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Corona: Keine Walpurgisfeiern am 30. April

Der schwedische Spagat: Trotz harter Triage Intensivstationen immer voller

Am 30. April ist in Schweden Walpurgisnacht. Von Feiern wird dringend abgeraten

Der „schwedische Weg“ – ohne Lockdown – wird immer mühseliger. Mindestens 2.462 Covid-19-Todesopfer säumen ihn schon, 20.302 Menschen sind nachweislich mit SARS-Cov-2 infiziert. Bisher haben 1.435 Menschen intensivmedizinische Behandlung benötigt, derzeit liegen 549 Patienten auf der Intensivstation. 1.096 Intensivbetten stehen laut den Behörden landesweit zur Verfügung (Stand: 29.04.2020). Allerdings rangieren die freien Kapazitäten je nach Spital von 0–60 Prozent, weswegen viele Covid-19-Intensivpatienten in andere Krankenhäuser transportiert werden müssen. Ärzte sprechen von einer „harten Priorisierung“, zu der sie gezwungen sind. Auch die Wirtschaft leidet. Ein Blick hinter die Statistik.

Die Langmut vieler Schweden wird auf eine harte Probe gestellt. Obwohl die meisten eisern die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden einhalten – fast so als wollten sie ihnen ausrichten, auf uns braucht ihr euch nicht hinausreden –, steht Schweden (10,2 Mio. Einwohner) mit den Toten pro 100.000 Einwohner schon an siebter Stelle weltweit. Und dies, obwohl nur jene Covid-19-Tote, die in Spitälern oder Altenheimen verstorben sind, in den Statistiken aufscheinen, deren Kurven überdies tage- bis wochenlang den aktuellen Zahlen hinterherhinken.

„Ich bin nicht nur eine Ziffer, ich bin ein Mensch“

„Jag är inte bara en siffra jag är en människa“, steht auf einem Zettel in einem Blumenmeer auf dem Mynttorget (Münzenplatz) in der Altstadt Stockholms – mittlerweile eine inoffizielle Gedenkstätte für trauernde Angehörige. Immer mehr üben sich im stillen Protest und klagen an, dass hinter jeder statistischen Zahl ein Mensch steht. „Geliebter Papa Arne, warum hatte die Hauskrankenschwester und das Pflegepersonal keine Schutzausrüstung, warum schützt ihr nicht unsere Älteren?“, steht auf einem anderen Zettel, draußen auf der Straße.

Drinnen, jeden Tag um 14 Uhr, erklären Vertreter der offiziellen Gesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten), Staatsepidemiologe Anders Tegnell oder sein Stellvertreter Anders Wallensten, abwechselnd mit Vertretern der Generaldirektion für Gesundheit und Sozialwesen (Socialstyrelse), die neuesten Zahlen und Kurven. Die schwedischen Journalisten beweisen ebenfalls Langmut und fragen hartnäckig jeden Tag nach, manchmal im selben Wortlaut. Die Antworten sind ebenfalls ähnlich: Es gebe so viele Einflussfaktoren, man arbeite an den Analysen, man müsse den Langzeitverlauf abwarten. An manchen Tagen werden auch Fehler eingestanden wie etwa eine falsche Variable zur Berechnung der Durchseuchungsrate. Bei kritischen Fragen, wie dem Vergleich der Lage New York mit Stockholm, gibt es Retourkutschen mit etwas unwirschem Fingerzeig auf andere Länder, die noch mehr Tote haben. In puncto Schutzausrüstung mache man, was man könne und jeder, der ein Intensivbett brauche, bekomme auch eines.

Doch just bei der laufend aufgerüsteten Anzahl an Intensivbetten, wurden am 28.04.2020 beunruhigende Zahlen publik: Die freie Kapazität an Intensivbetten betrage im Mittel etwa 30 Prozent, von 0–60 Prozent in einzelnen Spitälern. Welche davon keine Kapazitäten mehr frei haben, sage man nicht, da sich dies jeden Tag ändere und die Verteilung der Patienten gewährleistet sei, 1.085 Plätze stünden derzeit landesweit zur Verfügung (29.04.2020: 1.096 Intensivbetten).

