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Multiple Sklerose

COVID-19: geringe Risiken und neue Chancen für MS-Patienten?

An Multipler Sklerose (MS) erkrankte Personen haben nach bisherigen Erfahrungen kein generell erhöhtes Risiko für schwere Verläufe unter COVID-19. Der Umdenkprozess in der Arbeitswelt könnte sogar neue Chancen bieten, meint Univ.-Prof. Dr. Barbara Kornek, Oberärztin an der Wiener Universitätsklinik für Neurologie und Präsidentin der MS-Gesellschaft Wien. (CliniCum neuropsy 3/20)

CliniCum neuropsy: Was beschäftigt MS-Patientinnen und Patienten im Zusammenhang mit COVID-19?

Kornek: „Durch Homeoffice und andere flexiblere Arbeitsmodelle können sich für MS-Patienten tatsächlich neue Chancen ergeben.“

Barbara Kornek: Schon zu Beginn der Pandemie kontaktierten mich viele Patientinnen und Patienten per Mail oder Telefon, weil sie wissen wollten, ob und wie sie ihre Therapie fortsetzen sollen bzw. ob eine MS-Therapie mit einem höheren Risiko einhergeht, an COVID-19 zu erkranken. Anfang Mai wurden die Patienten dann durch ein Schreiben der Krankenkassen aufgefordert, ihr individuelles Risiko mit den behandelnden Ärztinnen zu besprechen. Auch in diesem Zusammenhang kommen jetzt viele Anfragen.

Was wissen Sie bisher über einen möglichen Zusammenhang zwischen MS und COVID-19?

Nach heutigem Wissensstand gelten für MS-Erkrankte prinzipiell die gleichen Risikofaktoren für schwere Verläufe wie für alle Menschen. Dazu gehören ein höheres Lebensalter, bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Übergewicht. Bei MS dürfte zusätzlich eine Einschränkung der Gehfähigkeit sowie bestimmte immunsupprimierende Therapien das Risiko erhöhen. Es gilt jedoch stets, dass nicht einzelne Faktoren ausschlaggebend sind, sondern immer deren Summe. Wir müssen daher auf jede Situation individuell eingehen – immerhin ist die Pandemie für die Patienten genauso neu wir für uns als behandelnde Ärztinnen.

Welche wissenschaftlichen Daten zu MS und COVID-19 brauchen wir nach Ihrer Ansicht möglichst bald?

Bislang haben wir nur Berichte aus Ländern wie Frankreich, Italien oder den USA sowie unveröffentlichte Erfahrungen von einzelnen MS-Zentren, sodass wir im Moment einige 100 MS-Patienten mit Corona-Infektionen überblicken. Die Schwierigkeit besteht auch darin, dass zu Beginn der Pandemie noch keine Tests verfügbar waren und wir nicht immer von gesicherten Infektionen ausgehen können. Auch haben wir so gut wie keine Daten über Patienten mit asymptomatischen Verläufen. Wir brauchen also größere Fallzahlen und auch gut dokumentierte Krankheitsverläufe. Beruhigend ist jedoch, dass Corona-Infektionen nach derzeitigem Wissensstand bei MS-Patienten nicht anders verlaufen als in der Allgemeinbevölkerung.

Welche Erkenntnisse gibt es aktuell im Zusammenhang mit immunsupprimierenden Therapien.

Auf Patientinnen und Patienten, die aufgrund ihrer individuellen Therapie ein erhöhtes Infektionsrisiko haben, hatten wir schon bislang ein besonderes Augenmerk – daran ändert auch COVID-19 nichts. Einer aktuellen Hypothese zufolge könne sich eine milde Immunsuppression bei COVID-19-Erkrankten mit schwerem Verlauf und Atemwegskomplikationen sogar günstig auswirken. Zwei MS-Medikamente (Fingolimod und ein Interferon-beta-Präparat, Anm.) werden diesbezüglich gerade in Studien untersucht.

Könnte sich das Zurückfahren der Routine-Versorgung im Gesundheitswesen nachteilig auf MS-Patienten ausgewirkt haben?

Zum Teil schon: Manche waren von Abbrüchen bei Reha-Aufenthalten betroffen und wir können auch nicht ganz ausschließen, ob bei Therapien, die ein intensives Monitoring benötigen, Komplikationen übersehen bzw. zu spät erkannt wurden. Ich habe selbst eine Patientin gehabt, die in dieser Zeit von sich aus auf eine mögliche Komplikation aufmerksam wurde, die wir dann telefonisch abklären konnten. Insgesamt scheint der Zeitraum von sechs bis acht Wochen aber vertretbar. Ich denke auch nicht, dass dadurch die Diagnose neu auftretender Erkrankungen verzögert wurde: Auch in diesem Zeitraum war es bei schweren Symptomen gut möglich, zu einer ärztlichen Konsultation zu kommen.

Sie sprachen in einem Webinar für die MS-Gesellschaft auch von neuen Chancen für MS-Erkrankte in der Arbeitswelt. Wo genau sehen Sie diese?

Durch Homeoffice und andere flexiblere Arbeitsmodelle können sich für MS-Patienten tatsächlich neue Chancen ergeben. Die meisten wollen arbeiten, sind aber nicht immer zu 100 Prozent leistungsfähig. Da hilft es schon, wenn sie sich die Arbeitszeit freier einteilen können oder häufige Toilettengänge nicht auffallen. Risikoatteste werden natürlich in Einzelfällen ausgestellt, etwa unter einer immunsupprimierenden Therapie oder bei Vorliegen von Begleiterkrankungen, wenn am Arbeitsplatz die Schutzmaßnahmen nicht immer eingehalten werden können. Das Ausstellen erfolgt aber immer nur auf Wunsch der Patienten; einige sagen von sich aus, sie wollen trotz erhöhten Risikos weiterarbeiten. Das unterstütze ich auch.

Vielen Dank für das Gespräch!

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