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Homöopathie-Debatte

Nun sag, wie hast du’s mit den Globuli?

Ein Homöopathiehersteller droht Kritikern mit Klage, das Thema schafft es ins Late-Night-Programm. Wie sollten Österreichs Ärzte mit der Gretchenfrage zur Homöopathie umgehen? (ärztemagazin 7/19)

Des Pudels Kern
Dies ist keine Debatte um die (Un-)Wirksamkeit der Homöopathie; wir gehen der Frage nach, wie ein ethischer Umgang mit Homöopathie in der Praxis möglich ist.

PI IST GENAU DREI. Jedenfalls sollte so anno 1887 in Indiana (USA) die Kreiszahl per Gesetz festgeschrieben werden. Kreise zeigen eine enorme Ignoranz gegenüber Gesetzen, kein jemals gezeichneter Kreis ließ sich davon beeindrucken. Naturgesetze richten sich nicht nach juristischen Vorlagen. Die Wirkung von Homöopathie kann genauso wenig herbeigeklagt werden, wie Pi sich juristisch festlegen lässt. Den Hersteller Hevert hat das nicht davon abgehalten, prominente Kritiker per Anwalt abmahnen zu lassen; beispielsweise Dr. Natalie Grams, die früher selbst als Homöopathin praktizierte und heute eine der bekanntesten Kritikerinnen ist.

Sie soll es zukünftig unterlassen zu behaupten, Homöopathie sei nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksam. Pro Verstoß wären sonst 5.100 Euro fällig. Man könnte den juristischen Angriff als Panikreaktion auf verstärkten Gegenwind für die Homöopathie interpretieren: Die Kritiker haben sich formiert, sprechen von einer „Globokalypse“, die Medien werden kritischer und zahlreiche Staaten ziehen die Konsequenz aus den wissenschaftlichen Daten: Aktuell hat die französische Gesundheitsbehörde bekannt gegeben, keinen Nutzen in Homöopathie zu sehen, England und Australien stehen schon länger auf diesem Standpunkt. Und auch in Österreich tut sich Überraschendes: Die Wiener Ärztekammer hat die Österreichische Ärztekammer Ende Mai aufgefordert, das ÖÄK-Diplom „Homöopathie“ zukünftig nicht mehr zu vergeben.

LIEBER NOCH MAL SCHÜTTELN. Ganz so schnell geht es dann doch nicht. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, PhD, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), zum Stand der Dinge: „Mittlerweile gibt es dazu eine Stellungnahme der ÖÄK. Demnach hat der Bildungsausschuss die Anregung aus Wien diskutiert und sieht derzeit keinen Änderungsbedarf. Der Ausschuss folgt damit der inhaltlichen Meinung des ÖÄK-Vorstands, wonach die Diplome eine sinnvolle Ergänzung der Schulmedizin darstellen und so garantiert wird, dass die ausführenden Ärztinnen und Ärzte Kompetenzen im komplementärmedizinischen und im schulmedizinischen Bereich besitzen. Damit ist der Patient immer umfassend informiert. Bei der Homöopathie geht es ja um keine medizinische Frage, sondern um eine standespolitische, wo die Meinungen der Wiener Funktionäre sich vom österreichweiten Konsens unterscheiden. Derartige Unterschiede gibt es immer wieder.“

„Letztlich gibt das Ärztegesetz eine klare Leitlinie vor: Ärztinnen und Ärzte haben nach dem Stand der medizinischen Wissenschaften und der Erfahrung ausschließlich im Sinne des Patientenwohls zu arbeiten.“
Thomas Szekeres

