschafter fordern Unterstützung durch „medizinisches Personal“

Lehrer-Gewerkschaften sehen auch noch Klärungsbedarf, wann genau von einem Verdachtsfall auszugehen sei. Laut Handbuch sollen Lehrer bei Einzelsymptomen prüfen, ob es eine andere „plausible Erklärung“ wie grippale Infekte in der Familie gebe. Paul Kimberger, Vorsitzender der Bundesleitung der Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer, Oberösterreich, fordert hier laut einem Bericht in den „OÖNachrichten“ (19.08.2020) Unterstützung durch „medizinisches Fachpersonal“, da Lehrer derartige Urteile nicht fällen könnten. Schulärzte seien kein Ausweg, „denn es gibt keine flächendeckende Versorgung mit Schulärzten“.

Faßmann versprühte zwar Optimismus, sagte aber auch klar: „Es wird zu Schulschließungen kommen, zu Distance Learning, auch zu Fehlern und Unzulänglichkeiten.“ Aber den „generellen Lockdown werden wir zu verhindern versuchen“. Große Hoffnung setzt der Bildungsminister auch in ein Monitoring-Programm mit der Gurgelwasser-Methode, das jedoch „keine Konkurrenz“ zu Gesundheitsbehörden sei: In Zusammenarbeit mit den Medizinischen Universitäten Wien, Linz, Graz und Innsbruck sowie der Universität Wien sollen 15.000 Schüler und 1.200 Lehrer an 250 Standorten in ganz Österreich alle drei Wochen „schmerzfreie“ Gurgeltests mit anschließender PCR-Testung des Gurgelats durchführen.

Gurgeln in aller Munde

Die Gurgeltests seien nachweislich so verlässlich wie Rachentests, hat Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Wagner, Dekan des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft an der Universität Wien, herausgefunden. Der Mikrobiologe, der sich freut, dass nun „Gurgeln in aller Munde“ sei, leitete eine Studie zur Gurgel-Methode (alle Details plus Video siehe: https://medonline.at/10056331/2020/wenn-tausende-kinder-zeitgleich-gurgeln/). Diese wurden im Rahmen der „Vienna COVID-19 Diagnostics Initiative“ (VCDI) – einem Zusammenschluss von 21 Wiener Forschungsinstituten unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Alwin Köhler von den Max Perutz Labs der Uni Wien und der MedUni Wien – entwickelt.

Schwere Verläufe bei Kindern selten, aber möglich

Zunächst redete Wagner Tacheles: „Kinder können sich ebenso leicht wie Erwachsene anstecken.“ Sie hätten gleich viele infektiöse Viren im Rachen wie Erwachsene, junge Erwachsene teilweise sogar mehr. Erst jüngst hätten sich auf einem Camp in Georgia, USA, 51 von 100 Kindern im Alter zwischen 6 und 10 Jahren angesteckt. Die gute Nachricht: Kinder zeigen seltener Symptome und es kommt selten zu schweren COVID-19-Verläufen, die aber auch tödlich enden können. So seien in den USA 89 Kinder gestorben. Auch „kerngesunde“ sowie sportliche Kinder und junge Erwachsene könnten schwer erkranken und sterben.

Im Herbst könne es zu Doppelinfektionen kommen, also SARS-CoV-2 und normale Erkältungsviren mit Symptomen wie Husten, weswegen sie andere leichter anstecken könnten. Das Schulmonitoring mit der Gurgel-Methode soll nun eine Einschätzung ermöglichen, ob die bisher getroffenen Maßnahmen für eine sichere Schule ausreichen oder ob man nachschärfen müsse. Eines sei klar: Schulen seien keine „Insel der Seligen“, sie spiegeln das Infektionsgeschehen in der Gesellschaft wider. Wenn der Gesellschaft Kinder, ältere Personen, Menschen mit Vorerkrankungen etc. wichtig seien, „muss man auch verzichten“, hält Wagner ein Plädoyer, jetzt nicht unbedingt Dinge zu unternehmen, die zur Verbreitung des Virus führen.

Kinder können übrigens sehr gut gurgeln, weiß Wagner, wovon sich die Anwesenden gleich selbst überzeugen konnten: Zwei junge Probanden namens Augi und David machten unter Anleitung von Mag. Martina Fondi und Mag. Christine Schnabl, Fachhochschul-Professorinnen der FH Campus Wien, coram publico bravourös die Probe aufs Exempel.

* unter: https://www.bmbwf.gv.at/Ministerium/Informationspflicht/corona/corona_schutz.html

„Schulärzte werden mithelfen, die Situation zu beruhigen“

Medonline stellte drei Fragen an Dr. Sabine Badelt, Referat für Schulärzte, Österreichische Ärztekammer:

  1. Bildungsminister Heinz Faßmann hat gesagt, dass bei einem Verdachtsfall der betroffene Schüler in einen getrennten Raum zu bringen und die zuständige Gesundheitsbehörde zu verständigen sei. Die Behörde entscheide dann das weitere Vorgehen. Was wird die Rolle der Schulärzte sein?

Wie schon im vergangenen Schuljahr wird das erkrankte Kind in den vorher festgelegten Raum gebracht und die zuständige Gesundheitsbehörde oder das Gesundheitsamt – je nach Schulstandort – informiert. Wenn das Kind medizinische bzw. sonstige Unterstützung braucht, wird diese natürlich der Schularzt – falls er vor Ort ist – übernehmen. Schulärzte werden mithelfen, die Situation zu beruhigen. Wo viele Menschen zusammen sind, entsteht immer schnell einiges an Aufregung. Hier werden wir wieder die Schulleitung beraten, im Bedarfsfall die jeweiligen Lehrer/Kinder/Eltern informieren und mithelfen zu klären, wer überhaupt nahen Kontakt hatte.

 

  1. Was halten Sie von den bisher vorgestellten und mit der Corona-Ampel gekoppelten Maßnahmen des Bildungsministeriums wie etwa Lüften alle 20 Minuten, viel Unterricht im Freien, MNS ab Farbe Gelb beim Eingang bzw. in den Gängen, FFP2-Masken für Lehrer mit Risiko etc. und was möchten Sie aus medizinischer Sicht noch einbringen?

Ich denke, dass das regelmäßige Lüften des Klassenzimmers ein ganz wichtiger Punkt ist, der auch bisher z.B. in Grippezeiten viel zu kurz gekommen ist. Einen MNS in Bereichen, wo der Mindestabstand nicht gegeben ist, und FFP2-Masken für Risikopersonen erachte ich für sinnvoll.

Händedesinfektion würde ich nur an Orten empfehlen, wo kein Händewaschen möglich ist – sicher nicht zu oft, um die Haut zu schonen. Aus medizinischer Sicht möchte ich auch noch hinzufügen, dass alle normalen Untersuchungen wieder stattfinden sollten – genauso wie nötige Impfungen! Wir sollten durch COVID-19 nicht auf alle anderen Krankheiten vergessen bzw. mögliche Erkrankungen übersehen!

 

  1. Befürworten Sie den Vorschlag von BM Faßmann und Prof. Michael Wagner, wonach die Gesundheitsbehörden für Schüler statt des (unangenehmen) Rachen-Nasen-Abstrichs auch die Gurgelwasser-Methode verwenden sollen?

Wenn die Gurgellösung die gleiche Sicherheit bei den Ergebnissen zeigt und wirtschaftlich akzeptabel ist, so ist sie sicher angenehmer in der Anwendung und für unsere Schülerinnen und Schüler zu befürworten.

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