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Maßnahmenpaket

Ärzte mahnen mehr Schutz für Praxen und Spitäler ein

Sie stehen an vorderster Front, haben täglich Kontakt zu ihren Patienten – jedoch viele davon ungeschützt, insbesondere in den Praxen. So geht das nicht, warnen immer mehr Ärzte, da sie sich unvermeidlich früher als später mit dem Coronavirus infizieren und selbst krank oder in Quarantäne müssen. Was dann? Die Ärztekammer arbeitet mit den Gesundheitspartnern mit Hochdruck an Lösungen.

Schon vor wenigen Wochen gab es aus mehreren Bundesländern immer lauter werdende Ärzte-Hilferufe nach Schutzausrüstung im Kampf gegen das Coronavirus. Viele versuchten auf eigene Faust, Masken, Brillen, Schutzkleidung aufzutreiben, doch dies ist in Zeiten der Corona-Pandemie kein leichtes Unterfangen. Erst zu Wochenbeginn, 16.03.2020, spitzte sich die Lage zu, als 200 niedergelassene allgemeinmedizinische Kassenärzte in Niederösterreich einen dringenden Appell absetzten: Gerne seien sie bereit, die Bevölkerung zu betreuen, täglich ihre Gesundheit, „in diesen Zeiten sogar ihr eigenes Leben“ für die Gesundheit und das Leben der ihnen anvertrauten Menschen zu riskieren. Keiner drücke sich, aber „sinnlos verheizt“ werden – weil ungeschützt – wollen sie deswegen nicht.
Neben den gesundheitlichen Risiken kommen auch ökonomische Sorgen dazu, wie es mit den Praxen weitergeht – bis hin zur Angst vor dem Ruin. Nicht zuletzt ist auch die große Gruppe der Wahlärzte verunsichert.
Eine leichte Entspannung zumindest für die niederösterreichischen Ärzte gab es dann am Dienstag, 17.03.2020. Mit Unterstützung der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) konnte die NÖ Ärztekammer den am meisten gefährdeten niedergelassenen Ärzten 6.400 Schutzmasken zur Verfügung stellen. In der Steiermark hatte die Ärztekammer vor knapp zwei Wochen 7.000 Schutzmasken und Schutzbrillen an die steirischen Arztpraxen verteilt. In Salzburg versorgte wiederum das Land über Ersuchen der Ärztekammer die niedergelassenen Ärzte mit 95.000 Schutzmasken.

Gemeinsamer Einsatz, um Schutzausrüstung zu bekommen

„Der Mangel an schützender Ausrüstung ist sicherlich problematisch“, räumt Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, gegenüber medonline ein. Der Markt sei derzeit schwierig, zudem gebe es Grenzsperren, die bewirken, dass bestellte Ausrüstung nicht ins Land komme: „Über unsere Einkaufsgesellschaft Equip4Ordi in Wien wurden sehr viele Masken gekauft, mit denen teilweise auch andere Bundesländer versorgt werden konnten.“ Die ÖÄK stehe in ständigem Kontakt mit den Landeskammern und alle gemeinsam würden derzeit „alles in ihrer Macht Stehende“ unternehmen, um weitere Schutzausrüstung zur Verfügung stellen zu können. In Niederösterreich konnte die Ärztekammer hier eben schon mit Unterstützung der ÖGK 6.400 Schutzmasken für Ordinationen bereitstellen.

Viele Erleichterungen durch die ÖGK

„Zeitgleich setzen wir gemeinsam Maßnahmen, um Ärztinnen und Ärzte auch auf anderen Wegen vor Infektionen zu schützen, etwa mithilfe von telemedizinischer Behandlung oder der elektronischen Krankschreibung“, fährt Steinhart fort, „zudem appellieren wir laufend an die Patientinnen und Patienten, Besuche in den Ordinationen nur in notwendigen Fällen und nach telefonischer Voranmeldung zu unternehmen und im Verdachtsfall keinesfalls in Ordinationen oder Ambulanzen zu kommen.“
Dass die aktuelle Situation auch wirtschaftliche Auswirkungen auf die Ärzte haben könne, ist der Niedergelassen-Bundeskurie bewusst: „Wir nehmen diese Sorgen auch sehr ernst und sind diesbezüglich im ständigen Kontakt mit den Krankenkassen, dem Ministerium und den Behörden.“ Die Regierung arbeite an einem Hilfspaket und Maßnahmen zur finanziellen Unterstützung aller betroffenen Menschen, versichert Steinhart.
„Wir haben immer betont, dass auch die Wahlärztinnen und Wahlärzte ein wichtiger Teil der Gesundheitsversorgung sind“, erinnert Steinhart. Auch in dieser Situation würden sie alle ihr Bestes leisten, „um dafür zu sorgen, dass das Versorgungssystem in Österreich aufrecht bleibt. Wir bemühen uns bei den Verantwortlichen sehr darum, dass auch die Wahlärzte ausreichend mit Schutzausrüstung ausgestattet werden.“