ODER DOCH ABSCHAFFEN? Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen, Leiter der Abteilung Allgemein- und Familienmedizin der MedUni Wien, sieht das Diplom kritischer: „Die Homöopathie ist eine komplementärmedizinische Methode ohne wissenschaftlichen Wirknachweis. Das Fortbildungsdiplom Homöopathie sollte daher gestrichen werden, weil wir in der Praxis und in der Klinik wissenschaftsbasierte Medizin anbieten sollen, für die es einen Nutzennachweis gibt. Ersatzlos würde ich nicht unbedingt sagen. Ein beträchtlicher Anteil ärztlicher Tätigkeit beruht auf Suggestiveffekten – der Arzt selbst ist die Droge, und jede Form medizinischer Intervention beinhaltet Placeboeffekte, selbst diagnostische Maßnahmen. Diese Suggestiv- und Placeboeffekte setzen wir mehr oder weniger bewusst in der Praxis täglich ein, und sie helfen den Patienten und unterstützen die Selbstheilungsprozesse, ohne die die Medizin einpacken könnte.

Leider erfahren die angehenden Ärzte im Medizinstudium viel zu wenig hierüber. Man könnte also über ein Fortbildungsdiplom über Suggestiv- und Placeboeffekte nachdenken, in dem dann diese Effekte von komplementärmedizinischen Maßnahmen mit diskutiert werden.“ Doch in dieser Diskussion läuft laut Sönnichsen noch einiges falsch: „Leider werden komplementärmedizinische Verfahren von deren Verfechtern oft zu einer Art Religion gemacht, um sich so der wissenschaftlichen Herangehensweise zu entziehen, und das macht eine sachliche Diskussion unmöglich. Das hat in Fortbildungsdiplomen der offiziellen Standesvertretung nichts zu suchen, und natürlich auch nicht im Curriculum der medizinischen Hochschulen.“

„Die Homöopathie ist eine komplementärmedizinische Methode ohne wissenschaftlichen Wirknachweis. Das Fortbildungsdiplom Homöopathie sollte daher gestrichen werden.“
Andreas Sönnichsen

VOM RICHTIGEN UMGANG. Die Ärztekammer hat sich vorerst mit sich selbst geeinigt, doch eine einheitliche Position der Ärzteschaft zur Homöopathie gibt es deshalb natürlich noch nicht. Kritikerin Dr. Natalie Grams verlangt zumindest ehrliche Information: „Unser Ansatz ist keinesfalls, dass die Homöopathie verboten werden soll, sondern dass die Menschen, Laien und Experten, über ihren wahren Charakter Bescheid wissen. Wer sich dann ganz bewusst, auf eigene Kosten und Verantwortung für ein Placebo in Kügelchenform entscheidet, kann dies natürlich tun. Ob Ärzte ethisch handeln, wenn sie ihren Patienten erklärt oder verdeckt Placebos anbieten, kann nur im Einzelfall entschieden werden.“

Szekeres schildert seine Anforderungen an den Umgang mit Homöopathie so: „Ich erwarte mir hier jenen Umgang, den auch die Österreichische Gesellschaft für Homöopathische Medizin vorschreibt: eine genaue Anamnese, eine klinische Untersuchung, eine genaue diagnostische Abklärung der Erkrankung, die klinische Verlaufskontrolle, das ärztliche Gespräch sowie die Aufklärung über andere Behandlungsmöglichkeiten, Indikationen, Grenzen, Möglichkeiten und Verlauf der homöopathischen Therapie. Letztlich gibt auch das Ärztegesetz eine klare Leitlinie vor: Ärztinnen und Ärzte haben nach dem Stand der medizinischen Wissenschaften und der Erfahrung ausschließlich im Sinne des Patientenwohls zu arbeiten.“

Sönnichsen wünscht sich mehr Sachlichkeit in der Debatte und auch über dieses Thema hinaus eine wissensbasierte Herangehensweise: „Für mich gibt es keine Dichotomisierung zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin. Wir sollten viel intensiver reflektieren, was ist wirklich gut für unsere Patienten … Die Gefahr bei der Homöopathie sehe ich vor allem darin, dass Patienten eine wirkungsvolle Therapie vorenthalten wird, wenn die Homöopathen ihre Grenzen nicht erkennen. Oder anders: Man kann gerne Homöopathie praktizieren, solange der Patient nicht wirklich krank ist und nur eine Suggestivbehandlung banaler Befindlichkeitsstörungen benötigt. Wenn man dagegen der Meinung ist, dass man einem Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 ein homöopathisches Mittel verschreiben könnte statt Insulin, dann wird es gefährlich, um nicht zu sagen kriminell.“

