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Gesundheitsvorsorge neu im digitalen Zeitalter

Digitale Tools in der Medizin einzusetzen kann Sinn machen, unterstrich der Public-Health-Experte Priv.-Doz. Dr. Alexander Zink aus München bei der ÖGDV-Tagung. (CliniCum derma 1/20)

Wem gehören die Patientendaten? Auf diese Frage antwortet der Dermatologe und Public-Health-Experte Priv.- Doz. Dr. Alexander Zink, MPH von der Fakultät für Medizin der TU in München: „Wir Europäer sagen, die Daten gehören dem Patienten. Die Amerikaner sagen, die Daten gehören den großen Firmen; und die Chinesen sagen, die Daten gehören dem Staat.* Wir haben zwar die Datenschutz-Grundverordnung, die vieles reguliert und sehr wertvoll ist, aber wenn jeder am Abend zu Hause mit Alexa und Co. spielt und dabei Daten sammeln lässt, wird sie ad absurdum geführt. Ich glaube, dass gerade wir Europäer uns einsetzen müssen, dass der Patient darüber entscheiden kann, wer die Daten bekommt und auswerten darf.“ Public Health ist die Medizin für eine Bevölkerung oder eine Subpopulation, deren Lebenserwartung, Gesundheitszustand und Krankheitsvermeidungsverhalten verbessert werden soll.

Am Anfang steht immer ein Monitoring, um das Problem zu identifizieren und seine Entwicklung zu verstehen, danach werden Risikofaktoren bestimmt und die entsprechenden Interventionen implementiert, die anschließend in Bezug auf ihre Effizienz bewertet werden müssen. Für all diese Schritte können unterschiedliche digitale Werkzeuge und soziale Medien als Hilfsmittel eingesetzt werden. Als beispielgebend kann die australische Public-Health- Kampagne zur Prävention von Hautkrebs angesehen werden, die mit den einprägsamen Schlagwörtern „Slip, Slop, Slap, Seek and Slide“ die Bevölkerung gut gelaunt und doch eindringlich motiviert, sich vor der Sonne zu schützen.

Neben der Gesamtbevölkerung wurden auch Risikogruppen, wie z.B. die Outdoorworker speziell angesprochen. Mittlerweile sind in Australien Bauarbeiter mit nacktem Oberkörper und ohne Sonnenschutz selten geworden. Der Erfolg gibt Australien recht. Die Evaluierung dieser Kampagne zeigt, dass die Kosten dafür 1.360 Australische Dollar (ca. 840 Euro) pro erhaltenem gesunden Lebensjahr betrugen. Im Gegensatz dazu liegt der Fokus in Mitteleuropa bisher eher auf der Sekundärprävention“, so Zink. „Laut Studien kostet dies pro erhaltenem gesunden Lebensjahr rund 4.240 Euro für Männer und 6.870 Euro für Frauen“.

Google-Suche und Tumorregister korrelieren

Um unterschiedliche Bevölkerungsgruppen entsprechend zu beobachten, hat sich Google (z.B. Google Ad-Words Keyword Planner oder Google Trends) als brauchbares Werkzeug erwiesen. Der Suchdienst Google wird von 96 Prozent der Bundesbürger in Deutschland genutzt. „Hier kann man auswerten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gegoogelt wird und damit Rückschlüsse auf das Auftreten bestimmter Erkrankungen ziehen“, sagt der Public-Health-Experte. „Für die Vereinigten Staaten von Amerika konnte schon vor einigen Jahren sehr schön gezeigt werden, dass das Google Suchvolumen zu den zehn häufigsten malignen Erkrankungen wie Mamma-, Prostata-, Lungenkarzinom und anderen signifikant mit den Zahlen der entsprechenden Tumorregister korreliert. Hier besteht die Idee, die Zahlen der Suchanfragen zu Erkrankungen ohne entsprechende Register zu extrapolieren, um Informationen über die Prävalenz einzelner Erkrankungen zu erhalten.“

Alexander Zink und sein Team haben sich für München die Google-Suchanfragen zum Thema Heuschnupfen angeschaut, wobei die Patienten natürlich meist nicht die Diagnose, sondern die Symptome googeln. Gemäß der Erfahrung der dermatologisch-allergologischen Praxis hat im Winter kaum jemand Beschwerden, während diese im Frühjahr ansteigen, um danach wieder abzufallen. Genau diese Kurve bildet sich auch in den Google-Suchanfragen ab. Ebenso geht in kalten und regenreichen Frühlingsmonaten die Anfragenzahl entsprechend zurück. Durch die Weiterentwicklung dieser Auswertungen können sehr interessante Daten generiert werden.

Einsatz digitaler Tools

Es kann sehr spannend sein, Städte und Regionen miteinander zu vergleichen, was die Arbeitsgruppe von Zink für den Begriff „Hautkrebs“ getan und so neun deutsche Städte analysiert hat. Während in Berlin in einem bestimmten Zeitraum pro 100.000 Einwohner 27.000-mal nach „Hautkrebs“ gegoogelt wurde, war es in München 42.000-mal pro 100.000 Einwohner und in Stuttgart sogar 50.000-mal. „Wir müssen diese Daten erst im Detail interpretieren“, sagt Zink, „aber damit können wir klar zeigen, dass es Sinn macht, neue digitale Tools einzusetzen.

All das kann man auswerten und in Kontext mit Medizin und Klinik setzen und dann daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen, letztlich vielleicht auch in Kombination mit Smart- Skin-Sensoren, die non-invasiv, transepidermale biochemische Prozesse visualisieren können. Hier haben wir die Möglichkeit, völlig neue Erkenntnisse zu gewinnen, auch um nicht der Krankheit hinterherzulaufen, sondern möglichst früh über Informationen zu verfügen und entsprechende Prävention betreiben zu können.“

* Anmerkung der Redaktion: Auch in Europa können Daten lt. EU DSGVO Richtlinie (Art 9) bei öffentlichem wissenschaftlichen Interesse mit Auflagen, aber ohne Einverständnis der Betroffenen ausgewertet werden.

Quelle: „Public Health – Wie kann der Einzelne von großen Populationen profitieren?“, Vortrag im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV), Wien, 5.–7.12.19

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