„Spitäler werden der Hot Spot sein“

Dr. Harald Mayer, ÖÄK-Vizepräsident und Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte, richtet das Augenmerk auf die Situation in den Spitälern: „Die Spitäler werden der Hot Spot sein. Es ist notwendig, Maßnahmen zu setzen, um diesen hoch gefährdeten Bereich maximal zu schützen.“ Operationen, die nicht akut sind, wurden bereits verschoben, Überweisungen in die Spitäler reduziert, die Intensivbetten-Kapazität ausgebaut und Besuche nur im palliativmedizinischen Bereich und auf Kinderstationen limitiert zugelassen. „Viele Spitäler haben zuletzt Schleusen und Kontrollen an den Eingängen umgesetzt und Gesundheitsminister Rudolf Anschober kündigte jüngst an, die Testungen im Spitalsbereich zu verstärken“, berichtet Mayer. Nachsatz: „Auch in der Organisation sollten sich alle Krankenhausträger auf die Herausforderungen vorbereiten, die auf uns zukommen.“

In Kohorten über längeren Zeitraum arbeiten

Um zu vermeiden, dass gesamte Abteilungen geschlossen werden müssen, sollten etwa die Dienstpläne gut durchdacht sein, abhängig von der jeweiligen Abteilungsgröße und dem Einsatzgebiet, schlägt Mayer vor. „Wichtig ist, dass die Spitalsmitarbeiter in Kohorten arbeiten, also nicht jeden Tag mit verschiedenen Kolleginnen und Kollegen arbeiten, sondern über einen längeren Zeitraum mit denselben Kolleginnen und Kollegen. Im Falle einer Infektion und einer darauf folgenden Quarantäne würde damit nur ein Teil des Personals für die Zeit der Quarantäne ausfallen, die Dienste können hier dann andere Teams übernehmen“, erläutert Mayer. Klar definierte, fixe Teams würden so eine Verbreitung der Infektionen durch die Reduktion der täglichen Kontakte vermeiden, „so können wir den Spitalsbetrieb auch bei zunehmenden Infektionsraten aufrecht halten“.

Spitalsträger und Regierung gefordert

Weitere, auf die jeweilige Abteilung zugeschnittene Konzepte für die Aufrechterhaltung des medizinischen Betriebs und den Schutz des Personals müssten jetzt rasch erstellt und kommuniziert werden, urgiert der Spitalsarzt. Je mehr Spitalsträger sich auch beim Personal strukturiert organisieren würden, desto besser seien sie für die kommenden Coronavirus-Infektionen gerüstet.

Das Problem mit der Schutzkleidung sollte bundesweit gelöst werden, meint Mayer, „hier ist die Regierung gefordert“.

Maßnahmenpaket der ÖGK für rasche Versorgung

Im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus in Österreich hat die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) am 13.03.2020 in Zusammenarbeit mit sämtlichen Partnern ein rasches und unbürokratisches Maßnahmenpaket geschnürt, das seit Montag, 16.03.2020, gilt:

  • Für die Dauer der Pandemie können Medikamentenverordnungen auch nach telefonischer Kontaktaufnahme zwischen Arzt/Ärztin und PatientIn erfolgen. Die Abholung in der Apotheke erfordert nicht mehr unbedingt ein Papierrezept. Die Übermittlung des Rezepts von Arzt/Ärztin an die Apotheke kann auch auf anderem Weg erfolgen. Die Medikamente können in den Apotheken auch an andere Personen, sofern sie Namen und die SV-Nummer des Patienten/der Patientin kennen, abgegeben werden.
  • Über den Zeitraum der Pandemie fällt zudem die Bewilligungspflicht bei den meisten Medikamenten.
  • Bei Medikamenten kann der Bedarf für 3 Monate abgegeben werden, nur bei speziellen Fällen (bei Neueinstellungen) muss eine direkte Kommunikation mit dem Arzt/der Ärztin stattfinden.
  • Krankentransporte sind bis auf Weiteres bewilligungsfrei.
  • Gleiches gilt für Heilbehelfe und Hilfsmittel bis zu einem Gesamtausmaß von 1.500 Euro sowie Röntgen und Schnittbilduntersuchungen.
  • Arbeitsunfähigkeitsmeldungen (AU) sind während dieser Phase ebenfalls telefonisch möglich.
  • Telemedizinische Krankenbehandlungen (Skype, Videokonferenz, Telefon) können, soweit sie notwendig sind, wie eine in der Ordination erbrachte Leistung abgerechnet werden. Diese Regelung gilt für Ärzte, Hebammen, Psychotherapeuten und Psychologen.
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