„Wer sich bewusst, auf eigene Kosten und Verantwortung für ein Placebo entscheidet, kann dies natürlich tun. Ob Ärzte ethisch handeln, wenn sie ihren Patienten erklärt oder verdeckt Placebos anbieten, kann nur im Einzelfall entschieden werden.“
Natalie Grams

DER SONDERSTATUS. Homöopathie genießt den Sonderstatus des Medikaments, ohne dafür eine spezifische Wirksamkeit nachweisen zu müssen. Der Binnenkonsens ist ausreichend. Die meisten Laien wissen davon nichts, im Zuge der Debatte wird auch dieser Sonderstatus regelmäßig angegriffen. Auch Sönnichsen findet das nicht zeitgemäß: „Für medizinische Verfahren jeglicher Art, sei es für diagnostische oder therapeutische oder präventive Maßnahmen, muss ein wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden, dass das Verfahren oder die Maßnahme den Patienten nützt und sicher ist. Das gilt auch für die Homöopathie.“ Wenig überraschend wird Grams hier noch deutlicher: „Der Binnenkonsens begründet sich allein historisch, aktuell und nach Kenntnisstand der Wissenschaft hat er keine Berechtigung mehr.

Deshalb setzen wir vom Informationsnetzwerk Homöopathie uns auch dafür ein, dass die Homöopathie entweder den Status eines Arzneimittels aberkannt bekommt, denn sie wirkt nicht sicher besser als ein Placebo, oder sich den Anforderungen eines normalen Medikaments stellt und ihre Wirksamkeit in regelhaften klinischen Studien überzeugend und wiederholbar nachweisen muss – und bis dahin eben auch nicht zugelassen ist. Wir halten die Sonderregelung der ,Selbstbestätigung der Wirksamkeit‘ im Arzneimittelgesetz für überholt und falsch. Wir würden auch bei normalen Medikamenten nicht zulassen, dass die Hersteller sich irgendetwas selbst bestätigen – aus sehr guten Gründen.“

Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann widmete dank der Firma Hevert der Homöopathie eine Sendung

SATIRE. Jan Böhmermann hat im deutschen Fernsehen das Thema aufgegriffen und einen Rundumschlag gegen die Homöopathie geliefert – an dem sachlich nur wenig auszusetzen war. Die Ärztekammer muss sich mit dem Festhalten am Diplom die (polemische) Frage gefallen lassen, ob es für Ärzte nicht peinlich ist, wenn ein Late-Night-Moderator und Satiriker bessere Patientenaufklärung leistet als die österreichische Ärzteschaft. Dazu Szekeres: „,Scheiße labern‘ halte ich für kein stichhaltiges oder gar besseres Argument – weder im wissenschaftlichen Diskurs noch in der Patientenaufklärung. Und ich möchte nicht, dass Patientenaufklärung zum Satireprogramm verkommt, dazu ist das Thema viel zu wichtig. Wenn ein Satiriker einen Anstoß zur Diskussion gibt, habe ich nichts dagegen, aber die Diskussion muss absolut ernsthaft geführt werden.“ Zumindest darin dürfte Einigkeit bestehen.

 

IM GESPRÄCH
Dr. Natalie Grams,
Ärztin und ehemalige
Homöopathin
www.netzwerkhomoeopathie.info

 

IM GESPRÄCH
Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, PhD,
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

 

IM GESPRÄCH
Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen,
Abteilung Allgemein- und Familienmedizin der Medizinischen Universität Wien

 

 

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