Triage nach dem biologischen Alter

Bei Fragen nach den Kriterien für eine Intensivbehandlung wird auf die nationalen Prinzipien für Priorisierung („prioritering“) unter außergewöhnlichen Umständen verwiesen, an die sich Ärzte zu halten haben. Die Indikationen sind demnach biologisches Alter unter 80 Jahre (entspricht nicht dem chronologischen Alter), biologisches Alter zwischen 70 und 80 und signifikante Schwäche maximal eines Organsystems (z.B. Atmung, Kreislauf, Niere) sowie biologisches Alter zwischen 60 und 70 und signifikante Schwäche maximal zweier Organsysteme.

Für die Ärzte keine leichte Aufgabe – schon am 24.04.2020 schlugen mehrere Ärzte des Karolinska-Universitätskrankenhaus gegenüber der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“ (DN) Alarm: Die Priorisierungen seien so „hart“, dass Patienten „unnötig“ sterben müssten. Und: „Wir werden gezwungen, Menschen vor unseren Augen sterben zu lassen“, wird ein Arzt in DN zitiert, obwohl es nach wie vor freie Intensivbetten gebe. Am nächsten Tag, 25.04.2020, gab Björn Persson, Leiter der Intensivstation des Karolinska-Universitätskrankenhaus, an, keine Fälle zu kennen, bei denen härter als normal priorisiert worden wäre. Allerdings, so wird Persson zitiert: „Wir verwenden das biologische Alter, um die Bedingungen für das Überleben auf der Intensivstation zu beurteilen – vielleicht etwas klarer als zuvor.“

Grundschullehrer verstorben

Schwedische Zeitungen und das schwedische Fernsehen „SVT“ berichten auch immer mehr von einzelnen Schicksalsschlägen: Ein 59-jähriger Grundschullehrer einer Schule in Skellefteå, Provinz Västerbotten, sei an Covid-19 verstorben, mindestens neun Lehrerkollegen wurden positiv getestet. Der zuständige Infektionsarzt vermutet, dass sich der Lehrer in der Schule angesteckt hatte. Eine 39-jährige Krankenschwester, die Covid-19-Patienten im Karolinska-Universitätskrankenhaus betreut hatte, wurde am Mitte April positiv getestet – und ging in Krankenstand, vier Tage später starb sie, daheim. Nun wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft eine Voruntersuchung zum Tod von Marielle DeBruhl, so ihr Name, eingeleitet hat. Laut Anzeige bei der Polizei sei nicht genug Schutzausrüstung vorhanden gewesen.

Zurück zum Mynttorget: Mirrey Gourie hat die Gedenkstätte ins Leben gerufen. Als eine Art Therapie. „Ich konnte meinen Papa nicht umarmen, als er starb“, wird sie in der Reportage in DN (27.04.2020) zitiert. Wie viele andere trauernde Angehörige – mittlerweile mehr als 400 aus ganz Schweden – drücke sie ihre Frustration aus und frage sich, wie das alles passieren konnte.

Das andere Schweden: Ostern, der Geburtstag des Königs und die Warnung vor Walpurgisfeiern

Staatsepidemiologe Anders Tegnell warnte aktuell vor Walpurgisnachtfesten, kurz „Valborg“, die traditionell in der Nacht von 30. April auf den 1. Mai ausgiebig gefeiert werden. Das Fest geht auf die Heilige Walpurgis, die in Deutschland lebte, zurück. Am 30. April hat auch der schwedische König Carl XVI Gustaf Geburtstag.

Der König hatte sich vor Ostern, am Palmsonntag, 05.04.2020, im öffentlich-rechtlichen schwedischen Fernsehen „SVT Nyheter“ an die Menschen in Schweden gewandt: Covid-19 habe Schweden und die Welt fest im Griff. Die Straßen und Plätze seien beinahe „leer und still“. Die Pandemie treffe auch Unternehmen, den Arbeitsmarkt und die schwedische Wirtschaft hart, ja, die gesamte schwedische Gesellschaft, sagte der König und appellierte mit deutlichen Worten, zu Ostern daheim zu bleiben: „Für die meisten von uns sind das ziemlich kleine Opfer, nicht zuletzt wenn man vergleicht mit jenen, die ernsthaft krank werden, die einen Freund oder ein Familienmitglied verlieren. Ich denke heute besonders an alle Kinder in unserem Land, die nun riskieren, Großeltern zu verlieren und die Sicherheit und Erfahrung, die sie anbieten können. Um ihretwillen müssen wir verantwortungsvoll und selbstlos handeln.“ Nachsatz: „Mit dieser Wahl, die wir heute treffen, werden wir lange leben.“ Sie werde sich auf viele auswirken.

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